Medizin Krankenhaus Havelberg: Schließung trotz Millioneninvestitionen

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Nach der Schließung des Krankenhauses in Havelberg hat der Sozialausschuss des Landtages über die mögliche Zukunft eines Medizinischen Versorgungszentrums beraten. Die Havelberger hoffen, dass am Ende wenigstens noch ein Minimum an ärztlicher Versorgung bleibt.

Menschen protestieren gegen die Schließung des Krankenhauses in Havelberg.
Gegen die Schließung des Krankenhauses in Havelberg protestierten am Dienstag Mitglieder des Vereins Pro Krankenhaus Havelberg vor dem Landtag in Magdeburg. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

"Wir möchten die medizinische Versorgung gesichert haben", sagt Holger Schulz. Er ist der Vorsitzende des Vereins "Pro Krankenhaus Havelberg". Es gebe einen gesetzlichen Versorgungsanspruch darauf, sagen die Vereinsmitglieder. Sogar Landrat Patrick Puhlmann (SPD) haben sie verklagt. "Wir haben ja gar nichts persönlich gegen ihn", sagt Schulz. Aber es gehe um die Sache.

Ernüchterndes Fazit eines langen Kampfes

Nach mehr als einem Jahr des Kämpfens sagt die ehemalige Betriebsratsvorsitzende Sandra Braun, dass sie alle völlig naiv gewesen seien, als sie sich aufgemacht hatten, sich für den Erhalt des Krankenhauses einzusetzen. Erst hatten sie gedacht, dass die KMG Kliniken das Haus nicht einfach so schließen könnten. Dann hatten sie zumindest gehofft, dass in der Lokal- und Landespolitik sich etwas in ihre Richtung bewegen könnte und dass auch das Sozialministerium um Ministerin Petra Grimm-Benne (SPD) helfen würde. Bei der Ministerin hatte der Verein sogar einmal in Magdeburg vorsprechen können. "Es schien sich immer etwas zu bewegen", sagt Sandra Braun. Am Ende wurden sie aber immer wieder enttäuscht. Auch im Kreistag erlebten sie, dass sich zwar vehement gestritten wurde, am Ende aber nichts Zählbares heraussprang.

Holger Schulz vom Verein "Pro Krankenhaus Havelberg" kämpft weiter für den Erhalt des Krankenhauses in Havelberg.

Klinikportal war geplant

Zuletzt gab es Hoffnungen, dass die Johanniter möglicherweise in Havelberg eine Niederlassung ihres Krankenhauses in Stendal einrichten können. Johanniter-Geschäftsführer Thomas Krössin hatte eine sogenannte Portalklinik vorgeschlagen. Das Konzept sah vor, dass für eine stationäre Aufnahme fünf bis zehn Betten zur Verfügung stehen. Daran angeschlossen werden sollte ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) mit Ärzten verschiedener Fachrichtungen, eine mobile Praxis sowie Anbindung an eine Rettungswache und einen Rettungshubschrauber. Auch eine Geriatrie – also eine Abteilung für Altersmedizin – war mit rund 30 Betten geplant.

Medizinische Versorgung und Ausbildung

"Das ganze Konzept hätte eine medizinische Versorgung rund um die Uhr garantiert", sagt Nico Schulz (Freie Wähler). Außerdem könne das Stendaler Krankenhaus mit seiner Stiftungsprofessur für Allgemeinmediziner junge Ärzte ausbilden und an die Region binden. Für Geschäftsführer Krössin ist der springende Punkt, dass für die geplanten Nebenstellen in Havelberg und auch in Genthin keine zusätzlichen Betten nach dem Krankenhausplan des Landes Sachsen-Anhalt erforderlich wären. "Solche Nebenbetriebsstätten gibt es auch in anderen Bundesländern", sagt er. Außerdem befinde man sich in einer dünnbesiedelten Region, da könne man nicht Maßstäbe wie in Ballungszentren ansetzen. "Die Leute haben hier jetzt schon eine geringere Lebenserwartung", sagt er.

"Nicht genehmigungsfähig": Absage auf Nachfrage

Die Johanniter beantragten das Konzept im Sozialministerium und bekamen Anfang des Monats eine Absage, nachdem von verschiedenen Seiten öffentlich nachgefragt wurde, was aus dem Antrag geworden sei. "Ich verstehe das nicht, sowas verschwindet dann monatelang bei der Ministerin in der Schublade", sagt Sandra Braun.

Aus dem Ministerium heißt es, die Pläne der Johanniter seien "nicht neu", allerdings auch nicht genehmigungsfähig. Das Krankenhausfinanzierungsgesetz sei eindeutig, Nebenbetriebsstätten seien nicht vorgesehen. Dies habe auch zusammen mit den Krankenkassen, der Kassenärztlichen Vereinigung in mehreren Beratungsrunden erörtert und um ein Alternativvorschläge gebeten. Geschäftsführer Krössin will sich weiter für sein Vorhaben einsetzen.

