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In der Gedenkstätte Isenschnibbe sollen künftig die Biografien von NS-Opfern im Fokus stehen. Bildrechte: MDR/André Plaul

Digitale Zeitzeugen und AvatareNS-Verbrechen: Gedenkstätte Isenschnibbe setzt auf neue Wege des Erinnerns

04. Juni 2024, 15:18 Uhr

Die Gedenkstätte Isenschnibbe in der Altmark hat mit Stefan Winzer einen neuen Leiter. Der 47-Jährige will die Vermittlung eines der grausamsten NS-Verbrechen in der Region reformieren: An die vielen Opfer des Massakers, das Deutsche am 13. April 1945 unweit von Gardelegen anrichteten, soll nach seinen Plänen künftig mit modernen Medien wie Avataren und digitalen Zeitzeugen erinnert werden. In der Fachwelt ist der Einsatz innovativer Technologien in der Holocaust-Erinnerung jedoch umstritten.

79 Jahre nach dem Massaker in der Feldscheune Isenschnibbe bei Gardelegen sitzt der Schock in der Bevölkerung immer noch tief. Es ist auch kaum zu begreifen: Die Nazis hatten mehr als 1.000 KZ-Häftlinge auf einen Todesmarsch geschickt. Am 13. April 1945 trieben sie die Männer in eine große steinerne Feldscheune in Isenschnibbe und zündeten das Gebäude an.

Wer nicht in den Mauern verbrannte und irgendwie nach draußen kam, wurde erschossen. Einen Tag später befreite die US-Armee die Stadt und entdeckte die Tat. Stefan Winzer, der neue Leiter der Gedenkstätte Isenschnibbe, schüttelt den Kopf. Die Todesmärsche seien "ein ganz klassisches tragisches Beispiel für ein Endphase-Verbrechen", erklärt er. "Der Krieg ist mehr als verloren, und trotzdem ist man noch der Meinung, wirklich bis zum Letzten auf Linie bleiben zu müssen."

Der Historiker Stefan Winzer hat die Leitung der Gedenkstätte Isenschnibbe übernommen. Zuvor war er lange als Gedenkstättenpädagoge in Buchenwald tätig. Bildrechte: Stefan Winzer

Gedenkstätte Isenschnibbe geht neue Wege der Erinnerung

Stefan Winzer kann das historisch herleiten: Er hat lange als Gedenkstättenpädagoge gearbeitet, unter anderem in Buchenwald. Er will aber mehr: nämlich die Grausamkeit des Zweiten Weltkriegs, den Schrecken, die Unsinnigkeit in die Hirne und Herzen der Besucher bringen. Dazu muss er neue Wege gehen. Und zwar Wege, die in der Fachwelt nicht unumstritten sind. Historiker-Kollegen von Stefan Winzer befürchten gar eine Verkitschung des jeweiligen Sujets.

Für Isenschnibbe aber gilt nach Ansicht des neuen Leiters: Das Gräberfeld mit den mehr als tausend weißen Kreuzen, die rekonstruierte Mauer der Feldsteinkirche und selbst das 2020 eröffnete neue Dokumentationszentrum mit der bedrückenden, teils schockierenden Ausstellung reichen da nicht mehr aus.

Die Gedenkstätte bei Gardelegen erinnert an ein Massaker, bei dem kurz vor Kriegsende mehr als 1.000 KZ-Häftlinge von den Nazis ermordet wurden. Bildrechte: imago/Leemage

Biografien von ehemaligen KZ-Häftlingen erzählen

Winzer will künftig einen Fokus aufs Biografische setzen und die Geschichten einzelner Häftlinge erzählen: "Dass man einfach auch verstehen lernt: Ok, das ist ein Mensch wie du und ich gewesen, der war auch mal jung, der hatte vielleicht ähnliche Sorgen oder Probleme und ist dann also aus diversen Gründen in die Verfolgung geraten und dann letztendlich hier umgekommen. Das ist nicht irgendeine abstrakte XY-Person, sondern ein ganz normaler Mensch gewesen."

