Krankenschwester demonstriert Geschlossenes Krankenhaus Havelberg: Wenn alles verstaubt

Daniel George
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38 Jahre lang hat Sandra Braun im Krankenhaus Havelberg gearbeitet. Nach der Schließung kämpft die Krankenschwester für den Erhalt der medizinischen Versorgung in der Hansestadt. Jede Woche geht sie mit anderen Demonstrierenden auf die Straße – und das bereits seit anderthalb Jahren.

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Seit anderthalb Jahren hängen die Demonstrierenden des Vereins "Pro Krankenhaus Havelberg" dieses Banner jede Woche auf. Bildrechte: MDR/Daniel George

Mitten im Raum stehen Behandlungsliegen. Auf dem Tisch zeichnen sich Packungen voller medizinischer Utensilien ab, womöglich Kanülen oder Ampullen. "Alles ist noch so, wie damals", sagt Sandra Braun. "Damals, als wir gehen mussten." Nur das Leben ist aus den Zimmern verschwunden. Alles verstaubt.

Der Blick durch die Fenster des ehemaligen Krankenhauses in Havelberg öffnet im Kopf von Sandra Braun die Kiste der Erinnerungen. Die Krankenschwester zeigt nach oben, hinauf zu den Fenstern im zweiten Stock, in Richtung der ehemaligen Entbindungsstation: "Da wurde ich geboren", sagt die 56-Jährige, "und meine beiden Kinder auch."

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38 Jahre lang hat Sandra Braun im Krankenhaus Havelberg gearbeitet. Nach der Schließung des Klinkums setzt sie sich für den Erhalt der medizinischen Versorgung in der Hansestadt ein.

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Dann wandert der Finger weiter, hin zu ihrem ehemaligen Büro: "Ein schönes Büro", sagt die frühere Betriebsratsvorsitzende. Viele Sorgen der Belegschaft hat sie sich dort angehört.

Sie wurde in Havelberg geboren, hat 38 Jahre lang in dem Krankenhaus gearbeitet. Sie hat unzählige Menschen aus der Region gesund gepflegt. Bis zum vergangenen Jahr. Dann war Schluss. Seitdem demonstriert Sandra Braun.

Havelberg Krankenhaus
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Wir sind hier echt politisch geworden wegen der ganzen Geschichte.

Sandra Braun, Krankenschwester aus Havelberg

Jede Woche auf der Straße – seit anderthalb Jahren

Die Geschichte von Sandra Braun ist auch eine über politisches Engagement von Bürgerinnen und Bürgern. Seit dem 10. Januar 2020, mehr als anderthalb Jahren, stehen die Mitglieder des Vereins "Pro Krankenhaus Havelberg" jede Woche auf der Straße. Jeden Donnerstag um 17 Uhr. Vor dem Dom, von dem es scheint, als wache er über die Stadt, treffen sie sich. Das ehemalige Krankenhaus ist in Sichtweite.

Mehrere Etappen liegen bereits hinter ihrem Protest. Sie haben in Havelberg demonstriert, vor dem Kreistag in Stendal, auch vor dem Landtag in Magdeburg. Erst wollten sie, dass das Krankenhaus erhalten bleibt. Doch die Klinik schloss im September vergangenen Jahres endgültig. Nur 37 Betten gab es damals noch, es war eines der kleinsten Krankenhäuser in ganz Deutschland.

Dann stand zur Debatte, ob der Landkreis das Klinkum zurückkauft. 2002 hatte der Kreis das Krankenhaus an das Unternehmen KMG verkauft. Ein Rückkauf scheiterte schließlich. Mittlerweile beherbergt der schlichte Flachbau ein Seniorenheim.

Dann setzten sie sich für ein medizinisches Versorgungszentrum ein. Das gibt es inzwischen. Im August, so wurde ihnen von der Politik versprochen, sagt Braun, sollen dann auch Pläne für eine Notfallversorgung vorgestellt werden. "Die brauchen wir auch wirklich dringend", sagt Sandra Braun. "Wir brauchen eine Art Rettungswache rund um die Uhr."

Zum einen für "Kleinigkeiten", wie Braun sagt. "Wenn sich mal jemand den Kopf aufgeschlagen hat oder Schnittwunden hat." Oder: "Auch für die älteren Leute, die im Sommer vielleicht mal dehydriert sind oder ähnliches. Da braucht es ja nicht viel, um ihnen zu helfen. Aber wenn sie dann erst 40 Kilomter weit weg gefahren werden, wo sie niemanden kennen, wo sie niemand besucht, dann gehen manche Menschen daran zugrunde."

