Ein Landkreis kurz vor der Wahl Schwierig und schön: Die Leere im Altmarkkreis Salzwedel

Elisa Sowieja-Stoffregen
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Die dünne Besiedlung macht dem Altmarkkreis Salzwedel zu schaffen. Der Landkreis kämpft mit Leerstand und Fachkräftemangel. Gleichzeitig ist es gerade die Leere, die viele schätzen – zum Beispiel Pendler oder Künstler, die brachliegende Gebäude beleben. Ein Besuch im Landkreis, in dem bald ein neuer Landrat gewählt wird.

Corinna Köbele sitzt im alten Gericht in Kalbe/Milde.
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  • Der Altmarkkreis Salzwedel kämpft wegen der dünnen Besiedlung mit viel Leerstand, zum Beispiel in Kalbe.
  • Ein anderes Problem sind fehlende Fachkräfte. Dem Badhersteller Deba findet, eine Anbindung an die A14 und ein ICE-Halt könnten helfen.
  • Viele Bewohner der westlichen Altmark schätzen aber auch gerade die Leere, zum Beispiel Pendler.

Der muffige Geruch eines alten verlassenen Hauses liegt in der Luft. An den Wänden pappen Tapetenreste aus fast hundert Jahren, über der Heizung hängt ein Kabel aus der Wand. Neben einem leeren Türrahmen steht eine Frau mit leuchtenden Augen. "Die Stipendiaten lieben es hier", sagt sie in einem Ton, als wäre das die Präsidenten-Suite des Hilton.

Corinna Köbele hat aus dem alten Gerichtsgebäude in Kalbe/Milde ein Atelier für Künstler aus aller Welt gemacht. Zweimal im Jahr toben sich hier bis zu 40 Stipendiaten mehrere Wochen lang kreativ aus. Sie kommen aus Australien, Brasilien, China, Iran, Mexiko. Kostenlos schlafen dürfen sie in Wohnungen, die Köbeles Verein in verwaisten Häusern hergerichtet hat. Künstlerstadt Kalbe nennt sich dieser Verein. Er ist die Antwort von mehr als 130 Altmärkern auf den Leerstand in ihrer Region.

Vom Bauern- zum Kulturhof werden in Kalbe leerstehende Gebäude 45 min
Vom Bauern- zum Kulturhof werden in Kalbe leerstehende Gebäude Bildrechte: MDR/Schmidt-Film
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Der Osten - Entdecke wo du lebst Di 21.09.2021 21:00Uhr 44:41 min

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36 Einwohner pro Quadratkilometer

Kalbe hat mit den typischen Folgen der dünnen Besiedlung im Altmarkkreis Salzwedel zu kämpfen. Im gesamten Landkreis kommen auf einen Quadratkilometer nur 36 Einwohner, so wenige wie nirgendwo sonst in Sachsen-Anhalt. Eine Folge sind leere Häuser und Baulücken. "In Kalbes Altstadt machen die rund 30 Prozent aus", erzählt Köbele. Der Versuch, mit einem Gewerbegebiet große Arbeitgeber anzulocken, blieb bisher erfolglos. "Da stehen jetzt Solarmodule. Und auf den Straßen kann man wunderbar Rollschuh fahren."

Es ist also kein einfacher Job, der am 6. März im Altmarkkreis Salzwedel vergeben wird. Dann wählen die Einwohner einen neuen Landrat. Amtsinhaber Michael Ziche (CDU) tritt nicht nochmal an. Um seine Nachfolge buhlen vier Kandidaten.

Folge der dünnen Besiedlung: Fachkräfte fehlen

Der Sieger wird sich auch um eine weitere Folge der dünnen Besiedlung kümmern müssen: fehlende Fachkräfte. In den weitläufigen Fabrikhallen des Badherstellers Deba in Salzwedel merkt man davon auf den ersten Blick nichts. Maschinen schneiden und stanzen im Takt. Dazwischen wuseln Handwerker an den Steuergeräten und in halbfertigen Badcontainern.

Georg von Gruben ist kaufmännischer Leiter des Badherstellers Deba in Salzwedel
Georg von Gruben zeigt eines der Fertigbäder, die Deba produziert. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

Deba ist mit etwa 170 Mitarbeitern eine der größten Firmen im Landkreis. Sie baut für Hotels und Krankenhäuser komplette Bäder. Dafür braucht sie viele Fachkräfte, vor allem Handwerker. "Teilweise müssen wir sehr lange suchen", sagt Georg von Gruben, der kaufmännischer Leiter. Besonders gefragt: Elektriker und Installateure.

Bei der Arbeitsagentur waren zuletzt rund 760 offene Stellen für den Landkreis gemeldet. Der demografische Wandel wird die Zahl wohl weiter in die Höhe treiben – auch wenn die Bevölkerung nicht viel stärker schrumpft als im Landesschnitt. Laut einer Prognose des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt wird bis 2035 jeder Vierte aus der Altersgruppe der möglichen Arbeitnehmer fehlen.