Schließung trotz Millionen-Investitionen

Abgesehen von der Tatsache, dass das Sozialministerium auch schon vor Jahren den KMG Kliniken die Idee einer geriatrischen Abteilung abgelehnt hat, sprechen sicherlich auch einige Zahlen eine eindeutige Sprache, über die nicht so gerne gesprochen werden. Schon über Jahre hat das Land viel Geld in das Havelberger Krankenhaus investiert. Die KMG Kliniken erhielten vor acht Jahren allein für den Umbau des Hauses sechs Millionen Euro. Es wurde eine Intensivstation angebaut und 2015 eröffnet. Gleichzeitig gestattete man dem privaten Klinikbetreiber, das Haus in ein Pflegeheim umzufunktionieren, wenn dies sich nicht mehr anders wirtschaftlich darstellen ließ – ohne Fördergeldrückzahlung. Diese Option haben die KMG Kliniken im vergangenen Jahr gezogen – und das Krankenhaus mit der Intensivstation mitten in der Pandemie geschlossen. Obendrauf gibt es noch einen Millionen-Betrag für die Schließung des unrentablen Krankenhauses, so sieht es der Bund mit dem Strukturfond I und II vor. Ein entsprechender Antrag für Havelberg liegt beim Bundesamt für soziale Sicherung (BAS) vor. Und zwar in Höhe von 7,3 Millionen Euro, bestätigt Pressesprecher Andreas Pinkert aus dem Magdeburger Sozialministerium.

Linke und SPD geben Hoffnung noch nicht auf

Für den Aufbau einer Portalklinik, so wie sie sich die Johanniter wünschen, müssten zwischen fünf und 15 Millionen Euro vom Land, den Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung aufgebracht werden, vermutet der Landtagsabgeordnete Wulf Gallert (Linke). Er könne nicht beurteilen, inwiefern die Ablehnung durch das Sozialministerium "sachgerecht" sei. Auf jeden Fall bedürfe es in Havelberg eines teilstationären Angebotes und einer Notaufnahme. Gallert hatte dafür gesorgt, dass der Sozialausschuss des Landtags am Montag zu einer Sondersitzung zusammenkam. Die Ministerin brachte dort erneut das Angebot in die Runde, dass auch die landeseigene Salus gGmbH mit einem Versorgungszentrum einschreiten könne. Die Planungen liefen dafür. Allerdings war das Vorhaben vor einem Jahr bereits vom Stendaler Kreistag abgelehnt worden. 

Auch Landrat Patrick Puhlmann (SPD) hat die Hoffnung auf eine Lösung für die medizinische Versorgung noch nicht aufgegeben, hofft auf ein MVZ mit rund-um-die Uhr-Verfügbarkeit. Was die Finanzierung angeht, sieht er wenig Spielraum vonseiten des Landkreises. "Wir können da möglicherweise mit einem Grundstück helfen", sagt er. Größere Summen können nicht zugeschossen werden. Im Übrigen hatte der Landkreis das Krankenhaus 2002 privatisiert und für 750.000 Euro an die KMG Kliniken verkauft. Letztere hat angekündigt, am Donnerstag (1.4.2021) mit dem Seniorenheim an den Start zu gehen. Seit September bietet das Unternehmen den Havelbergern darüber hinaus einen täglichen Busshuttle-Service zu ihrem Krankenhaus im brandenburgischen Kyritz an.

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

MDR/ Bernd-Volker Brahms, Oliver Leiste

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. März 2021 | 12:30 Uhr

5 Kommentare

pwsksk vor 5 Wochen

Ja ja, war in Genthin genau dasselbe. Und wer ist dafür ursprünglich verantwortlich. Eine Ursula Schmidt und der Gesundheitsökonom Herr Lauterbach haben es in der Schröder Ära eingeführt. Die kommerzielle Bewirtschaftung des Gesundheitssystems. Ich staune, das gerade die SPD im Landtag sich gegen eine Schließung wehrt. Aber die Entsolidarisierung wird auch in anderen Bereichen fortschreiten.

AlexLeipzig vor 6 Wochen

Es ist sehr schade, daß die medizinische Versorgung nur noch Geld erwirtschaften muss. Das geht halt bei so kleinen Häusern nicht, die Basisversorgung im ländlichen Raum mit entsprechend hohen Kosten aufrecht zu erhalten. Was aber so ein Haus sekundär einspielt, wird nicht mitgerechnet: Abwanderung von qualifizierten Menschen und Strukturarmut sind die Folgen einer solchen Schließung, die auf Dauer sicher mehr als nur Geld kosten. Ich kann's nicht nachvollziehen...

borstel76 vor 6 Wochen

wieder ein krankenhaus, dass mitten in der pandemie geschlossen wird. ein ganzes land wird in schockstarre versetzt, da auf jeden fall das gesundheitssystem nicht überlastet werden darf. aber stimmt, es sind ja jetzt nicht mehr die krankenhausbetten, die fehlen, sondern das personal. vermutlich hat dieses krankenhaus ohne personal gearbeitet, so dass die schließung in der jetzigen situation nicht in's gewicht fällt.

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