Corona-Hotspot Wie sich die hohen Infektionszahlen im Altmarkkreis Salzwedel auf die Region auswirken

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Nirgendwo in Sachsen-Anhalt infizieren sich derzeit so viele Menschen mit dem Coronavirus wie im Altmarkkreis Salzwedel, wo die 7-Tage-Inzidenz inzwischen bei über 500 liegt. Macht sich die Corona-Lage im Alltag, in den Krankenhäusern und beim Impfen in Salzwedel bemerkbar? Ein Ortsbesuch.

Salzwedel Innenstadt
Obwohl die Corona-Inzidenzen in Salzwedel auf Rekordniveau liegen, läuft das Leben in der Stadt normal weiter. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Bereits seit Ende Oktober liegt die 7-Tage-Inzidenz im Altmarkkreis Salzwedel bei über 300, inzwischen hat sie sogar die 500 überschritten. Es ist das erste Mal in der Corona-Pandemie, dass dieser Wert in Sachsen-Anhalt erreicht wurde. In absoluten Zahlen bedeutet das: Allein in den vergangenen sieben Tagen haben sich von den rund 83.000 Einwohnerinnen und Einwohnern des Landkreises im Nordwesten des Landes mindestens 423 mit dem Coronavirus infiziert. Erst in der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass nach einem Corona-Ausbruch in einem Altenheim in Salzwedel vier Menschen starben.

Doch spaziert man an einem Wochentag vormittags durch die malerische Altstadt der Kreisstadt Salzwedel, vorbei an pittoresken Fachwerkhäusern und kleinen Boutiquen, merkt man von der kritischen Corona-Lage zunächst nichts. Die Geschäfte haben normal geöffnet, wer sie betritt muss sich weder registrieren noch einen Test- oder Impfnachweis vorzeigen. Auf dem Gehweg stehen Passanten dicht beieinander, unterhalten sich, die Masken unter dem Kinn oder am Arm.

Nur wenige verschärfte Regeln

Vor Restaurants und Imbissen weisen Schilder auf die 3G-Regel hin: Eintreten darf nur, wer genesen, vollständig geimpft oder getestet ist. Eine Pflicht zur 2G-Regel, die von vielen Expertinnen und Experten gefordert wird, um die Pandemie einzudämmen, und bei der nur Geimpfte und Genesene Zutritt etwa in Restaurants und Bars haben, gibt es in Sachsen-Anhalt und damit auch in Salzwedel nicht.

Von den hohen Corona-Zahlen im Landkreis würde er in seinem Alltag wenig bemerken, erzählt ein Mann um die 60, der seinen Namen nicht nennen möchte und durch einen Park nahe der Salzwedeler Innenstadt spaziert. Ein paar strengere Regeln hätte er wahrgenommen, wer zu Behörden wolle, müsse sich nun etwa telefonisch voranmelden und einen Termin vereinbaren, aber ansonsten – nichts. Wenn es nach ihm ginge, sollten die Corona-Regeln komplett abgeschafft werden, sagt er noch.

Auch Silvia erzählt, dass sich in ihrem Leben trotz der hohen Inzidenzen wenig geändert habe. Mit Maske könne sie zum Beispiel weiterhin ganz normal einkaufen und Besorgungen machen, sagt die junge Mutter, die gerade mit ihrem Baby in der Stadt unterwegs ist und nur ihren Vornamen nennen möchte. Sie plädiert für strenge Testpflichten in Alten- und Pflegeeinrichtungen. "Ich finde schade, dass die ganzen Testzentren eingestampft wurden, weil es kostenpflichtig wurde, und sich die Menschen dadurch viel weniger getestet haben", sagt sie. "Jetzt haben wir hier so hohe Zahlen und man hat das Gefühl: Wo bleiben die Testzentren?"

Warum ausgerechnet im Altmarkkreis Salzwedel derzeit die Corona-Zahlen so hoch sind, während die Inzidenzen in den Nachbarkreisen deutlich niedriger liegen, kann sich Silvia nicht erklären. Eine Vermutung hat sie jedoch: Vielleicht liege es daran, dass der Kreis bislang recht glimpflich durch die Pandemie gekommen sei und das Virus daher nun umso stärker zuschlage. Tatsächlich hatte die 7-Tage-Inzidenz selbst auf dem Höhepunkt der zweiten Welle Anfang des Jahres im Altmarkkreis Salzwedel stets unter 200 gelegen.

Krankenhaus unter hoher Last

Salzwedel Krankenhaus
Wir müssen leider draußen bleiben: Besucherinnen und Besucher haben zum Salzwedeler Krankenhaus keinen Zutritt mehr. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Eine Erklärung für vielen Coronafälle im Kreis Salzwedel hat auch Uwe Lahnert nicht. Doch der Ärztliche Direktor des Altmark-Klinikums in Salzwedel und sein Team spüren die Konsequenzen der hohen Infektionszahlen. Insgesamt 30 Covid-19-Patientinnen und -Patienten werden aktuell (Stand: 11. November 2021) an den beiden Standorten des Altmark-Klinikums in Salzwedel und Gardelegen behandelt, zwei davon auf der Intensivstation. Vor einem Jahr um diese Zeit waren es weniger, obwohl es damals noch keine zugelassenen Impfstoffe, dafür aber deutlich schärfere Regeln gab.

