AG "Atomerbe – wohin?" Bürgerinitiative in der Altmark kritisiert Atommüll-Endlager-Suche

Eine blonde Frau mit Brille
Bildrechte: Carina Emig

Würden Sie ein Haus ohne Toiletten bauen oder in ein Flugzeug steigen, für das es keine Landebahn gibt? Damit vergleicht Christel Rosenbaum den Umgang mit hochgiftigem Atommüll. Bundesweit wird händeringend nach einem geeigneten Endlager gesucht. Das müsste für eine Million Jahre sicher sein. Erkundet wird auch Sachsen-Anhalt, darunter die Altmark. Da ist Dr. Christel Rosenbaum, Landärztin im (Un-)Ruhestand, zuhause und will die Altmärker mit ihrer Arbeitsgruppe "Atomerbe – wohin?" wachrütteln.

Es ist kurz vor knapp, findet Christel Rosenbaum aus Beetzendorf. Eine wichtige Veranstaltung steht jetzt im August bevor, die auf den ersten Blick einen ziemlich unscheinbaren Namen trägt: "Fachkonferenz Teilgebiete". Doch sei das die vorerst letzte Möglichkeit, macht Christel Rosenbaum deutlich, um sich als Bürger an der Suche nach jenem Ort unter Tage zu beteiligen, in dem 1.900 Kubikmeter gesamtdeutscher, hochradioaktiver Atommüll für ein Erdzeitalter sicher eingelagert werden sollen. Für die Fachkonferenz kann sich jeder Bürger anmelden und teilnehmen.

Eine Frau und ein Mann laufen einen Feldweg entlang. Die Aufnahme zeigt sie aus der Vogelperspektive
Christel und Mario Rosenbaum gehen auf dem potentiellen Endlager-Standort spazieren, denn tief in der Erde schlummert ein Salzstock. Der wird auf einer Liste mit 90 anderen Orten bundesweit als eine Option gehandelt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Drei Engagierte sitzen am Tischh und schauen auf ein Notebook
Mario (von links nach rechts) und Christel Rosenbaum sowie Enrico Lehnemann von der Beetzendorfer Arbeitsgruppe "Atomerbe – wohin?" planen die große Ausstellung "suche x". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Christel Rosenbaum, Landärztin im Ruhestand, und ihre Mitstreiter bereiten sich an einem Sommertag Ende Juli auf genau diese Fachkonferenz vor, wollen für die Altmark klug und kritisch argumentieren. Selbst wenn danach Bürgerbeteiligung nicht mehr möglich sein sollte, will die Gruppe aus Beetzendorf nicht lockerlassen. So präsentiert Christel Rosenbaum den Status Quo der großen Ausstellung, die sie als Gruppe zur Endlager-Suche nach Beetzendorf in den Ortsteil Ökodorf Siebenlinden holen wollen. Der Titel lautet "suche x".

Die Schulen aus dem Altmarkkreis haben die Beetzendorfer bereits kontaktiert und eingeladen, dazu viele Vereine und die Verbandsgemeinde informiert. Zudem sprechen Christel Rosenbaum, ihr Mann Mario und Mitstreiter Enrico Lehnemann die Beetzendorfer Bürger direkt an und weisen auf "suche x" hin. Die Ausstellung ist ihnen sehr wichtig und soll möglichst viele Altmärker mit dem Atommüll-Endlager-Problem vertraut machen, aufrütteln, aber keine Angst machen. Der Name ihrer Gruppe ist dabei Programm: "Atomerbe – wohin?", heißt sie.

Eine Frau in der Porträtaufnahme
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beim letzten Mal waren rund 1.000 Menschen aus dem Bundesgebiet dabei, [...] Sachsen-Anhalter waren kaum vertreten.

Christel Rosenbaum von der Initiative "Atomerbe – wohin?"

