Todesursache weiter ungeklärt Storchen-Katastrophe scheint sich nicht zu wiederholen – Dafür droht eine andere

Ein Mann mittleren Alters und mit kurzem Haar schaut in die Kamera
Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Die Dumme bei Salzwedel war im vergangenen Jahr Schauplatz eines regelrechten Storchenkrimis. Alle Jungstörche entlang des etwa 30 Kilometer langen Flüsschens kamen gleichzeitig ums Leben. Ein Rätsel für den Storchenbetreuer, doch in diesem Jahr läuft es besser. Aber es gibt auch negative Beobachtungen: Den Jungtieren fehlt die Nahrung.

Thomas Koberstein bremst sachte vor dem Ortseingangsschild von Henningen (Altmarkkreis Salzwedel) ab. Langsam geht er um die Dorfkirche und hält vorsichtig vor einem Storchenhorst. Die Fracht in seinem Kofferraum transportiert er wie ein rohes Ei – dabei ist sie schon vor vier Wochen geschlüpft. Es ist der Jungstorch Henning aus Salzwedel.

"Dreizehn vagabundierende Storchenjunggesellen haben das Nest von Henning angegriffen", erzählt Koberstein MDR SACHSEN-ANHALT. Da war Henning noch im Ei. Der Storchenvater war bei dem Angriff so schwer verletzt worden, dass er bei der Brut tagelang nicht helfen konnte. "Die Störchin hat daraufhin dauergebrütet und das Nest nicht mehr verlassen. Sie wäre verhungert, wenn wir die Eier nicht entnommen hätten", so der Storchenbetreuer weiter.

Adoptiveltern für Henning

Eine Wiese und dazwischen ein Bach
An der Dumme fühlen sich die Störche wohl. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Also hat er Henning und seine drei Geschwister zu Hause ausgebrütet und vier Wochen lang großgezogen. "Die Eltern haben die Brut mittlerweile aufgegeben, denen können wir die Jungstörche nicht zurückgeben." Deshalb bekommt der Findelstorch in Henningen ein neues Zuhause. Seine Geschwister werden auf andere Horste verteilt, um die Altstörche nicht zu überlasten. Kobersteins Helfer, Martin Trier und Thomas Kurzweg, sind schon vor Ort und haben die Feuerwehrleiter zum Horst bereits aufgebaut.

Der Horst in Henningen war im vergangenen Jahr von demselben grausigen Phänomen betroffen, wie der in Tylsen. Wenige Tage nach dem Schlüpfen war keiner der Jungstörche mehr am Leben. "Einer hing noch lange außen am Nest, das war ein makaberes Bild", erzählt Martin Trier. Er kennt die Störche schon lange und kann sich die Tragödie nicht erklären.

Weiter Rätsel um Tod der Jungstörche

Auch Thomas Koberstein sucht noch immer nach einer schlüssigen Erklärung. War es der Einfluss des Menschen oder vielleicht eine Seuche? "Es ist nicht ungewöhnlich, dass Nistmaterial durch die Witterung Schimmelpilze enthält, die in die Lungen der Jungstörche geraten können", erzählt Koberstein. Doch auch das ist nur eine von vielen Spekulationen.

ein junger Storch im Nest
Henning im Eimer auf dem Weg nach oben Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Eine Katastrophe jagte die nächste

Gewissheit würde nur die Untersuchung eines betroffenen Kadavers bringen. Doch die Ereignisse des vergangenen Jahres scheinen sich nicht zu wiederholen. Dafür sorgt eine neue Katastrophe für massive Ausfälle in den Storchennestern: Die Witterungsverhältnisse passen dieses Jahr nicht zur Entwicklung der Störche.

"Das nasskalte Frühjahr hat zum Einbruch der Mäusepopulation geführt. Als es dann plötzlich so heiß wurde, fehlte damit die Hauptnahrungsquelle für die Störche", beschreibt Koberstein die angespannte Situation.

Es kam zu schlimmen Szenen. Altstörche warfen die schwächsten Küken aus dem Nest oder resignierten und ließen die gesamte Brut verhungern. Die Katastrophe nahm ein Ausmaß an, das Koberstein so noch nicht gesehen hat: "Ausfälle gibt es jedes Jahr, das ist nichts Ungewöhnliches, aber nicht in diesen Dimensionen."

eine Drehleiter am Storchennest
Mit Hilfe der Feuerwehr wurde das Waisenkind in den Horst gelegt. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Storchen-Adoption glückt

Derweil ist Thomas Koberstein die Leiter zum Horst hinaufgestiegen. Im Nest liegen zwei Jungstörche und bewegen sich nicht, der Besucher wird jedenfalls nicht begrüßt. An einem Seil zieht Koberstein den Eimer nach oben, in den seine Helfer Henning hineingelegt haben. Vorsichtig nimmt er den Neuankömmling heraus und setzt ihn zwischen seine neuen Geschwister: "So, das war es schon."

junge Störche im Nest
Die Adoption scheint geglückt. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Nach etwa einer Stunde kommt der erste Altstorch von seinem Ausflug zurück. "Störche können zum Glück nicht zählen, er sollte nicht merken, dass sich etwas verändert hat", hofft Koberstein. Und tatsächlich, der Storch steht still da und scheint sich an nichts zu stören. Etwas später kommt auch die Störchin, beide klappern zur Begrüßung mit den Schnäbeln. Auch ihr fällt der Zuwachs im Nest nicht sonderlich auf. Die Adoption scheint geglückt.

Ein Mann mittleren Alters und mit kurzem Haar schaut in die Kamera
Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Der Autor Alexander Kühne arbeitet seit 2020 als freier Mitarbeiter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Vorher studierte er in Halle Politikwissenschaft und Kunstgeschichte. Daher findet er seine Themenschwerpunkte in Gesellschaft und Kultur, die er trimedial für Fernsehen, Radio und Online umsetzt. Vor seinem Studium lernte der gebürtige Hallenser den Beruf des Mediengestalters und arbeitete für das Stadtfernsehen in Halle. Zum Fernsehen kam er über ein FSJ Kultur beim Offenen Kanal Wettin, wo er alle Bereiche der Produktion, egal ob vor oder hinter der Kamera, kennenlernte. Jeden Tag im Land unterwegs zu sein, neue Leute kennenzulernen und in alle Facetten des Zusammenlebens zu schnuppern – das sind für ihn die Gründe, die den Journalistenberuf zum besten Job der Welt machen.

MDR/Alexander Kühne, Mario Köhne

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 08. Juli 2021 | 19:00 Uhr

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