Ende einer Ära Rückblick auf die Amtszeit von Bernd Poloski als Bürgermeister in Havelberg

Seit 33 Jahren ist Bernd Poloski Bürgermeister von Havelberg. Nun geht er in den Ruhestand. Wie hat er sein Amt geführt und welche Spuren hinterlässt er nach mehr als drei Jahrzehnten an der Spitze der Stadt? Ein Porträt.

Der Havelberger Bürgermeister Bernd Poloski sitzt an seinem Schreibtisch im Rathaus. 3 min
Hören Sie hier den MDR-SACHSEN-ANHALT-Radiobeitrag zur Amtszeit von Bernd Poloski. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Als Stadt des legendären Pferdemarktes ist Havelberg berühmt. Ihre Silhouette wird durch einen wuchtigen Dom bestimmt, der malerisch über der Havel ruht. Der Fluss umspannt die hübsche Altstadtinsel mit dem Rathaus. Hier im äußersten Nordosten Sachsen-Anhalts hat Bernd Poloski 33 Jahre lang die Geschäfte als Bürgermeister geführt – respektvoll, aufmerksam und kultiviert. Getrost darf man ihn heute zu all jenem zählen, was die Kleinstadt im Landkreis Stendal geprägt hat.

Ein Fluss fließt bergauf. Dieses historische Ereignis hat Havelberg erlebt. Wegen eines bedrohlichen Hochwassers der Elbe wurde im August 2002 unweit der Havelmündung erstmals ein Wehr geöffnet, sodass sich ein Großteil der Elbeflut plötzlich über die Havel "rückwärts" in die Wiesen und Felder ergoss. Für die Elbe brachte das eine Kappung des Pegels um 41 Zentimeter. Aber für viele Havel-Anrainer war es ein Schock, als ihre Ländereien mit einem Schlag in riesige Auffangbecken umfunktioniert wurden. Aus heiterem Himmel hatten die Landesbehörden das beschlossen. Niemand besaß Erfahrungen damit.

In Katastrophenzeiten rund um die Uhr unterwegs

Eine Demonstration
Auf einer Großkundgebung setzte sich Poloski 2020 für den Erhalt des Havelberger Krankenhauses ein. Heute räumt er ein: "Es wurmt mich, dass das bis heute nicht gelungen ist." Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Für Bürgermeister Bernd Poloski waren das Tage unglaublicher Intensität – zwischen den Sorgen der Bürger und den Entscheidungen der Hochwasserschützer. Heute hegt der 64-jährige parteilose Kommunalpolitiker nicht etwa Groll wegen der damaligen Ereignisse. Vielmehr nennt er es eine dankbare Erkenntnis aus dieser Zeit, "dass die Menschen in der größten Not zusammenrücken."

Poloski selbst war in den Katastrophenzeiten – auch beim zweiten Hochwasser im Jahr 2013 – nahezu rund um die Uhr unterwegs. "Ich habe im Rathaus übernachtet, um schnell vor Ort und bei den Bürgern zu sein", schildert der Bürgermeister die Situation. Allerdings habe er sich in den Nächten auch schon mal gefragt: "Schlafe ich eigentlich oder bin ich auf Arbeit?" Und wenn er zum Duschen kurz nach Hause kam, wurde er von seiner Frau sorgenvoll mit den Worten begrüßt: "Du rennst herum wie ein Zombie". Poloski lacht herzhaft über diese Episode.

Unaufgeregt, sachlich, professionell

Als die Havel aufwärts strömte, wollte MDR SACHSEN-ANHALT dieses Phänomen in einer Live-Reportage erläutern und den Bürgermeister befragen: Das Hörmobil hinter einem Wall aus Sandsäcken aufgebaut, die Satellitenschüssel ausgerichtet, die Fragen zurechtgelegt – doch von Poloski keine Spur, trotz telefonischer Zusage. Wahrlich in der allerletzten Minute vor der "Schalte" kam er dann um die Ecke und gab unaufgeregt, sachlich und professionell eine Beschreibung der dramatischen Situation ins Mikrofon.

Bernd Poloski ist bekannt dafür, dass er sein Amt im schwarzen Anzug und weißem Hemd ausführt, oft komplettiert mit einer mehr oder weniger roten Krawatte. Als er im Hochwasser dieses Interview gab, gab es freilich eine Ausnahme. Er kam in Gummistiefeln und mit aufgekrempelten Hemdsärmeln daher. Auf den letzten Drücker zwar, aber wie immer noch rechtzeitig und konzentriert – trotz der Ausnahmesituation. Das zeichnet diesen Kommunalpolitiker aus, der Unpünktlichkeit hasst. "Ich darf doch niemandem Zeit stehlen. Das hat etwas mit Höflichkeit und Respekt zu tun."

Mann mit grauen Haaren in Anzug auf einer Treppe 42 min
Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms
42 min

Nach mehr als 30 Jahren als Bürgermeister von Havelberg geht Bernd Poloski in den Ruhestand. In einem ausführlichen MDR-Interview blickt er mit großer Dankbarkeit zurück.