Dann bereitet sich die kleine Beetzendorfer Initiative bei ihrem Arbeitstreffen noch auf besagte Fachkonferenz vor. Es ist die dritte ihrer Art, aber eben auch die letzte, an der die Beetzendorfer am 6. und 7. August 2021 online teilnehmen können. Ganz genau handelt es sich um die Bürgerbeteiligungsplattform der Bundesgesellschaft für Endlagerung, kurz BGE, die für die Endlagersuche zuständig ist. "Beim letzten Mal waren rund 1.000 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet dabei, fast die Hälfte davon aus Bayern. Sachsen-Anhalter waren kaum vertreten", moniert Christel Rosenbaum das hiesige Atommüll-Endlager-Interesse, von dem sie sich mehr wünschen würde. Das sei so wichtig, denn von den 90 Standorten, die theoretisch zum Endlager werden können, seien alleine 23 in Sachsen-Anhalt, davon wiederum 14 in der Altmark.

"Die Altmark – Atom-Mülleimer der Nation"?

Sorgenvoll blicken Christel Rosenbaum und ihre Mitstreiter in die Zukunft. Sie sind nicht gegen ein Endlager, aber wenn, dann am sichersten Ort Deutschlands und nicht am politisch bequemsten, fordern sie. Dünn besiedelt, wenig Infrastruktur, wenig Widerstand: Die Altmark, das vermuten sie, scheint aus Politikersicht zu unkompliziert. Die Medizinerin befürchtet, dass ihre dünn besiedelte Heimat so zum Mülleimer der Nation werden könnte.

Die Karte zeigt in unterschiedlichen Farben die Gebiete mit unterirdischen Gesteinsformationen, die für ein atomares Endlager in Deutschland als geologisch günstig angesehen werden.
Die Karte der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) zeigt in unterschiedlichen Farben die Gebiete mit unterirdischen Gesteinsformationen, die für ein atomares Endlager in Deutschland als geologisch günstig angesehen werden. Bildrechte: BGE/ GeoBasis-DE/BKG 2020

Sie findet es falsch, dass letzten Endes der Deutsche Bundestag auf Empfehlung der BGE über das Endlager entscheiden soll und nicht die Wissenschaftler. Die Landesregierung sollte die Bürger besser informieren, Stellungnahmen schreiben, Wissenschaftler und Experten einstellen, die genauer gucken, was in der Erde Sachsen-Anhalts drinsteckt, sagt Rosenbaum. Sie ärgert, dass andere Bundesländer da viel weiter seien. Bayern und Niedersachsen zum Beispiel wappnen sich schon lange, nehmen viel Geld in die Hand für Öffentlichkeitsarbeit oder stellen extra Geologen ein, um den Boden ganz genau zu untersuchen. Das wünscht sich Christel Rosenbaum auch für Sachsen-Anhalt.

Wer ist die Arbeitsgruppe aus Beetzendorf?

Die Gruppe "Atomerbe, wohin" ist Teil der Initiative "Gesunde Region Beetzendorf". Sie war in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Beetzendorf im Rahmen des Projektes "Leben in zukunftsfähigen Dörfern" ins Leben gerufen worden.

Dazu gehören neben der Gruppe von Christel Rosenbaum weitere Arbeitsgruppen rund um die Region, die in der Zwischenzeit bereits zahlreiche Aktivitäten angestoßen haben. Regelmäßig finden online und offline Arbeitstreffen, Seminare und Workshops statt.

Der Kreis der derzeitig Aktiven in Rosenbaums Gruppe ist offen für alle Interessierten, wie sie sagt. Jeder oder jede könne dazukommen.

Wenn 2022 alle Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz gehen, müssen 1.900 Container mit hochgiftigem, radioaktivem Atommüll in Zwischenlagern untergebracht werden. Schon jetzt liegt der Atommüll vor allem in Salzstock-Zwischenlagern wie im sachsen-anhaltischen Morsleben. 2031 soll der Endlagerstandort feststehen und bis 2050 fertig gestellt sein. Das soll dann der sicherste Ort Deutschlands für eine Millionen Jahre sein, über ein ganzes Erdzeitalter lang.

