Lukratives Wirbelsäulenzentrum Gardelegener OP-Skandal: Arzt wird von Gericht freigesprochen

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Sehr lange hat es gedauert, bis es in Sachen Gardelegener OP-Skandal überhaupt eine Anklage gegeben hat. Von Dutzenden fragwürdigen Wirbelsäulen-Operationen von vor zehn Jahren blieb am Ende ein einziger Fall übrig. Und der operierende Arzt wurde nun vom Stendaler Landgericht freigesprochen.

Zwei Männer im Landgericht Stendal
Der heute 46-jährige Arzt aus der Ukraine wurde freigesprochen. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Am Ende forderte selbst die Staatsanwältin Birte Iliev einen Freispruch für den heute 46-jährigen Arzt Dr. N. Ursprünglich war die Staatsanwaltschaft davon ausgegangen, dass der Mann aus der Ukraine im Jahr 2011 ohne Facharztstandard und ohne medizinische Notwendigkeit eine Wirbelsäulenoperation durchgeführt hatte. Der Vorwurf lautete fahrlässige Körperverletzung. Am Ende ließ sich nichts beweisen – auch weil die Dokumentation von Patientenbehandlungen im Altmarkklinikum nur dürftig erfolgte, wie die Staatsanwältin sagte.

Der Angeklagte, der ab 2009 im Klinikum gearbeitet hatte, war nur eine Nebenfigur in dem Komplex, der ab 2012 als Wirbelsäulenskandal von Gardelegen Schlagzeilen machte. Einige Jahre lang waren lukrative Wirbelsäulenoperationen in großer Zahl im Krankenhaus in Gardelegen durchgeführt worden. Es gab große Zweifel an der Seriosität des Vorgehens.  

Arzt wollte einen Freispruch

Altmark-Klinikum in Gardelegen
2012 war der Skandal am Altmark-Klinikum in Gardelegen aufgeflogen. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Er habe sich nichts zuschulden kommen lassen, sagte der angeklagte Arzt in seinem Schlusswort am Dienstag am Stendaler Landgericht. An den vorherigen sechs Verhandlungstagen hatte er beharrlich geschwiegen. Die Überzeugung, unschuldig zu sein, haben ihn getrieben. Deswegen hatte es den Prozess überhaupt gegeben. Im Vorfeld war ihm angeboten worden, dass das Verfahren gegen eine Geldzahlung eingestellt wird. "Mein Mandant wollte aber einen Freispruch", sagte Anwalt Ulrich Wehner, der den Arzt am Gericht verteidigte.

Ein anderer Arzt, der weit mehr im Fokus des Skandals gestanden hatte, sollte sich aufgrund von acht Fällen ebenfalls strafrechtlich vor Gericht verantworten. Als Leiter des sogenannten Wirbelsäulenzentrums soll Dr. T. zwischen August 2011 und September 2012 bei acht Patienten ohne medizinische Notwendigkeit operiert haben. Der Arzt zahlte 45.000 Euro Geldstrafe und war das Verfahren damit los.

Staatsanwältin ist "die Spucke weggeblieben"

Die acht Fälle von Dr. T sowie der eine Fall von Dr. N. waren die übriggebliebenen Vorfälle des Skandal-Komplexes. Viele andere Fälle mussten die Ermittlungsbehörden fallenlassen, da strafbare Handlungen nur schwer beweisbar waren. Ihr sei manches mal "die Spucke weggeblieben", was in dem Krankenhaus abgelaufen sei, sagt Staatsanwältin Birte Iliev. Insbesondere die Dokumentation sei bemerkenswert schlecht gewesen.

Schild vor dem Altmark-Klinikum in Gardelegen
Am Klinikum war vom mittlerweile entlassenen Geschäftsführer das Geschäft um die Wirbelsäulen-OPs angefacht worden. Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Völlig irritiert habe die Staatsanwältin im Prozessverlauf auch die Aussage des ehemaligen Geschäftsführers Matthias H., der als Zeuge davon gesprochen hatte, dass ihn die fehlende Indikation für Operationen nichts angegangenen sei. Dabei war es der Geschäftsführer, der das Geschäft mit den Wirbelsäulenoperationen erst angefacht hatte. Aus Marketingzwecken war ein Wirbelsäulenzentrum gegründet worden, wie er selbst ausgesagt hatte.