ICE-Halt könnte Fachkräfte aus Berlin anlocken

Eine bessere Verkehrsanbindung würde die Suche erleichtern, sagt Georg von Gruben. Dann könnte man zum Beispiel auch Berliner anlocken. Doch in Salzwedel hält kein IC, geschweige denn ein ICE. "Wenn eine Familie nur ein Auto oder gar keins hat, ist Pendeln schwierig", sagt er.

Und selbst mit dem Auto fährt man die Landstraßen mindestens zweieinhalb Stunden. Die Nordverlängerung der A14 wird die Zeit zwar enorm verkürzen. Doch die ist gefühlt eine unendliche Geschichte. Klagen haben den Bau immer wieder verzögert. Die komplette Fertigstellung der Trasse wurde zuletzt für 2027 in Aussicht gestellt.

Eine bessere Auto- und Bahnanbindung ist für das Unternehmen auch wichtig für neue Aufträge, erklärt von Gruben. Kunden könnten dann besser und schneller anreisen. Denn die kommen teils aus London – und tuckern vom Flughafen BER mit dem Regionalzug und einmal Umsteigen in die Altmark. Zum Standort Salzwedel steht Deba trotzdem. Gerade ist die Firma auf ein größeres Gelände umgezogen. Für mehr Fachkräfte hat sie begonnen, Nachwuchs selbst auszubilden.

Attraktiver Standort: Westliche Altmark

Auch Marian Bohndick findet in der westlichen Altmark nur schwer Personal. Ihm fehlen Fleischer. Aber abgesehen davon ist Jävenitz bei Gardelegen für ihn ein attraktiverer Standort als jede Großstadt. "Für unser Geschäftsmodell ist das hier sogar der beste Ort in Deutschland", sagt der 37-Jährige. Denn nur ein paar Schritte hinter seiner kleinen Manufaktur führen die ersten Kiefern in einen Wald der Colbitz-Letzlinger Heide. Und dort streifen jede Menge Rehe, Hirsche und Wildschweine herum.

Für unser Geschäftsmodell ist Jävenitz der beste Ort in Deutschland.

Marian Bohndick, Gründer der Firma Waldgourmet
Marian Bohndick hat die Firma Waldgourmet in Jävenitz gegründet.
Marian Bohndick ist Geschäftsführer von Waldgourmet. Er hat auch seinen Bruder mit in die Firma geholt. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

Bohndicks kleine Firma Waldgourmet verarbeitet und verkauft frisches Wildfleisch aus der Region. Viel Wild, wenige Abnehmer durch die dünne Besiedlung: Der Betriebswirt nutzt das, um über seinen Onlinehandel vor allem die hohe Nachfrage in Bayern und Baden-Württemberg zu bedienen.

In den vergangenen Jahren hat es häufiger mal junge Gründer wie Bohndick in den Altmarkkreis Salzwedel gezogen. Denn hier gibt es viel Platz zum Kreativsein für wenig Geld. Die einen bauen ein Öko-Hotel für Gesundheitstouristen in Arendsee. Der nächste zieht nach Salzwedel, um von dort aus als Autor zu arbeiten.

Viele Jobs lassen sich dank Internet nun mal auch in der Abgeschiedenheit erledigen. Und auch die nötige Internetanbindung ist in den allermeisten Orten inzwischen ganz passabel. Laut Breitbandatlas der Bundesregierung sind vier von fünf Privathaushalten im Landkreis mit mindestens 100 MBit versorgt.

Der Altmarkkreis Salzwedel in Zahlen

3,8 Prozent der Sachsen-Anhalter machen die Bewohner der westlichen Altmark aus. Im Landkreis wurden zuletzt 82.267 Menschen gezählt.

633,16 Quadratkilometer groß ist Gardelegen. Damit ist es nach Berlin und Hamburg die drittgrößte Stadt in Deutschland.

Knapp 40 Prozent der Arbeitnehmer im Landkreis sind Pendler. 23 Prozent fahren nach Wolfsburg.

Mit 6,5 Prozent lag die Arbeitslosenquote zuletzt um 0,8 Prozent unter der des Landes.

21 Prozent der Unternehmen aus Industrie und Handel haben ihr Geschäft im verarbeitenden Gewerbe – vor allem in den Bereichen Metallverarbeitung, Maschinenbau und Automobilzulieferindustrie. Im ganzen nördlichen Sachsen-Anhalt sind es nur 13 Prozent.

