Mit 98 Jahren noch täglich im Laden Älteste Buchhändlerin Deutschlands: Helga Weyhe aus Salzwedel ist tot

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Vor kurzem erst war sie 98 Jahre alt geworden. Und obwohl sie schon längst ihren Ruhestand hätte genießen können, stand Helga Weyhe in ihrer Buchhandlung in Salzwedel. Tag für Tag, seit mehr als 70 Jahren. Nun ist die älteste Buchhändlerin Deutschlands gestorben.

Die Buchhändlerin Helga Weyhe aus Salzwedel
Helga Weyhe aus Salzwedel war die älteste Buchhändlerin Deutschlands. Bildrechte: MDR/Doreen Jonas

Die als Deutschlands älteste Buchhändlerin bekannt gewordene Helga Weyhe aus Salzwedel ist tot. Die 98-Jährige verstarb am Montag in ihrer Wohnung. Das bestätigte die Polizei MDR SACHSEN-ANHALT. Bis zuletzt hatte Helga Weyhe täglich in ihrer Buchhandlung in der Alperverstraße 11 in Salzwedel gestanden. Noch vor drei Wochen, am 11. Dezember, feierte sie ihren 98. Geburtstag. Sie habe keine Angst vor Corona, sagte die rüstige Geschäftsfrau. 

Der Kontakt zu den Kunden hielt sie fit. Sie verkaufte nur Bücher, die sie auch weiterempfehlen konnte. In den 1940er-Jahren studierte sie Geschichte und Literatur in Breslau, Königsberg und Wien. Ab 1945 stieg sie in die väterliche Buchhandlung mit ein. Ab 1965 führte sie das Geschäft alleine. Seit 2012 ist Helga Weyhe Ehrenbürgerin von Salzwedel gewesen. Fünf Jahre später erhielt sie den Ehrenpreis des Deutschen Buchhandels.

Zu DDR-Zeiten Rentnerin geworden – und noch täglich im Laden

Noch zu DDR-Zeiten war sie 1982 Rentnerin geworden, was sie nicht davon abhielt, den Laden weiterzuführen. Allerdings konnte sie sich da auch einen lange Zeit gehegten Traum erfüllen: Sie reiste 1985 in die USA. Ihr Onkel hatte in New York ebenfalls einen Buchladen betrieben. Er starb 1972, das Geschäft gab es aber immer noch. In ihrem Laden in Salzwedel prangte später ein Schild "794 Lexington Ave." – eine Reminiszenz an das Buchgeschäft ihres Onkels.     

Blick auf die Buchhandlung Weyhe in Salzwedel
Seit 1965 die Chefin: die Buchhandlung von Helga Weyhe in Salzwedel Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Die Polizei musste am Montag längere Untersuchungen durchführen. Die Auffindesituation der verstorbenen Frau sei ungewöhnlich gewesen, sagte Sprecherin Beatrix Mertens. Die Kriminalpolizei untersuchte den Fundort. Ein Fremdverschulden konnte später aber ausgeschlossen werden.   

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 04. Januar 2021 | 20:00 Uhr

4 Kommentare

Stefan Peveling vor 47 Wochen

Ich erinnere mich, wie ich das Geschäft 2012 mit meiner Mutter, die Frau Weyhe noch aus ihrer Jugend in Salzwedel kannte, besuchte. Ein nicht allzu großer Raum mit übersichtlichem Sortiment, so wie ich als Westler die DDR-Buchläden kannte. Aber hier übersichtlich nicht aus Mangel sondern aus Qualitätsgründen. Zwei ihrer Äussserungen bleiben mir in Erinnerung. Zu Salzwedel (2012), das ich als eine schoen gelegene und renovierte aber etwas leere Stadt in Erinnerung habe: "Unser Problem ist, dass die gebildeten Leute weggegangen sind." Zu ihrer Nachfolge (sinngemäß): "Viele sind interessiert, haben aber nicht die Grundlage". Wer tut sich heute so eine selbständige Existenz an? Halten wir Frau Weyher in gutem Gedenken.

Stefan Peveling vor 47 Wochen

Man wünscht sich, dass Ihr Geschäft fortgeführt wird. Ich glaube sie war da skeptisch. Ich erinnere mich, wie ich in 2012 mit meiner Mutter, die sie aus Ihrer Jugend in Salzwedel aus den 50er Jahren kannte aufgesucht habe. Das Geschäft ein großer Raum mit übersichtlichem Sortiment, so wie ich (als Besucher aus dem Westen) DDR-Buchläden kannte. Aber nicht übersichtlich aus Mangel, sondern aus Konzentration auf ein gutes Sortiment. Zu Salzwedel (2012): "Das Problem ist, dass die gebildeten Leute weggegangen sind" Typische, schoen restaurierte, aber etwas leere Nachwendestadt. Zu einer Nachfolge (sinngemäß) "Viele sind interessiert, aber haben nicht die Grundlage dafür. Es reicht nicht, Bücher zu lieben." Wer tut sich das von den "jungen Leuten" heute an. Eine Anstellung ist weniger müheselig, als so einen

Guido Lange vor 48 Wochen

Helga Weye - die Ikone des Buchhandels wird immer in unseren Herzen sein. Schon als Kind hatte ich höchsten Respekt vor Ihr und kaufte dort Bücher. Das hat sich nicht geändert. Erst in diesem Jahr besuchte ich sie zwei Mal für mein Buch ‚Abenteuer Baltikum‘. Wir machten ein Selfie für meinen Blog und sie sagte: „Ich werde so oft fotografiert, da kommt es auf einmal auch nicht mehr an“. Sie war wie voll Tatkraft und sah sich mein Buch genau an, bevor sie es für gut befand.
Halten wir also inne und gedenken ihr.

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