Des Jägers Findelkinder Rehkitz Susi sitzt in Zichtau mit auf dem Sofa

Zwei Rehe wurden vor dem Tod bewahrt und bei Ralf Läsecke abgegeben. Eigentlich ist er Jäger und somit das genaue Gegenteil eines Ziehpapas für Wildtiere. Ausnahmen bestätigen die Regel – und da er auch schon mal Fuchs und Schwein bei sich großgezogen hat, sind so kleine Rehkitze eigentlich ein Klacks, oder?

Seitdem Susi und Strolch bei ihm wohnen, sind die Nächte für Ralf Läsecke noch kürzer geworden. Er steht jeden Morgen um vier auf, um Milch für die beiden warm zu machen, bevor er zur Arbeit fährt. Nein, Susi und Strolch sind keine Kinder, sondern drei Monate alte Rehkitze. Sie wohnen auf dem Hof von Ralf Läsecke in Zichtau im Altmarkkreis Salzwedel.

Vor dem sicheren Tod bewahrt

Damit hat er die Rehe vor dem sicheren Tod bewahrt. "Das eine Kitz wurde verlassen vor einer Garage gefunden. Ich nehme an, dass der Wolf die Mutter geholt hat. Das andere lag verletzt auf dem Acker und wurde beim Heuwenden gefunden", erzählt Läsecke.

Ein kleines Reh fisst aus einem Fressnapf.
Vor dem Tode bewahrt und aufgepeppelt: Susi und Strolch. Bildrechte: MDR/Matthias Bruck

Und weil die Zichtauer wissen, dass der passionierte Jäger Läsecke schon einmal Wildtiere – ein Schwein und einen Fuchs – großgezogen hat, brachten die Finder die Tiere zu ihm.

Flasche geben muss geübt sein

Seitdem drehe sich alles auf dem Hof um die Tiere, sagt Läsecke. Die Rehkitze fressen mittlerweile im gesamten Garten die Pflanzen kurz und klein. Auch die Erdbeeren waren plötzlich verschwunden und Geranienblüten mögen sie besonders, erzählt der Ziehvater.

Am Anfang musste ich üben, wie ich ihnen am besten die Flasche gebe. Die ersten Male haben sie die Nuckel zerkaut, bis ich herausfand, dass ich die Flasche nicht seitlich sondern direkt von vorn in den Mund führen muss.

Ralf Läsecke, Jäger und Ziehvater von zwei Rehkitzen

Hilfe vom Landwirt um die Ecke

Die Milch, die sie bekommen, ist eine besondere: die sogenannte Biestmilch. "Das ist die Milch, die die Kühe unmittelbar nach dem Kalben geben. Sie ist besonders reich an Nähr- und Abwehrstoffen sowie Vitaminen – genau das, was nicht nur für die Kälber, sondern auch die Rehkitze gut ist", sagt Läsecke. Die Milch bekommt er kostenlos von einem Biolandwirt aus dem Nachbardorf.

Ein kleines Reh steht im Wohnzimmer und schaut in Richtung Kamera.
Die Rehkitze sind die Nähe des Menschen so sehr gewohnt, dass sie allein in der Wildnis nicht überleben würden. Bildrechte: MDR/Matthias Bruck

Treue Begleiterin: Susi holt sogar die Post ins Haus

Im Mai kamen die Kitze zu ihm – mittlerweile haben sie sich den gesamten Hof erobert. Susi ist sogar so zutraulich, dass sie Läsecke ins Haus begleitet und sich zu ihm auf‘s Sofa legt.

"Da könnte ja auch ich liegen, aber da liegt dann die Susi und fühlt sich richtig pudelwohl", sagt Läseckes Frau Astrid. "Ich möchte manchmal auch ein kleines Rehkitz sein. Nach 33 Jahren Ehe wünscht man sich das auch mal wieder und ist ein bisschen neidisch", fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu.

Ein kleines Reh sitzt auf dem Beifahrersitz eines Autos. Es wird von einem Mann gestreichelt.
Susi traut sich sogar mit ins Auto. Bildrechte: MDR/Matthias Bruck

Susi begleitet ihren Ziehvater sogar zum Briefkasten, wenn er die Post holt und steigt auch zu ihm ins Auto. "Ich glaube, diese enge Bindung entstand durch das Füttern mit der Flasche und die damit verbundene Nähe. Manchmal hat Susi mir den Schweiß von der Stirn geleckt", sagt Läsecke.

Auswilderung nicht mehr möglich

Die Tiere sind in den letzten Monaten gut gewachsen, vor allem Strolch, der schon halbtot war, hat sich gut gemausert. Doch auch wenn sie sich bei Läseckes sauwohl fühlen und schon fast mit zur Familie gehören – für immer können sie nicht bleiben.

"Wenn sie ausgewachsen sind, werde ich sie an einen Tierpark oder Wildgehege abgeben", sagt Läsecke. Auswildern könne man sie nicht mehr. "Dafür ist die Nähe zu den Menschen bereits zu groß. Sie hätten in der freien Wildbahn kaum eine Chance", weiß der passionierte Jäger.

Der Abschied wird ihm und seiner Frau nicht ganz leichtfallen. "Aber wer weiß, welche Aufgabe im nächsten Jahr auf mich zukommt", sagt er. Es klingt so, als wären Susi und Strolch nicht die letzten Wildtiere, die bei Läseckes groß werden.

MDR/Matthias Bruck, Maximilian Fürstenberg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22. August 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Remy vor 14 Wochen

Großartig, wie diese Tiere fehlgeprägt werden. Sie können nie wieder ausgewildert werden.

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