Kleinstadthelden Wie eine Bio-Suppe aus der Altmark das Klima schützt

Olga Patlan
Bildrechte: Ansgar Schwarz

Wegen des Klimawandels leiden Landwirte in Sachsen-Anhalt zunehmend unter Trockenheit und Ernteausfällen. Zwei Gründer aus der Altmark wollen mit veganen Suppen regionalen Anbau fördern und dadurch die Umwelt stärken.

Eine Suppe in einem Glas in der Sonne
Das Gemüse für diese Bio-Terrine kam aus der Altmark – das soll auch zukünftig so bleiben. Dafür kämpfen die Gründer. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

"Meine Prämisse war es immer, mit traditionellen Produkten den Zahn der Zeit gefangen zu halten", erzählt Wolfgang Mandelkow, während er mit einem großen Holzlöffel in einem noch größeren Kessel rührt. Darin: ein veganer Kräutergulasch.

Dass Mandelkow ausgerechnet vegan kochen wird, hätte er früher selbst nicht gedacht. Seit 30 Jahren ist Mandelkow Koch. In der Altmark ist er als "Kelle" für seine deftigen Hausmannskost-Suppen bekannt.

Irgendwann hat meine Tochter gesagt: 'Papa, koch doch mal was ohne Fleisch.' ...

Wolfgang Mandelkow Koch und Gründer von "Bio-Terrine"

"... und dann habe ich ein bisschen experimentiert und vegane Produkte entworfen", erzählt der Koch heute.

Veganes Experiment

Zwei Männer lächeln in die Kamera auf einem Acker stehend. (Wolfgang Mandelkow und Marius Wöllner)
Wolfgang Mandelkow (links) und Marius Wöllner Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Diese veganen Produkte gibt es nun in unterschiedlichen Ausführungen unter dem Label "Bio-Terrine" zu kaufen, von Kürbis- über Erbsensuppe bis zum Kräutergulasch. Eines haben sie alle gemein: Sie sind vegan und bio. Und: Das verarbeitete Gemüse kommt aus der Altmark, ist also regional angebaut worden.

Regionale Zutaten sind vor allem Marius Wöllner ganz wichtig. Er ist der zweite Gründer der "Bio-Terrine" und Bio-Landwirt in zweiter Generation.

Bauer sucht – und findet – Koch

Beide haben sich zum richtigen Zeitpunkt kennengelernt. Mandelkow hatte gerade die vegane Ernährung ausprobiert. Und Wöllner, der sich schon lange gern pflanzlich ernährt, suchte nach einer Lösung für seine Ernte: "Wir haben jahrelang Hokkaido-Kürbisse angebaut für den Bio-Großmarkt. Und wir hatten jedes Jahr im Durchschnitt 120 Tonnen Hokkaido-Kürbisse auf dem Hof. Es gab viele Übergrößen, manche waren krumm. Was macht man damit?" Dadurch kam er auf die Idee, Kürbissuppen herzustellen.

Marius Wöllner mietete ein altes Schlachthaus ein paar Dörfer weiter und begann, dort Suppen herzustellen. "Aber irgendwie brauchten wir mehr Manpower und Know-how. Dann haben die Räumlichkeiten nicht mehr ganz ausgereicht. Da haben wir das Projekt erstmal fallen lassen", so Wöllner. Kurz darauf lernte er den Koch Wolfgang Mandelkow kennen.

Dann habe ich seine Produkte getestet und war so geflasht. Und sagte: 'Geil, das machen wir!'

Marius Wöllner Landwirt und Gründer von "Bio-Terrine"

Traditionelle Gerichte, aber vegan

Zufällig wurde Küche in Lindenberg frei. Seit Juli 2020 werden hier nun "Bio-Terrinen" produziert. In Lindenberg hat Marius Wöllner auch seinen Agrarbetrieb. Das Gemüse fährt also vom Feld zur Manufaktur manchmal nur wenige Meter. Derzeit stellen die Gründer pro Tag 500 "Bio-Terrinen" her. Das Unternehmen befindet sich noch im Aufbau. Um davon leben zu können, müssten Wöllner und Mandelkow die Produktion noch steigern.

Für die beiden Gründer ist ganz wichtig, dass die Produktqualität stimmt. Menschen, die zu fleischlosen Alternativen greifen, sollen nicht nur gesunde Mahlzeiten bekommen, sondern auch keine Abstriche beim Geschmack machen müssen. Und so hoffen sie, vielleicht auch ein paar Fleischesser überzeugen zu können, die zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen zu veganen Produkten greifen. Deshalb kreiert Mandelkow auch traditionelle Gerichte in veganer Variante.

