Größte Anlage Deutschlands Apenburg: Gemeinderat stimmt für riesige Agri-Photovoltaik-Anlage

Eine blonde Frau mit Brille
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In Sachsen-Anhalt soll auf 34 Hektar Ackerland der größte Agri-Photovoltaik-Park Deutschlands entstehen – bei Apenburg im Altmarkkreis Salzwedel. Der Gemeinderat hat dem jetzt zugestimmt. Die zukunftsweisende Technologie ermöglicht gleichzeitig Landwirtschaft und Stromerzeugung parallel auf einer Fläche.

Visualisierung einer Agri-Photovoltaik-Anlage
Die Anlage soll in den kommenden eineinhalb Jahren gebaut werden. Bildrechte: Solar Provider Group

Der altmärkische Landwirt Paul-Werner von der Schulenburg ist unterwegs auf seinem Acker bei Apenburg. Das mehr als 21 Hektar große Gebiet befindet sich direkt gegenüber seines Ökolandbaubetriebs. Hier möchte der 85-Jährige nun das größte Agri-Photovoltaik-Modellprojekt Deutschlands starten. Aber nicht allein. Auch die neun umliegenden Landbesitzer sollen auf einer Gesamtfläche von dann 34 Hektar mitziehen.

Eine Ackerfläche. 1 min
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1 min

MDR S-ANHALT Do 14.04.2022 19:00Uhr 00:45 min

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Über Monate hat sich Ökolandwirt von der Schulenburg auf die Apenburger Gemeinderatsitzung vorbereitet, hat mit Apenburger Bürgern, besorgten Landwirten und Politikern aller Ebenen gesprochen und Verbündete für sein innovatives Vorhaben gesucht.

Die Idee dafür hat von der Schulenburg mit der Solar Provider Group entwickelt. Von der Solar-Firma mit Sitz in Kanada, den Niederlanden und Teutschenthal in Sachsen-Anhalt bekommt er Rückendeckung, denn die würde das Agri-Photovoltaik-Projekt realisieren.

Paul-Werner von der Schulenburg steht auf einem Acker.
Paul-Werner von der Schulenburg möchte nicht nur Land-, sondern auch Energiewirt sein. Bildrechte: MDR/Carina Emig

Was ist Agri-Photovoltaik?

Agri-Photovoltaik (Agri-PV) bezeichnet ein Verfahren zur gleichzeitigen Nutzung von Flächen für die landwirtschaftliche Pflanzenproduktion (Photosynthese) und die PV-Stromproduktion (Photovoltaik). Agri-PV deckt ein breites Spektrum in der Intensität und Art landwirtschaftlicher Nutzung und im Mehraufwand für den PV-Anlagenbau ab. Dieses Spektrum reicht vom Anbau von Sonderkulturen und intensiven Ackerkulturen mit speziellen PV-Montagesystemen bis zu extensiver Beweidung mit marginalen Anpassungen auf der PV-Seite. Damit steigert Agri-PV die Flächeneffizienz und ermöglicht den Ausbau der PV-Leistung bei gleichzeitigem Erhalt fruchtbarer Ackerflächen für die Landwirtschaft oder in Verbindung mit der Schaffung artenreicher Biotope.

Quelle: Fraunhofer-Institut

Flächen können weiter landwirtschaftlich genutzt werden

Das Besondere an der Agri-Photovoltaik in Apenburg: Die Flächen können weiterhin landwirtschaftlich genutzt werden, weil die Abstände zwischen den Solarmodulen bis zu 14 Meter betragen. Das macht es möglich, dass zum Beispiel Schafe zwischen den Modulen grasen, Bienenkörbe aufgestellt oder Ackerpflanzen angebaut werden, denn selbst große Landmaschinen passen zwischen den Reihen durch. Zudem sei das Projekt gut für den Klimaschutz und spüle über die Gewerbesteuer Geld in die Apenburger Gemeindekasse, ist Paul-Werner von der Schulenburg überzeugt.

Mit dieser modernen Technologie können wir Ackerflächen weiterhin bewirtschaften und parallel dazu Ökostrom anbauen und ernten.

Paul-Werner von der Schulenburg
Visualisierung einer Agri-Photovoltaik-Anlage
Große Landmaschinen können zwischen den beweglichen Modulen durchfahren. Bildrechte: Solar Provider Group

Für von der Schulenburg schließen sich ökologisches Handeln und innovative Technologien ganz und gar nicht aus. So betreibt der Landwirt und Unternehmensberater auf Gut Apenburg seit 30 Jahren erfolgreich Ökolandbau und war damit einer der ersten in der Altmark. Auf seinen Äckern, Wiesen und Wäldern gedeihen ausschließlich Bio-Produkte wie Saatgetreide und Kartoffeln. Seine Rinderherden weidet er ganzjährig unter freiem Himmel. Darüber hinaus setzt von der Schulenburg schon lange ganz bewusst auch auf moderne Maschinen, digitale Technik und erneuerbare Energien.