Schon zu Beginn der Pandemie wurde der Standort in Gardelegen als Hauptklinik für Covid-19-Fälle festgelegt. In Salzwedel sind daher derzeit nur vier Covid-19-Patientinnen und -Patienten in Behandlung. Und doch läuft auch die Klinik in Salzwedel unter hoher Last. Zum einen, weil nicht an Covid erkrankte Menschen, die eigentlich in Gardelegen behandelt werden würden, nun nach Salzwedel verlegt werden. Und zum anderen, weil verstärkte Hygienemaßnahmen die Arbeitsabläufe für das Personal anstrengend gestalten. "Es wäre schön, wenn die Inzidenzen nicht noch weiter steigen", sagt Uwe Lahnert.

Salzwedel
Uwe Lahnert ist Ärztlicher Direktor des Altmark-Klinikums in Salzwedel. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Schon jetzt unterstützen Bundeswehr-Kräfte sein Team im nicht-pflegerischen Bereich, Besucherinnen und Besucher sind im Krankenhaus nur in absoluten Ausnahmefällen erlaubt. Zudem werden planbare Eingriffe verschoben, um Kapazitäten für Notfälle freizuhalten. Um die Pandemie wieder einzudämmen, bräuchte es nicht einmal unbedingt schärfere Maßnahmen, sagt Uwe Lahnert: "Wenn man konsequent durchsetzen würde, was ohnehin empfohlen ist, könnten wir das Infektionsgeschehen gut begrenzen."

Und natürlich müssten sich noch viel mehr Menschen impfen oder boostern lassen. "Auch wenn es vereinzelt zu Impfdurchbrüchen kommt, würde ich immer zur Impfung raten", sagt der Ärztliche Direktor. Bis zum 10. November waren rund 61 Prozent der Menschen im Altmarkkreis Salzwedel vollständig geimpft, etwas weniger als im landesweiten Durchschnitt.

Nachfrage nach Impfungen steigt

Dafür, dass es mehr werden, sollen mobile Impfteams sorgen. Und tatsächlich haben die Impfteams im Altmarkkreis Salzwedel seit einigen Wochen wieder alle Hände voll zu tun. Auch auf dem Parkplatz vor dem mobilen Impfzentrum in der Nähe des Salzwedeler Bahnhofs steht eine lange Schlange. Es sind Menschen aus allen Generationen, die hier bis zu 45 Minuten lang auf eine Impfung warten: von Senioren im Rollstuhl bis zu Schulkindern in Begleitung ihrer Eltern.

"Nachdem die Nachfrage im September und Anfang Oktober stark nachgelassen hatte, verzeichnen wir aktuell einen starken Anstieg. Allein in der vergangenen Woche haben wir in Salzwedel 220 Menschen geimpft, in Gardelegen waren es 160. Und die Nachfrage steigt weiter", sagt Yves Müller, der Leiter der mobilen Impfteams.

Öffnungszeiten verlängert

Statt nur an einem Tag öffnen die mobilen Impfzentren in Salzwedel und Gardelegen inzwischen an zwei Tagen in der Woche. Ab nächster Woche wolle man auch auf den Dörfern wieder verstärkt impfen, sagt Müller. Erstimpfungen machten derzeit etwa ein Drittel der verabreichten Spritzen aus, der Rest entfalle auf Zweit- und Boosterimpfungen, so Müller. Mittlerweile kämen teilweise auch eigentlich impfskeptische Menschen, etwa weil sie sich aus dem persönlichen oder beruflichen Umfeld unter Druck gesetzt fühlten.

Salzwedel
Salzwedel im Herbst: Im Laub liegt eine alte OP-Maske. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Auch ein grauhaariger Mann um die 60 erzählt, während er seine OP-Maske in der Jackentasche sucht, dass er sich seine erste Impfung holen will – um ältere Angehörige zu schützen, wie er sagt. Von den hohen Corona-Zahlen im Kreis Salzwedel wisse er nur aus der Zeitung und dem Radio, in seinem Umfeld habe er davon bislang noch nichts bemerkt. Sie seien ein Grund für ihn, sich jetzt impfen zu lassen. Dass er nun aber so lange anstehen muss, störe ihn. "Es sind zu viele Menschen hier. Es müsste noch ein oder zwei weitere Impfstationen geben", sagt er. Dann setzt er seine Maske auf und stellt sich in die Schlange.

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den Autor  Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

MDR/Lucas Riemer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 11. November 2021 | 16:30 Uhr

2 Kommentare

wwdd vor 10 Wochen

Man sollte nicht übertreiben, denn gestorben wird immer. Die Menschen werden sich ihren Spaß nicht nehmen lassen und dann zu Hause feiern. Letztendlich ist Lebensfreude die lebensverlängendste Medizin.

AlexLeipzig vor 10 Wochen

Die Einstellung mancher Leute kommt mir etwas weltfremd vor, ein 60 jähriger sollte sich sicher schon in eigenem Interesse impfen lassen, und das schon im Sommer, als wenig Nachfrage war. Ich weiß nicht, ob die Leute erst spanische oder italienische Verhältnisse mit wochenlangen Ausgangssperren und vielen Toten brauchen, um den Ernst der Lage zu verstehen. Wenn wir von den Pest-Epidemien des Mittelalters lesen, können wir das heute doch auch nachvollziehen, ohne es selbst erlebt zu haben...

Mehr aus Altmark und Elb-Havel-Winkel

Mehr aus Sachsen-Anhalt