Beschäftigte haben Branche gewechselt Neustart nach Corona-Zwangspause: Gastronomie sucht dringend Personal

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Die Hotel- und Gastrobranche in Sachsen-Anhalt sucht händeringend Mitarbeitende. Viele Beschäftigte sind nach der Corona-Zwangspause in anderen Branchen untergekommen. Bundesweit trifft das auf 15 Prozent des Personals zu. Ein Trend, der auch in Sachsen-Anhalt zu beobachten ist.

Eine Frau macht die Betten in einem Hotelzimmer.
Im Havelberger ArtHotel laufen die Vorbereitungen für den Neustart nach Corona. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Noch ist es ruhig im Havelberger "Art Hotel Kiebitzberg". Die Tische im Restaurant sind verwaist, der Lindenpark neben dem Hotel leer. Nur einzelne Zimmer sind vermietet. Während des Lockdowns hat das Hotel eine kleine Zahl Geschäftsreisender beherbergt, sodass es nie ganz leer war.

Darüber ist Hotelchefin Renate Lewerken froh. "Nach dem ersten Lockdown im vorigen Jahr hatten wir Anlaufprobleme", sagt sie. Mehrere Kühltruhen hätten die arbeitsfreie Zeit nicht überstanden. Und auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sei es teilweise schwer gefallen, wieder von Null auf Hundert hochzufahren.

Fünf von sechs Köche suchten sich anderen Job

Diesmal soll es darum langsamer gehen. Das Restaurant wird am 1. Juli wieder öffnen. Allerdings steht es vor einem großen Problem: Während der Schließung seit dem 1. November haben sich fünf der sechs Köche einen anderen Job gesucht. Renate Lewerken hat durchaus Verständnis dafür. "Wenn man in seinem Beruf nicht verlässlich arbeiten darf und nicht weiß, wie es weitergeht, sucht man nach Alternativen."

Zwei Frauen an einer Hotelrezeption.
Hotel-Chefin Renate Lewerken (r.) an der Rezeption Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Das Hotel- und Gaststättengewerbe hat – vor allem auf dem Land – ohnehin mit Personalproblemen zu kämpfen. Egal, ob Koch, Kellner oder Zimmerservice: Hier muss jeden Tag gearbeitet werden, auch an Wochenenden und Feiertagen. Jedermanns Sache ist das nicht.

"Für mich gibt es diese Aufteilung nicht", erklärt Renate Lewerken. "Wir sind hier alle Gastgeber und immer für unsere Kunden da, das ist eine Selbstverständlichkeit." Wer engagiert ist, sei hier herzlich willkommen. Egal, ob gelernt oder ungelernt.

Neuer Küchenchef gefunden

Für ihre Küche hat sie immerhin einen neuen Chef gefunden. Der Österreicher Hubert Plos ist gerade dabei, sich in sein neues Reich hineinzufinden. Bislang sieht es so aus, als müsse er den Start allein bewältigen: Der Sous-Chef fällt wegen einer Erkrankung zumindest in der Anfangszeit aus. Neue Kräfte werden dringend gesucht, sind aber gerade im ländlichen Raum schwer zu finden. Auch Aushilfen, die vor allem im Gastrobereich tätig sind, müssen wieder neu rekrutiert werden.

Koch in der Küche.
Hubert Plos ist neuer Küchenchef im ArtHotel in Havelberg. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Großen Städten fehlen Aushilfskräfte

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Dehoga schätzt, dass gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2019 ungefähr 325.000 Arbeitskräfte deutschlandweit abtrünnig geworden sind. Vor allem die Schließung seit November habe viele dazu animiert, sich anderweitig auf dem Arbeitsmarkt umzugucken.

In den großen Städten wie Halle und Magdeburg fehlen vor allem Aushilfen. Gerade das Kellnern ist einer der klassischen Jobs, mit denen Studierende ihr Budget aufbessern. Doch da die Kosten während der Corona-Pandemie weiterlaufen und Studierende als Aushilfskräfte keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben, schauten sich viele nach anderen Möglichkeiten um.