Rückblick auf den Skandal

Aufgeflogen war der Skandal, als sechs Ärzte aus anderen Abteilungen des Krankenhauses Ende 2012 an die Öffentlichkeit gegangen waren, weil sie bei dem ganzen Vorgehen nicht mehr von einem seriösen medizinischen Handeln ausgingen. Neben dem Vorwurf, nicht indizierte Operationen durchzuführen, stand auch im Raum, dass medizinische Leistungen durch falsche Codierungen nicht ordnungsgemäß abgerechnet wurden. Das hatte Folgen.

Es gab Kündigungen, einige Ärzte gingen freiwillig. Landrat Michael Ziche (CDU) feuerte den Geschäftsführer. Später folgten zahlreiche Zivilprozesse. Krankenkassen forderten Geld zurück. Auch Patienten gingen vor Gericht. Ein Mann, der mit Hüftbeschwerden ins Klinikum gekommen war und letztlich an der Wirbelsäule operiert wurde, erhielt 2017 insgesamt 120.000 Euro Schmerzensgeld und Verdienstausfall zugesprochen. Es gab weitere Fälle.

Dienstplan ließ sich nicht herausfinden

"Es ging bei dem Prozess meines Mandanten nicht um den Wirbelsäulenskandal", sagte Anwalt Ulrich Wehner. Es sei einzig und allein zu beurteilen gewesen, ob in dem konkret vorgeworfenen Fall – einer Operation am 22. November 2011 – ein strafrechtliches Vergehen zu sehen sei. Durch mehrere Zeugenaussagen und auch Expertengutachten wurde dies widerlegt. Das Krankheitsbild des Patienten sei so gewesen, dass die Operation gerechtfertigt war.

Landgericht Stendal
Am Landgericht Stendal wurde der Fall verhandelt. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Darüber hinaus musste das Gericht klären, ob Herr N. auch ohne eine anerkannte Facharztausbildung operieren durfte. N. befand sich seinerzeit in einer Ausbildung und durfte offiziell nur dann operieren, wenn ein Facharzt in Rufbereitschaft anwesend war. Ob der Chef des Wirbelsäulenzentrums an dem Tag in der Klinik war, ließ sich anhand der vorhandenen Unterlagen "nicht klären, aber auch nicht ausschließen", sagte die Staatsanwältin. Daher müsse man im Zweifel für den Angeklagten werten.

Wenn alle immer die Wahrheit gesagt hätten, dann hätte es diesen Prozess gar nicht gegeben.

Dr. N. Freigesprochener Arzt

Dr. N. betonte, dass er als ausgebildeter Arzt schon viele derartige Operationen durchgeführt hatte. Er sei dem deutschen Standard damals um zehn Jahre voraus gewesen. Das habe möglicherweise auch Neider hervorgerufen. "Wenn alle immer die Wahrheit gesagt hätten, dann hätte es diesen Prozess gar nicht gegeben", sagte er.  

Der Prozess dürfte der Schlusspunkt des Skandals gewesen sein. Weitere strafrechtliche Anklagen stehen nicht aus, wie die Staatsanwaltschaft auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT bestätigte. Auch zivilrechtlich ist alles abgearbeitet.           

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

Quelle: MDR/lk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | MDR SACHSEN-ANHALT | 20. Januar 2021 | 09:30 Uhr

2 Kommentare

ElBuffo vor 16 Wochen

Das ist dann sicher ein Hinweis, es mit der Dokumentation nicht allzu ernst zu nehmen. Schon erszaunlich, dass der Verstoß gegen Vorschriften dann auch noch strafmildernd wirkt.

do it yourself vor 16 Wochen

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