MDR SACHSEN-ANHALT Di 31.05.2022 14:10Uhr 42:29 min

https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/audio-poloski-buergemeister-havelberg-interview-100.html

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Klartext auch am Mikrofon

Der scheidende Bürgermeister nennt als Grundvoraussetzung für sein Amt, "dass man die Menschen ernst nimmt, sie wirklich mag, dass man auf sie zugeht, sich mit ihnen zusammensetzt und dann gemeinsam etwas bewegt". Poloski hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er diesen Anspruch lebt. "Ich möchte, dass man sich auf mich verlassen kann", sagt der Havelberger, der eigentlich aus Parchim in Mecklenburg-Vorpommern stammt.

Ein Mann mit Mikrofon in der Hand
Poloski nutzte die Medien gezielt, um die Bürger rasch ins Bild zu setzen und auf seine Stadt aufmerksam zu machen. Doch er drängte sich nicht ins Bild. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Für ein Interview war er besonders dann leicht zu gewinnen, wenn es um problematische Entwicklungen in der Stadt ging. Als der KMG-Konzern die Schließung des Krankenhauses ankündigte oder als der Paritätische Verband das Erlebnispädagogische Centrum schloss: Poloski duckte sich nicht entmutigt weg, machte kein Hehl aus seiner Enttäuschung und sprach Klartext ins MDR-Mikrofon.

Viel schwieriger war es, ihn noch einmal kurz vor dem Ende seiner 33 Dienstjahre ans Mikrofon zu bekommen. "Ich mache darum kein Aufsehen", antwortete einer der dienstältesten Bürgermeister Sachsen-Anhalts, der schließlich die Erneuerung der gesamten Kleinstadt nach der Wende begleitet hat. Das Interview kam dann doch zustande. Darin bekannte sich Poloski als "großer Verfechter der regionalen Berichterstattung".

Stadt profitierte von der Buga

Laut und klar meldete sich Poloski auch zur Bundesgartenschau 2015 zu Wort. Von Anfang an spannte er sich vor die Idee, erstmals eine Buga in mehreren Orten entlang der Havel auszurichten und Havelberg als Partner vier anderer Standorte im Land Brandenburg zu platzieren. Das funktionierte, entgegen den Befürchtungen der Bedenkenträger. Auch wenn die Buga insgesamt mit einem Defizit endete, sie habe der Domstadt langfristig viele neue schöne Ecken und Anlagen sowie Selbstbewusstsein gebracht, meint Poloski.

Trotz des allgemeinen Bevölkerungsschwundes: Havelberg ist immer noch eine sehenswerte, attraktive und kulturvolle Stadt.

Bernd Poloski Bürgermeister von Havelberg

Das Rathaus als ein Ort der Kunst

Menschen auf einem Volksfest
In seiner Amtszeit hat es sich der Bürgermeister nicht nehmen lassen, den Havelberger Pferdemarkt stets persönlich zu eröffnen. Bildrechte: MDR/Andreas Müller

Nicht zuletzt trägt bis heute die Serie "Kunst im Rathaus" dazu bei, dass sich Havelberg als Kulturstadt bezeichnen kann. 1996 wurde "Kunst im Rathaus" unter der Ägide Poloskis zusammen mit einem Verein ins Leben gerufen. Seitdem ist das Rathaus regelmäßig auch als Galerie oder Konzertsaal geöffnet. Gern greift der Bürgermeister selbst zum Instrument. Im Ruhestand, so wünscht er sich innig, wolle er endlich wieder mehr Gitarre spielen. Schon hat er sich einer Band angeschlossen, die Musik von Maffay bis Lindenberg spielt. Das markante Leitmotiv von "Smoke on the Water" (Deep Purple) darf ihm aber auch nicht fehlen.

Poloski hat ein Faible für Country und Western. Über 30 Jahre lang hat sich der Bürgermeister immer im September den Lederhut aufgesetzt und ein Westernhemd angezogen, um den legendären Havelberger Pferdemarkt zu eröffnen und das Freibier anzuzapfen. "Wegen Corona mussten wir darauf zwei Jahre verzichten", sagt das scheidende Stadtoberhaupt. "Ich bin glücklich, dass der Brodelkessel Pferdemarkt in diesem Jahr endlich wieder angeheizt wird. Als junger Rentner werde ich das Fest dann erstmals auch wirklich genießen können."

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MDR (Andreas Müller, Lucas Riemer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 29. Mai 2022 | 12:00 Uhr

1 Kommentar

O.B. vor 4 Wochen

Also wenn der Mann nur 50% so arbeitet wie er hier dargestellt wird dann können sich aber viele eine Scheibe abschneiden. Bei der Überschrift wunderte ich mich noch und dachte, wieder einer durchgereicht und das Amt verwaltet aber im Bericht sieht man dann das er wohl zurecht immer wieder gewählt wurde. Respekt und ich wünsche ihm einen entspannten wohlverdienten Ruhestand.

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