Ausstellung zu Atommüll und Endlagern Altmärker stellen sich der "Eine-Million-Jahre-Frage"

Eine blonde Frau mit Brille
Bildrechte: Carina Emig

Auch wenn 2022 alle Atomkraftwerke vom Netz gehen, bleibt jede Menge strahlender Abfall. Deshalb wird nach einem geeigneten Ort gesucht, der auch Eiszeiten, Überschwemmungen und Kriege übersteht. Schließlich muss der Endlagerplatz für den Zeitraum von einer Million Jahre oder 40.000 Generationen sicher sein. Gesucht wird auch in Sachsen-Anhalt – vor allem in der Altmark. In einer Ausstellung im Beetzendorfer Ortsteil Ökodorf Sieben Linden können sich die Altmärker nun informieren.

Mehrere Menschen schauen sich in einem gelben Zelt eine Ausstellung an.
Die ersten Besucher der „suche:x“-Ausstellung im Ökodorf Sieben Linden schauen sich interessiert um. Bildrechte: MDR/Satoshi Hirsch

Dr. Christel Rosenbaum von der Beetzendorfer Bürgerinitiative "Atomerbe – wohin?" und ihre Mitstreiter wollen die Altmärker für das Endlager-Thema wachrütteln. Deshalb haben sie die Ausstellung „suche:x“ ins Ökodorf geholt – mit anfänglich großer Skepsis gegenüber dem Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, kurz Base.

Kritik an Bürgerbeteiligung und Öffentlichkeitsarbeit

Denn am Prozess der Standortfindung übt die Bürgerinitiative "Atomerbe – wohin?" Kritik. Die Bürgerbeteiligung und Öffentlichkeitsarbeit des Base sei nicht ausreichend, die Suche nach dem Endlager brauche viel mehr Zeit, denn Corona habe bislang echte Bürgerbeteiligung verhindert. Alle Formate seien nur digital abgehalten worden und hätten nicht genügend Menschen erreicht.

Das ist die Arbeitsgruppe aus Beetzendorf

Die Gruppe "Atomerbe, wohin" ist Teil der Initiative "Gesunde Region Beetzendorf". Sie war in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Beetzendorf im Rahmen des Projektes "Leben in zukunftsfähigen Dörfern" ins Leben gerufen worden.

Dazu gehören neben der Gruppe von Christel Rosenbaum weitere Arbeitsgruppen in der Region, die in der Zwischenzeit bereits zahlreiche Aktivitäten angestoßen haben. Regelmäßig finden online und offline Arbeitstreffen, Seminare und Workshops statt.

Der Kreis der derzeitig Aktiven in Rosenbaums Gruppe ist offen für alle Interessierten, wie sie sagt. Jeder oder jede könne dazukommen.

Dabei ist das Base die Kontroll- und Aufsichtsbehörde bei der Suche nach einem Endlager. Es soll den Prozess aus wissenschaftlicher Sicht begleiten und überwachen, so dass die Suche so abläuft, wie sie im Gesetz – dem Standortauswahlgesetz – festgelegt ist. Zudem ist das Base verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit bei der Endlagersuche.

Mehr Informationen zur "suche:x"-Ausstellung

Die Wanderausstellung vom Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung vermittelt einen kompakten Überblick über die Endlagersuche, das Standortauswahlverfahren, die Beteiligungsformate und die Entsorgungsoptionen. Es wird darüber informiert, warum die hochradioaktiven Abfälle unter die Erde sollen, welche Gesteinsarten sich für ein Endlager eignen, wie das Suchverfahren abläuft und welche Bürgerbeteiligungsmöglichkeiten es gibt. Die Ausstellung gibt es zudem auch virtuell zu erleben. Base – Digitale Ausstellung. Interessierte Bürger können sich die selbsterklärende analoge Ausstellung noch bis zum 8. Oktober 2021 im Ökodorf Sieben Linden kostenfrei ansehen. Christel Rosenbaum ist dabei jeden Tag vor Ort, um Fragen zu beantworten und die Altmärker darüber hinaus zu informieren und zu sensibilisieren.

Viele Menschen sitzen auf Bänken vor einem Holzpavillon.
Zur Ausstellungseröffnung waren viele interessierte Bürger gekommen. Bildrechte: MDR/Satoshi Hirsch

Bittere Atommüll-Pille: Die Altmark hat keine politische Lobby

Als ehemalige Landärztin hat Christel Rosenbaum das Thema in der Altmark aufgebracht, mit diversen Fachleuten und Wissenschaftlern gesprochen. Sie hat herausgefunden, dass viele Experten die Salzstöcke der Altmark für nicht geeignet halten, und bemängelt, dass die BGE (Bundesgesellschaft für Endlagerung) und viele Politiker das anders sehen.

Atomkraft ja bitte 20 min
Bildrechte: Politische Magazine/MDR

Aktivisten: "Eine-Million-Jahre-Frage" darf keine politische Entscheidung sein

Sie befürchtet, dass die Altmark nur für geeignet gehalten wird, weil sie dünn besiedelt ist, keine politische Lobby hat und wenig Widerstand zu erwarten ist. Deshalb fordern sie und ihre Mitstreiter, dass die "Eine-Million-Jahre-Frage" keine politische Entscheidung sein darf, über die der Deutsche Bundestag und Bundesrat abstimmen. Anders als bei Gorleben sollen Wissenschaftler und Experten die Frage beantworten.