Unternehmen haben Probleme, Betrieb wieder aufzunehmen

Fakt ist: Etliche Unternehmen haben große Not, ihren Betrieb wiederaufzunehmen. Zu den Personalsorgen kommen die ganz normalen Anlaufprobleme, die nach so langer Schließzeit normal sind: Die Lager müssen aufgefüllt, Leitungen gespült, die Technik wieder in Gang gebracht, teilweise auch repariert werden. Da alle Gastronomen gleichzeitig ihre Kühlschränke wieder auffüllen, kommen die Lieferdienste kaum hinterher.

Hotelgebäude Auißenansicht
Das ArtHotel in Havelberg. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Auch Hubert Plos muss jetzt die Kühlkammern wieder neu bestücken. Ein paar Kartoffeln und Zwiebeln sind alles, was derzeit dort noch lagert. "Dann gibt es eben nur Kartoffelpuffer und Zwiebelkuchen", bemerkt Renate Lewerken sarkastisch zu dem traurigen Anblick. Zwei Wochen, so schätzt ihr neuer Küchenchef, braucht er, um alles wieder zu füllen.

Terminkalender füllt sich langsam wieder

Da das Restaurant ohnehin auf regionale und saisonale Küche setzt, sind die Vorräte nie üppig. Trotzdem musste auch hier weggeworfen werden. "Wenn Kartoffeln anfangen, zu keimen, kann man sie maximal noch auf den Acker legen, aber nicht auf den Teller", sagt die Geschäftsführerin rigoros. Mindesthaltbarkeitsdaten werden peinlich genau kontrolliert.

Allerdings hatte das Restaurant eigens ein Rind schlachten lassen vor der Schließung. "Das kann man nach einem Jahr natürlich nicht mehr verkaufen", findet die Hotelchefin. "Das ist etwas, was weh tut. Moralisch und finanziell."

Der Terminplan füllt sich langsam wieder. Nicht alle Veranstaltungen kann das Hotel derzeit durchführen. Größere Events etwa muss es ablehnen. Es fehlt einfach an Personal.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen. Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele - dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

MDR/Annette Schneider-Solis, Mario Köhne

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. Juni 2021 | 19:00 Uhr

11 Kommentare

ElBuffo vor 23 Wochen

Bis Ende 2022 beträgt der in der Gastronomie noch 7 statt der üblichen 19%. Jedenfalls fürs Essen. Es wird wohl niemand drum herum kommen, mehr zu bieten, wenn er Leute (zurück) haben will und die vielleicht im neuen Job bei anderen Arbeitszeiten mehr verdienen. Ich glaube, das nennt sich Arbeitsmarkt. Und auch da bestimmen Angebot (nee, das sind nicht die Arbeitgeber) und Nachfrage den Preis. Wird dann eventuell langfristig ein paar Nachfrager vom Markt fegen.

Elbbewohner vor 23 Wochen

Es wird kommen wie bei den Friseuren nach der Einführung des Mindeslohns - wenigstens einigermaßen faire Löhne führen gleichzeitig zu steigenden Preisen. In diesem Sinne wäre dann Corona für das Personal auch mal positiv gewesen - und die Kunden werden sich daran schlicht gewöhnen.
Und was die Bezahlung der Mitarbeiter etwa der Gastronomie angeht: Wie wär's mit einem Tarifvertrag? Bei viel zu vielen kleineren Gastronomen und Hoteliers läuft fast der gesamte Service nur über Aushilfen. Von DEHOGA warte ich hier noch immer auf irgendeinen hilfreichen Vorschlag.

Guendor vor 23 Wochen

Wartet mal ab wenn es erst richtig los geht. Nicht Biergärten wenn Hotels, Eventbreich, Messen, Kongresse usw. Wieder öffnen/stattfinden. Mal schauen wer da noch bei Abschlussbällen, Jugendweihen, Einschulungen etc. arbeitet. Womöglich noch keine Chance auf Impfung, mit Maske Menschen mit Unverständnis bewirten. Die Preise die ich sehe, sind noch zu niedrig! Sagt jemand der nicht davon liest oder mal in Biergarten geht, sondern der es erlebt!

Mehr aus Elb-Havel-Winkel und Altmark

Mehr aus Sachsen-Anhalt