Bau übersteigt bestehende Anlagen um das 30-fache

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Liza Cornils von der Solar Provider Group spricht vor dem Gemeinderat. Bildrechte: MDR/Carina Emig

Auf der Gemeinderatssitzung informiert Liza Cornils von der Solar Provider Group die teilweise noch skeptischen Räte. Dazu muss man wissen, dass das Vorhaben in Apenburg die Größenordnungen der bestehenden Anlagen um das 30-fache übersteigt. Die Apenburger Anlage wäre damit der bislang größte Agri-Photovoltaik-Park in Deutschland.

Die Apenburger Ratsmitglieder beschäftigen sich schon lange mit dem Thema Solar, haben für ihre Gemeinde eine Handlungsempfehlung entwickelt. Sehr gute Orientierung bietet auch der kürzlich veröffentliche Leitfaden des Frauenhofer-Institut "Agri-Photovoltaik: Chance für Landwirtschaft und Energiewende. Ein Leitfaden für Deutschland".

Liza Cornils erklärt, dass die Anlage als Sonnennachführsystem geplant ist, sich also automatisch nach dem Stand der Sonne ausrichtet. Zudem wird der Solar-Park von außen durch den Hecken- und Blühstreifen-Sichtschutz kaum erkennbar sein und den Blick in die grüne Landschaft nicht stören. Weiter spricht sie darüber, wie genau auf der Fläche weiterhin Landwirtschaft betrieben werden und warum der Strom lokal, kostengünstiger und preisstabiler in und um Apenburg verkauft werden kann.

Visualisierung einer Agri-Photovoltaik-Anlage
Bildrechte: Solar Provider Group

Technische Fakten zur Apenburger Agri-PV-Anlage Größe: bis zu 34 Hektar

Energie: rund 20 MWh

Versorgung: Strom für mehr als 5.000 Haushalte

Nutzung: 85 Prozent der Fläche werden weiterhin für Landwirtschaft genutzt

CO2-Ersparnis: rund 12.600 Tonnen pro Jahr

Am Ende stimmen die Gemeinderäte dem Bebauungsplan zu und legen damit den Grundstein für die Agri-Photovoltaik-Modellregion Apenburg. Paul-Werner von der Schulenburg ist glücklich über den Ratsbeschluss. In eineinhalb Jahren soll die Anlage nun entstehen und seine Heimat mit grünem Strom versorgen.

Das ist neu an Agri-Photovoltaik

  • Lebensmittel- und Stromproduktion sind auf ein und derselben Fläche möglich.
  • Die Doppelnutzung kann somit den Kampf um Landflächen entschärfen, denn wertvolle Ackerböden bleiben erhalten, um zum Beispiel Nahrung zu produzieren.
  • Gleichzeitig leistet diese erneuerbare Energieform ihren Beitrag zum Klimaschutz.
  • Es gibt verschiedene Agri-Photovoltaik-Modelle, die je nach Standort so konzipiert werden können, dass sie sogar den landwirtschaftlichen Ertrag steigern. Zum Beispiel kann gezielte Beschattung durch die Module den Beregnungsbedarf auf einer Fläche signifikant verringern und besser gegen Frost, Hagel oder Dürre schützen.
  • Als Sichtschutz dienen Blühstreifen und Hecken. Das fördert die Biodiversität.  
  • Der erzeugte Strom kann auch direkt vor Ort genutzt werden und somit Stromkosten effektiv senken.

Weitere Informationen zu Agri-Photovoltaik

Mehr zum Thema: Photovoltaik

MDR (Carina Emig, Luca Deutschländer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 14. April 2022 | 19:00 Uhr

13 Kommentare

HerrEcke vor 17 Wochen

Solarmodule können nicht beliebig nah aneinander stehen, da sie sich sonst gegenseitig verschatten würden. Die breiteren Abstände lassen beides auf einer Fläche zu.
Zur besseren Darstellung mal folgendes Beispiels.
Ein Hektar konventionelles Feld gibt eine Ertragseinheit Nahrung. Ein Hektar konventioneller Solar Park ergibt eine Stromeinheit.
Ein Hektar Agri-PV ergibt 0,6 Ertrags Einheiten Nahrung und 0,6 Einheiten Strom. Also zusammen 1,2 Einheiten statt 1.
Die Zahlen sind frei erfunden, aber das ist das Prinzip dahinter.

ElBuffo vor 17 Wochen

Das ist doch nicht schlimm. Daher wurde es nochmal erklärt. In einer trocknen Gegend mit Sandboden muss es gar nicht so nachteilig sein, wenn ein Teil regelmäßig beschattet und so die Verdunstung reduziert wird. Im Wald wächst trotz erheblicher Verschattung auch noch ein Haufen Zeug. Das Zeug können dann Schafe, Hühner, Rinder fressen ohne da mit Technik rumfahren zu müssen. Oder man baut eben irgendwas an und erntet es dann. Und in der Zwischenzeit wird Strom produziert. Günstigerweise regelmäßig zu Zeiten, an denen viel davon verbraucht wird.

ElBuffo vor 17 Wochen

Das werden wir bei Stromerzeugung aus Kohle, Gas, Öl oder Kernkraft am Ende die Kunden bezahlen. Herr Schulen Burg wird den Umsatz und Kosten abzüglich Steuern erhalten. Wie bei jeder wirtschaftlichen Betätigung gibt es da keine Sicherheiten, sondern Chancen und Risiken.

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