Die Karte zeigt in unterschiedlichen Farben die Gebiete mit unterirdischen Gesteinsformationen, die für ein atomares Endlager in Deutschland als geologisch günstig angesehen werden.
Die Karte zeigt in unterschiedlichen Farben die Gebiete mit unterirdischen Gesteinsformationen, die für ein atomares Endlager in Deutschland als geologisch günstig angesehen werden. Bildrechte: BGE/ GeoBasis-DE/BKG 2020

Sie sagt: "Wir sind nicht gegen ein Endlager. Der Atommüll muss irgendwo hin, aber bitte an den möglichst sichersten Ort für eine Million Jahre." Als Sprachrohr der Bürgerinitiative fordert Rosenbaum: "Wenn uns Wissenschaftler und Experten – und nicht Politiker – nachweisen, dass dieser Ort in der Altmark liegt, dann schlucken wir die bittere Atommüll-Pille."

Eine ältere Frau spricht in ein Mikrofon.
Christel Rosenbaum Bildrechte: MDR/Carina Emig

Weil: Die sichere Endlagerung ist eine Frage unserer Verantwortung für die kommenden 40.000 Generationen, die wir als Gesellschaft nur gemeinsam beantworten können.

Christel Rosenbaum, Bürgerinitiative "Atomerbe – wohin?"

Ein Viertel der möglichen Standorte liegt in Sachsen-Anhalt

Noch sind 54 Prozent der Bundesrepublik mit 90 Standorten im Rennen um den sichersten Endlager-Ort Deutschlands. Ein Viertel dieser Standorte befindet sich in Sachsen-Anhalt, 14 davon in der Altmark (Beetzendorf/OT Poppau, Ristedt, Bonese, Waddekath, Nettgau, Jahrstedt, Dannefeld, Lüge-Liesten usw.). Der Salzstock Poppau befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Ökodorf Sieben Linden. Bis 2031 soll das Endlager gefunden sein.

"Viel zu wenig Zeit", sagt Anwohner Christoph Strünke von "Atomerbe – wohin?" und spricht von einem "unfairen Verfahren", zumal Corona den Wissensaustausch erschwert hat. Laut Strünke hätte die deutsche Öffentlichkeit viel umfassender mitgenommen und informiert werden müssen. Schließlich wüssten die Betroffenen zu wenig über die geologischen Bedingungen und hätten kaum Zeit gehabt, Experten und Gutachter ins Boot zu holen.

Anti-Atom-Organisation ".ausgestrahlt" mit eigener Ausstellung

Zu den größten Kritikern des Endlagersuchprozesses und des Base gehört die bundesweit tätige Anti-Atom-Organisation ".ausgestrahlt". Sie wird sich neben der "suche:x"-Ausstellung des Base in den kommenden Tagen mit einer eigenen Ausstellung präsentieren. Zudem sind eine Öko-Rallye für Schulklassen und weitere Aktionen geplant, damit die Altmärker sich umfassend zum Thema "Endlager" informieren können.

Strahlende Ausstellung: Darum wird die Schau nachts mit Tüchern verhängt Das Ökodorf Sieben Linden befindet sich in einer der am wenigsten lichtverschmutzten Gegenden Deutschlands. Nachts strahlen dort höchstens Mond und Sterne. Bewusst wird im Ökodorf auf Straßenbeleuchtung verzichtet. Da die Laptops der „suche:x“-Ausstellung aber auch nachts nicht abgeschaltet werden dürfen, leuchtet das Ausstellungszelt in der Dunkelheit sehr stark, was unter den Ökodörflern für einigen Unmut sorgt. Deswegen wird das Zelt nun jeden Abend mit Tüchern verhängt.

So steht es um die Endlager-Suche

Gesucht wird der am besten geeignete Ort, um unterirdisch radioaktiven Atommüll eine Million Jahre lang möglichst sicher zu lagern. Bis 2013 wurde vor allem über Standorte diskutiert, wo schon Atommüll lagert. Dann beschloss die Bundesregierung, ganz neu anzufangen und in ganz Deutschland nach geeigneten Bodenschichten im Untergrund zu fahnden: mindestens 100 Meter dick, bis zu 300 Meter tief und entweder aus Ton, Salz oder Granit.

Im vergangenen Herbst hatte die Bundesgesellschaft für Endlagerung in einem 400-Seiten-Bericht 90 potentielle Gebiete aufgelistet, die nach geologischen Kriterien in Frage kommen. 23 Teilgebiete liegen in Sachsen-Anhalt. In weiteren Schritten wird es Probebohrungen geben. Der endgültige Standort soll bis 2031 gefunden sein. 2050 soll das Endlager in Betrieb gehen.

MDR/Carina Emig, Gero Hirschelmann

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 02. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

jackblack vor 8 Wochen

Glaubt irgendjemand ERNSTHAFT, dass es in 1 Mio Jahren noch Menschen gibt, optimistisch gedacht EVENTUELL 500 Jahre !!!!!!

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