Neue Intensivstation ist heute ein Speisesaal

Sandra Braun wurde in Havelberg geboren. Einer Hansestadt mit sechseinhalbtausend Einwohnern – zwei Stunden von Berlin, anderthalb Stunden von Magdeburg entfernt. Gerade noch in Sachsen-Anhalt, beinahe in Brandenburg.

Inzwischen lebt die 56-Jährige in Schönfeld, einem Dorf im Umland. Und genau um die Einwohner solcher Dörfer geht es bei ihren Demonstrationen auch. Denn: "In großen Städten mag das okay sein, dass die Krankenhauslandschaft auseinandergezogen wird, aber im ländlichen Bereich geht das absolut nicht", sagt sie. Das nächste Krankenhaus liegt in Kyritz, eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt, schon in Brandenburg.

Demonstrationen Auf der Straße in Havelberg, Stendal und Magdeburg

Plakat an einem Baum - Wir brauchen unser Krankenhaus.
Mit solchen Bannern machen die Demonstrierenden immer wieder auf die Situation in Havelberg aufmerksam. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Plakat an einem Baum - Wir brauchen unser Krankenhaus.
Mit solchen Bannern machen die Demonstrierenden immer wieder auf die Situation in Havelberg aufmerksam. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Menschen protestieren gegen die Schließung des Krankenhauses in Havelberg.
Sie waren sogar schon vor dem Landtag in Magdeburg. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms
Demonstranten versammeln sich auf einem Platz und halten Plakate hoch. Darauf steht zum Beispiel: "Havelberg stirbt aus, ohne unser Krankenhaus."
Und sie standen auch schon vor dem Kreistag in Stendal. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
Ein gestellter Wagen mit einem Mann im Krankenbettt und einer gestellten Krankschwester vor ihm sowie der Aufschrift "Symbolisch stehen wir hier für unsere ländliche Region" auf einem Banner.
Immer versuchen präsentieren sie dabei neue symbolische Aktionen. Bildrechte: MDR/Alexander Klos
Demonstranten stehen mit einigen Schildern auf einem Platz in Havelberg.
Bei der größten Demo waren 600 Menschen anwesend. Bildrechte: MDR/Alexander Klos
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Mittlerweile ist es meist der harte Kern.

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Das dortige Klinikum gehört ebenfalls der KMG-Gruppe, genau wie das ehemalige Krankenhaus in Havelberg und jetzige Seniorenzentrum. KMG bietet mittlerweile einen kostenlosen Shuttle-Service von Havelberg nach Kyritz an. Dieser fährt jedoch nur zweimal am Tag. Noch 2016 wurde im Havelberger Krankenhaus groß investiert – und zwar in eine neue Intensivstation. Übrigens auch mit Beatmungsplätzen. Doch mitten in der Corona-Pandemie dann die Schließung des Krankenhauses. Der Grund: Es rechnete sich nicht.

Wieder zeigt Sandra Braun nach oben: "Heute", sagt sie, "ist dort der Speisesaal des Seniorenzentrums drin." Sie schüttelt den Kopf: "Das ist einfach alles unfassbar."

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38 Jahre lang hat Sandra Braun im Krankenhaus Havelberg gearbeitet. Nach der Schließung des Klinkums setzt sie sich für den Erhalt der medizinischen Versorgung in der Hansestadt ein.

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"Wir machen das für die Leute hier"

Auch an diesem zweiten Donnerstag im Juli 2021 haben sich wieder 25 Demonstrierende vor dem Dom versammelt. Anfangs waren sie einmal 600, hatten mobil gemacht. Mittlerweile erscheint meist der harte Kern. Ein paar Touristen bleiben stehen und beobachten. Drei Polizisten und eine Dame vom Ordnungsamt passen auf.

Achim Müller verteilt Schilder an die Demonstrierenden, auf denen zum Beispiel geschrieben steht: "Deutschlands Gesundheitssystem ist krank." Müller arbeitete früher wie fast alle hier im Havelberger Krankenhaus. Er war OP-Helfer. Fast alle haben mittlerweile anderswo wieder einen Job gefunden. Trotzdem sagt er: "Das hat uns hart getroffen. Das war schon schwer."

Weil die Belegschaft eben zu großen Teilen seit Jahrzehnten auch eine eingeschworene Gemeinschaft war. Durch die Demonstrationen erhalten sie sich ein bisschen dieses Gefühl.