Christel Rosenbaum hofft natürlich, dass das dann nicht in der Altmark sein wird, doch sie schränkt ein: Sollte dort geologisch bewiesen der geeignetste Standort sein, müssten die Altmärker die bittere Endlager-Pille schlucken. Doch darüber bestimmen sollten ihrer Meinung nach nicht die Politiker, sondern unabhängige Wissenschaftler.

So steht es um die Endlager-Suche

Gesucht wird der am besten geeignete Ort, um unterirdisch radioaktiven Atommüll eine Million Jahre lang möglichst sicher zu lagern. Bis 2013 wurde vor allem über Standorte diskutiert, wo schon Atommüll lagert. Dann beschloss die Bundesregierung, ganz neu anzufangen und in ganz Deutschland nach geeigneten Bodenschichten im Untergrund zu fahnden: mindestens 100 Meter dick, bis zu 300 Meter tief und entweder aus Ton, Salz oder Granit.

Im vergangenen Herbst hatte die Bundesgesellschaft für Endlagerung in einem 400-Seiten-Bericht 90 potentielle Gebiete aufgelistet, die nach geologischen Kriterien in Frage kommen. 23 Teilgebiete liegen in Sachsen-Anhalt. In weiteren Schritten wird es Probebohrungen geben. Der endgültige Standort soll bis 2031 gefunden sein. 2050 soll das Endlager in Betrieb gehen.

MDR/Carina Emig, Mandy Ganske-Zapf, Cornelia Winkler

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 01. August 2021 | 19:00 Uhr

6 Kommentare

Eulenspiegel vor 6 Wochen

Würden sie in ein Flugzeug steigen, für das es keine Landebahn gibt? Und das auf die Aussage wir sind zwar noch nicht in der Lage eine Landebahn zu bauen aber wir versichern bis das Kerosin alle ist wird sie fertig sein?
Also ich war immer ein Gegner der Atomtechnologie. In Brokdorf, Kalkar, Gorleben und Wackersdorf war ich dabei. Habe mich unter anderem mit Störfallstudien und Störfallstatistiken befasst.
Meine Erkenntnis ist:
Misstrauen ist angebracht!
Die Gefahr ist sehr groß das da letztlich nach dem Motto billig vor sicher gehandelt wird.
Gewiss über 50 Jahre Nutzung der Atomenergie hinterlässt seinen Müll und der muss sicher entsorgt werden. Zumindest für die nächsten 1000 Jahre muss dieser Müll überwacht und bewacht werden. Schließlich ist da der Stoff aus den die Bomben sind da drin. Das weckt viele Begehrlichkeiten. Der Bürger sollte auf jeden Fall den Überblick behalten.

W.Merseburger vor 6 Wochen

Wir brauchen in der BRD ganz dringend ein Endlager für die hochradioaktiven Abfälle. Frau Merkel hat zwar den Atomausstieg damals nach Fukushima quasi im Alleingang über Nacht beschlossen, aber die zügige Lösung der Endlagerung des strahlenden Abfalls nicht betrieben. Allen Gegnern eines Endlagers muss man aber sagen: Das ist unser deutscher strahlender Restmüll der AKK und irgenwo muss der in der BRD hin. Wenn nun Bürgerinititiven, Umweltschützer und andere Organisationen mit alle juristischen Mitteln ein solches Endlager auf ihrem angestammten Territorium verhindern wollen, dann ist das nicht nur dumm und egoistisch sondern auch grob fahrlässig.

DanielSBK vor 6 Wochen

Der wohl wichtigste Grund für ein Endlager da oben...

...da ist nichts! Da sagen sich Hase, Igel & Wolf gute Nacht.

In NRW mit 16 Millionen Einwohnern die über der Zeche "Zollverein" leben, werden sie wohl kein Endlager errichten...

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