1.115 Handwerksbetriebe gibt es im Landkreis. Vor zehn Jahren waren es noch gut 200 mehr.

Rund 500 Mitarbeiter hatte der Backwarenhersteller Fricopan in Immekath. 2017 machte das Werk dicht. Zuvor hatte der Mutterkonzern allerdings mit Fördermitteln des Landes ein anderes Werk in Eisleben ausgebaut.

40 Jahre lang waren metallisches Quecksilber, Säuren und Arsenstoffe in die Deponie in Brüchau gekippt worden. Nach jahrelangen Protesten hat 2021 eine Studie ergeben, dass die Grube undicht ist. Nun soll sie verschwinden.

Lieber pendeln als hohe Mieten in Wolfsburg zahlen

Die Vorzüge der Leere halten wohl auch die vielen Pendler in der Region. Jeder dritte Arbeitnehmer im Altmarkkreis Salzwedel hat seinen Job außerhalb. Häufigstes Ziel ist Wolfsburg. Luise Plönnigs aus Neuendorf bei Klötze pendelt schon seit sieben Jahren dorthin. Grund: die bessere Bezahlung. Bei einem Automobilzulieferer arbeitet sie als Bürokauffrau.

Nach Niedersachsen ziehen? Kommt für sie nicht infrage. Schon allein wegen der Mieten. "Meine Kollegin zahlt für eine Vier-Raum-Wohnung in Wolfsburg fast 2000 Euro. So viel verdiene ich nicht mal", erzählt die 31-Jährige. In der Heimat hingegen können sich ihr Mann und sie auch ein Haus leisten. "Außerdem finde ich es schöner für meine Tochter, wenn sie auf dem Dorf aufwächst." Für die Dörfer hat der hohe Pendleranteil allerdings auch einen Haken: Wenn die Menschen den ganzen Tag lang weg sind, fehlen sie zum Beispiel in Sportvereinen und bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Komplettpakete aus Job, Haus, Freizeitangeboten

Mit dem passenden Gesamtpaket lassen sich noch viel mehr Menschen für ein Leben in der Altmark begeistern. Davon ist Corinna Köbele von der Künstlerstadt Kalbe überzeugt. Deshalb lädt ihr Verein nicht nur Stipendiaten ein, sondern veranstaltet auch Workshops und Festivals.

Und vor einem Jahr stellten Köbele und ihr Team einen Aktionsmonat auf die Beine, der auch von einer Marketingagentur hätte stammen können: Sie schnürten Pakete aus Job, Haus und Freizeitangeboten für einzelne Berufsgruppen und boten die in den sozialen Medien an. Für Ärzte zum Beispiel gab es einen Link zu freien Stellen im Altmark-Klinikum, ein Inserat für einen Drei-Seiten-Hof – perfekt für Familien – und Kulturtipps. "Danach haben ständig Leute bei uns geklingelt, die sich die Stadt anschauen wollten", erzählt Köbele nach der Atelierführung bei einem Kaffee vom Stövchen. In ihrer Stimme liegt Stolz. Zurecht. Zwei der angepriesenen Häuser sind heute verkauft.

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Über die Autorin Elisa Sowieja-Stoffregen arbeitet seit September 2021 für MDR SACHSEN-ANHALT. Nach ihrem Studium in Erfurt hat sie lange bei der Volksstimme gearbeitet, vor allem als Landesreporterin. Nun nimmt sie zu ihren Terminen neben Zettel und Stift auch Smartphone und Mikrofon mit.

Die gebürtige Magdeburgerin ist für MDR SACHSEN-ANHALT als Reporterin vor allem in den Gemeinden und kleinen Städten unterwegs. In ihrer Freizeit hechtet sie gern Badmintonbällen hinterher und testet immer mal wieder, wie viele "Warum?"-Fragen am Stück sie kindgerecht und mit pädagogischer Finesse beantworten kann, bevor ihr ein "Weiell-das-so-ist!" herausrutscht.

MDR (Elisa Sowieja-Stoffregen)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 12. Februar 2022 | 09:30 Uhr

1 Kommentar

Matthi vor 19 Wochen

Das wichtigste um eine Region zu beleben ist ein Ausbau der Infrastruktur wie Nahverkehr Bahnausbau und endlich Fertigstellung der A14. Junge Leute wollen nach der Schule was erleben gehen meistens wegen Studium und Ausbildung in Großstädte und erleben die Vorzüge einer Großstadt. Selbst wenn sie dann Familie haben ziehen sie nicht zurück weil dann das Thema steht Kindergarten Schule Schulweg Und Pendeln zur Arbeit Mehrkosten durch ein zweites Auto. Über die Medizinische Versorgung wie Ärzte Krankenhäuser die eine komplette Versorgung anbieten brauchen wir erst garnicht zu sprechen. Es bringt auch nichts im alter auf Land zu ziehen, spätestens wenn man Krank ist und nicht Auto fahren kann wird es problematisch. Das Problem betrifft aber viele Ecken in Deutschland.

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