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Protest mit langem DurchhaltevermögenZwei Jahre Kampf um medizinische Versorgung in Havelberg

von Bernd-Volker Brahms, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 30. Dezember 2021, 17:00 Uhr

Seit zwei Jahren wird in Havelberg protestiert. Zunächst sollte die Schließung des Krankenhauses verhindert werden. Seitdem diese vollzogen wurde, wird für eine medizinische Grundversorgung gekämpft – mit Donnerstagsdemos und kreativen Aktionen. Eines haben die Mitstreiter erreicht: man kann sie nicht mehr ignorieren.

Noch ist nichts Zählbares herausgekommen. Dennoch schreiben es sich die Protestierenden in Havelberg auf die Fahne, dass überhaupt noch an irgendwelchen Plänen gearbeitet wird. "Wenn wir hier nicht ständig Druck machen, dann passiert hier gar nichts", sagt Sandra Braun. Sie hat fast 40 Jahre im Havelberger Krankenhaus gearbeitet. Sie war Betriebsratsvorsitzende und hat den Protest von Anfang an mitorganisiert. Ohne den Protest ihrer Gruppe wäre alles längst im Sande verlaufen, ist sie sicher. Den Gefallen, Ruhe zu geben, wollen sie den Verantwortlichen nicht tun.   

"Wir waren ziemlich naiv", sagt Braun rückblickend auf zwei Jahre Protest. Die Schließungspläne der KMG Kliniken seien von langer Hand geplant und das Krankenhaus nach und nach "runtergefahren" worden. "Erst schließen einzelne Abteilungen, dann das ganze Haus", sagt sie. Dies sei in vielen Orten in Deutschland so abgelaufen – nicht nur in Havelberg. Aktivisten aus anderen Städten haben ihr das bestätigt. Die Havelberger sind mittlerweile gut vernetzt.

Mit einer wöchentlich "aktiven Mittagspause" begann in Havelberg der Protest gegen die Schließungspläne. Später gab es Unterschriftenlisten, Großdemos und beispielsweise einen Protestmarsch nach Magdeburg. "Es ist ein Skandal, was in der medizinischen Versorgung in Deutschland läuft", sagt Braun. So lange alles unter dem Aspekt der Rentabilität laufe, werde sich daran auch wohl nichts ändern.

Havelberger fordern Mindeststandard bei medizinischer Versorgung

Holger Schulz und sein Verein setzen sich für eine medizinische Grundversorgung in Havelberg ein. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Je länger die Proteste jetzt dauern, umso hartnäckiger wurden die Havelberger. Mit dem Zeitpunkt der Schließung des Krankenhauses im September 2020 gründeten sie den Verein "Pro Krankenhaus Havelberg" und schafften sich eine institutionelle Grundlage. Auch die Forderungen haben sich verschoben und mussten sich den Realitäten anpassen. "Wir wollen einen Mindeststandard bei der medizinischen Versorgung haben", sagt der Vorsitzende Holger Schulz. Das heißt, es geht um eine Rund-Um-die-Uhr-Notfallversorgung an sieben Tagen in der Woche.

Nachdem Rückkaufpläne durch den Landkreis im Stendaler Kreistag schon früh abgelehnt wurden und auch Pläne für eine Portalklinik in Havelberg mit Hauptsitz in Stendal nicht umsetzbar waren, stieg die landeseigene Krankenhausgesellschaft Salus ein.

Im Sommer dieses Jahres präsentierte der Geschäftsführer Hans-Joachim Fietz-Mahlow Pläne für ein medizinisches Versorgungszentrum. Schon im Vorfeld hatte Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) davon gesprochen, dass man in Havelberg ein Pilotprojekt installieren wolle, das zu einem Vorbild für andere ländliche Regionen werden könne. Knackpunkt ist die Akquise von Ärzten.