Dazu zählt auch Karola Schulze. Sie ist mit Sandra Braun vor zehn Jahren einmal auf dem Jakobsweg gewandert. "Das hat uns zusammengeschweiß", sagt Schulze. Heute wandern sie die Straßen von Havelberg entlang. Das ehemalige Krankenhaus meiden sie auf ihrer Route mittlerweile. Die KMG habe sich bei vergangenen Demonstrationen beschwert, erzählt Schulze.

Sie erzählt von Gesetzestexten und Briefen an Ministerpräsident Reiner Haseloff. Sie steckt tief im Thema. "Wir machen das hier ja alles nicht mehr für uns, wir sind alle anderswo untergekommen", sagt sie. "Wir machen das hier für die Leute in der Region, die einfach eine angemessene medizinische Versorgung verdient haben."

Erst schließt das Krankenhaus ... und dann?

Sandra Braun arbeitet mittlerweile als Krankenschwester in Rathenow, hinter der brandenburgischen Grenze. Auch sie hat inzwischen einen Blick für das große Ganze. "Wir sind mit unserer Situation ja nicht allein in Deutschland", sagt sie. Eins von vier Krankenhausbetten fiel in Deutschland laut Statistischem Bundesamt von 1991 bis 2018 weg. Etwa eine von fünf Kliniken schloss seit der Wende.

Und für die Havelberger geht es nicht nur um das Klinikum, sagt Braun: "Wenn das Krankenhaus weg ist, dauert es doch nicht mehr lange, dann schließen auch andere Einrichtungen." Das Gymnasium solle zum Beispiel seit Jahren geschlossen werden. Viel los ist schon jetzt nicht mehr in der Hansestadt. Die Straßen im Zentrum bleiben bis auf wenige Touristen auch an diesem Tag weitestgehend leer.

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38 Jahre lang hat Sandra Braun im Krankenhaus Havelberg gearbeitet. Nach der Schließung des Klinkums setzt sie sich für den Erhalt der medizinischen Versorgung in der Hansestadt ein.

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Wenn nun schon kein Krankenhaus zurückkommt, soll es doch zumindest mit der Notfallversorgung klappen – so der Wunsch der Demonstrierenden. Im August sollen die Pläne vorgestellt werden. Deshalb verfolgen sie auch die Landespolitik. "Ich bin ehrlich: Vor zwei Jahren hätte mich so etwas wie die Sondierungsgespräche nach der Landtagswahl nicht interessiert", sagt Sandra Braun. "Aber jetzt verfolgen wir das gespannt."

Die Krankenschwester sagt: "Wir sind hier echt politisch geworden wegen der ganzen Geschichte. Jetzt hoffen wir, dass das Sozialministerium weiter in Händen der SPD bleibt. Die handelnden Personen dort kennen unsere Situation. Nicht, dass da jetzt jemand Neues kommt, der sagt, dass ihm das egal ist, was die Vorgänger da verzapft haben."

Nach der Demo wirft Sandra Braun ein letztes Mal an diesem Tag einen Blick in Richtung Krankenhaus. "Diese Sache", sagt sie, "hat uns die Augen geöffnet. Wir haben hinter die Vorhänge geschaut. Wir haben gesehen, dass es nur um den Profit und nicht um die Menschen geht, die behandelt werden sollen." Um die sei es ihr aber immer gegangen – auch heute noch.

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er seitdem als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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Menschen protestieren gegen die Schließung des Krankenhauses in Havelberg.
Gegen die Schließung des Krankenhauses in Havelberg protestierten am Dienstag Mitglieder des Vereins Pro Krankenhaus Havelberg vor dem Landtag in Magdeburg. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. Juli 2021 | 09:00 Uhr

8 Kommentare

MDR-Team vor 10 Wochen

Es wird teilweise als Seniorenheim genutzt. Auch hier nochmal nachzulesen: https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/stendal/havelberg-seniorenheim-in-ehemaligem-krankenhaus-100.html

ElBuffo vor 10 Wochen

?? Welches Interesse sollte die daran haben? Wieviele Soldaten sind denn die letzten Jahre dort versorgt worden? Davon abgesehen wohnen da jetzt alte Leutchen drin und die Bundeswehr betreibt selbst genug Krankenhäuser.

denny vor 10 Wochen

Wen dieses Krankenhaus keiner weiterfühen möchte und der Landkreis Stendal auch dazu nicht in der Lage ist !
Warum wird es nicht der Bundeswehr übergeben die Bundeswehr hat doch bestimmt auch ein Interesse daran das das Krankenhaus bestehen bleibt

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