Belgier, Franzosen, Polen in dünner gestreifter Häftlingskleidung, barfuß oder mit schweren Holzschuhen, waren in dem kalten April 1945 durch die altmärkischen Dörfer getrieben worden. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde erschossen. Die Feldscheune Isenschnibbe lag auf einer kahlen Anhöhe über der Stadt Gardelegen: Der Wind pfiff, die Männer waren am Ende. Lehrer nehmen dieses Bild gern, um Schüler vor Ort erschaudern zu lassen, berichtet der Gedenkstättenleiter.

Auf dem Gelände der Gedenkstätte Isenschnibbe informiert ein Dokumentationszentrum am historischen Tatort an das Massaker der Nazis. Bildrechte: Susann Meier

Gedenken an Massaker in der DDR und heute

Zu DDR-Zeiten kannte jedes Kind die Gedenkstätte Isenschnibbe. Hier bekamen Jungpioniere ihre blauen Halstücher, Thälmannpioniere ihre roten. Hier traten ganze Schulverbände zum Gedenk-Appell an. Die nach dem Massaker wieder errichtete Scheunenmauer diente als Kulisse für offenes, ehrliches Gedenken, aber auch für plakativen vermeintlichen Antifaschismus von Staats wegen.

Für eine moderne, möglichst umfassende Aufarbeitung der Ereignisse in Isenschnibbe wird Stefan Winzer mehr und mehr auf moderne Medien zurückgreifen. Er weiß die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt hinter sich, die auch Träger der Gedenkstätte Isenschnibbe ist. Die arbeitet für neue Wege in der Gedenkstättenpädagogik zum Beispiel mit der Universität Magdeburg zusammen. Entstehen könnte eine ganz neue Art von Begegnung zwischen Besucher und Isenschnibber Opfer.

In der Gedenkstätte Isenschnibbe sollen künftig die Biografien der ermorderten KZ-Häftlinge in den Fokus gerückt werden. Bildrechte: MDR/André Plaul

Zum Einsatz kommen soll laut Gedenkstättenleiter zukünftig eine Mischung "aus Avatar und digitalen Zeitzeugen". Sie sollen helfen, nachzuzeichnen, was geschehen sei und etwas zu erklären, wofür es kaum Zeugen, Belege oder Fotos gebe. "Was wissen wir von irgendwelchen Quellen, deckt sich das vielleicht mit einer anderen Aussage oder Beobachtung? Gibt es ein Erinnerungsstück, was darauf weist: Dieser Mensch war hier gewesen?" Ziel sei es, das Leben einzelner Personen zu rekonstuieren.

Holocaust-Erinnerung in sozialen Medien wie Tiktok

Stefan Winzer hofft, durch personalisierte Forschung auch Skeptikern, Relativierern und Leugnern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ein Influencer veröffentlichte vor ein paar Tagen einen kurzen Film über Isenschnibbe auf der Plattform Tiktok.

Die anschließenden Kommentare haben Winzer auf den Boden der Realität geholt. Die Unwissenheit sei "schon heftig teilweise", sagt er. Neben Relativierungen würde oft auch die klassische Frage gestellt: "Ist doch alles 80 Jahre her, da hab ich noch nicht gelebt, was hat denn das alles mit mir zu tun?"

Weitere Informationen

Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe
An der Gedenkstätte 1
39638 Hansestadt Gardelegen

Öffnungszeiten Dokumentationszentrum:
Dienstag bis Donnerstag, 9 bis 15:30 Uhr
Freitag, 9 bis 13 Uhr
Letzter Sonntag im Monat, 13 bis 17 Uhr

Das Außengelände der Gedenkstätte ist tagsüber geöffnet.

Eintritt:
kostenfrei

Redaktionelle Bearbeitung: vp

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 08. Juni 2024 | 10:10 Uhr