Mittlerweile sind Stellen ausgeschrieben. Man müsse der Sache eine Chance zur Entwicklung geben, sagte Salus-Geschäftsführer Fietz-Mahlow, der zum Jahresende in den Ruhestand geht. Es müsse sowohl über Teilzeitmodelle nachgedacht als auch Kooperationen mit Kliniken bis hin nach Berlin und Magdeburg ins Auge gefasst werden. Medizinische Versorgung auf dem Land müsse neu gedacht werden.

Ehemaliges Krankenhausgebäude könnte Notlösung bieten

Als Standort für ein medizinisches Versorgungszentrum hat die Salus ausgerechnet das alte Krankenhausgebäude ausgewählt, dass in seiner neuen Funktion als Seniorenheim nicht komplett ausgelastet ist.

Im Übrigen hatten die KMG Kliniken jahrelang Fördergeld in Millionen-Höhe für den Ausbau des Krankenhauses in Havelberg erhalten. Für die Schließung des Hauses gab es dann noch 7,3 Millionen Euro aus dem Strukturfond des Bundes für "unrentable Krankenhäuser" hinzu. Diese Summe bestätigt das Magdeburger Sozialministerium. Die KMG Kliniken betonten stets, dass das Krankenhaus nicht mehr wirtschaftlich geführt werden konnte. Die Vertragslage mit dem Land gab eine Umwandlung in ein Seniorenheim her.

Auch wenn die Salus-Pläne für ein medizinisches Versorgungszentrum für die Mitstreiter des Vereins "Pro Krankenhaus Havelberg" noch zu kurz greifen, so unterstützen sie diese dennoch. "Es könnte ein Anfang sein", sagt Vorsitzender Holger Schulz. Allerdings sind die Havelberger durch die Schließung der Kinderklinik in Gardelegen alarmiert, die die Salus Anfang Dezember ankündigte.

Skepsis von Protestierenden und Landtagsabgeordneten Gallert

"Das lässt für uns nichts Gutes vermuten", sagt Holger Schulz. Auch in Gardelegen war anderthalb Jahre lang nach Ärzten gesucht worden. Diese konnten am Ende nicht gewonnen werden – trotz Stellenanzeigen, Head-Huntern und persönlichen Kontakten zu potenziellen Kandidaten. "Diese Sache darf nicht Schule machen, dass man einfach sagt, wir finden keine Ärzte und wir finden keine Schwestern", sagt Vorsitzender Schulze. Dies motiviere ihn, den Protest, trotz der Pläne der Salus, aufrecht zu erhalten.

Der Landtagsabgeordnete Wulf Gallert (Linke) unterstützt den Protest. Bildrechte: DIE LINKE Sachsen-Anhalt

Auch der Landtagsabgeordnete Wulf Gallert (Linke), der Mitglied bei "Pro Krankenhaus Havelberg" ist und die Proteste von Anfang an begleitet, sieht die neuen Entwicklungen mit Skepsis. Er habe ein "eigenartiges Gefühl", wenn es immer wieder heiße, man können gesundheitliche Einrichtungen in ländlichen Regionen nicht erhalten, weil das Personal fehle. "Die Situation ist nicht naturgegeben. Personalmangel ergibt sich auch durch die Konditionen, die ein Träger den Leuten bietet."  

Anfang Januar ist Havelberg Thema im Landtag

Sandra Braun setzt noch auf eine ganz andere Karte. "Wir haben das Versprechen von Ministerpräsident Haseloff, dass bei uns etwas passieren wird." Aber auch sie möchte mit ihrem Protest weiter sichtbar bleiben. "Wir werden weiterkämpfen, das ist unser Versprechen an die Landesregierung." Und der erste Termin für das kommende Jahr steht auch schon fest. Am 12. Januar geht es wieder mal nach Magdeburg. Dort gibt es eine Anhörung zum Thema im Sozialausschuss des Landtags.

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MDR (Bernd-Volker Brahms, Fabian Frenzel)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT | 30. Dezember 2021 | 09:30 Uhr

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