So wie Oma früher gekocht hat – dieses Einfache, Regionale beizubehalten. Für mich ist das ganz wichtig. Und dieses möchte ich gerne in dieser Bio-Terrine weiterleben lassen. Ich muss kochen, um die Zeit festzuhalten – nur in Gerichten ohne Fleisch.

Wolfgang Mandelkow Koch und Gründer von "Bio-Terrine"

Regionalen Anbau stärken und schützen

Für Wöllner ist noch etwas Anderes wichtig: den regionalen Anbau zu stärken. "In den letzten Jahren hat der Anbau von Gemüsekulturen stark abgenommen. Er hat sich in bestimmten südlichen Gebieten Deutschlands konzentriert. Da sind die klimatischen Bedingungen und Böden besser."

Die Abnahme des Gemüseanbaus habe viele Gründe, erklärt Marius Wöllner. Zum einen fehlen zur Hauptsaison die Käufer, da in den Sommerferien viele im Urlaub seien. Und die Großmärkte würden Gemüse nur in bestimmten Größen einkaufen. Ein anderes Problem bereitet ihm aber noch größere Sorgen:

Wir haben hier mit Frühjahrstrockenheit zu tun, aber auch richtiger Dürre wie 2018 oder 2019. Alle denken, dass der Klimawandel irgendwann kommt. Aber ich denke, wir sind schon voll drin.

Marius Wöllner Landwirt und Gründer von "Bio-Terrine"

"Und wenn wir hier nicht langsam anfangen, zu agieren, dann werden wir langfristig gar kein Gemüse mehr anbauen können", befürchtet Wöllner.

Bäume als Schutz vor trockenen Äckern

Deshalb investieren die beiden Gründer einen Teil ihrer Umsätze in Bäume. Genauer gesagt in Baumstreifen auf den Äckern, auf denen das Gemüse für die "Bio-Terrine" wächst. Dieses System nennt man Agroforst und es bedeutet eben genau das; eine Kombination aus Äckern und Forst. Durch die Bäume werden die Äcker geschützt – vor Wind und Trockenheit.

"Es kommt darauf an, zu verstehen, dass wir hier wirklich mit starker Winderosion zu tun haben. Gerade im Frühjahr oder Herbst gibt es große Windbewegung auf der Ackeroberfläche. Was hier wegfliegt, ist die Bodenfruchtbarkeit, der Humus", erklärt Harmut Wöllner, der Vater von Marius Wöllner.

Er hat schon vor 35 Jahren, also noch in der DDR, seine ersten Baumstreifen gepflanzt. Schütze man die Böden vor der Wind-Erosion, erhalte man die Fruchtbarkeit. Aber nicht nur das. Der Windschutz verhindere auch Bodenverdunstung. Auch die Taubildung werde durch die Bäume erhöht, erklärt Hartmut Wöllner. Und sobald die Bäume eine bestimmte Höhe erreicht hätten, spendeten sie den Feldern Schatten, was zusätzlich vor Verdunstung schütze.

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Durch diese Faktoren entstehe ein stabileres Mikroklima mit mehr Biodiversität, fasst Hartmut Wöllner zusammen. Und die "verlorene" Fläche der Äcker für die Bäume würde durch die stabilere Ernte ausgeglichen. So würde man sowohl ökologisch als auch ökonomisch gewinnen. Diese Wechselwirkung wird gerade auch in einer Langzeitstudie in Brandenburg untersucht – von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde.

Wolfgang Mandelkow, Marius und Hartmut Wöllner verlassen sich bei dem Projekt auf ihre Erfahrung. Die ersten Bäumchen sind leider 2018 und 2019 vertrocknet. Aber die Männer geben nicht auf und pflanzen nun neue – von den Erlösen der Suppen, die aus den Erträgen der heimischen Äcker entstanden sind.

Junges Bäumchen auf einem Acker, im Hintergrund mehr ausgewachsene Bäume.
Den vor Kurzem gepflanzten Bäumen hat die Trockenheit zugesetzt. Bildrechte: MDR/Olga Patlan

MDR/Olga Patlan

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 04. November 2021 | 09:30 Uhr

1 Kommentar

Basil Disco vor 11 Wochen

Das klingt doch alles sehr positiv. Ich wundere mich nur darüber, dass man anscheinend immer und immer wieder Dinge durch Studien beweisen muss, die schon lange bekannt sind. Ja, es stimmt: Feldgehölzstreifen aus Bäumen und Sträuchern wirken sich ertragssteigernd auf die angrenzenden Ackerflächen aus. Das habe ich schon in den 80ern im Studium gelernt. Nur unsere von der Agrochemie und ihren Verbandsfunktionären fehlgeleiteten Landwirte wollen das einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Statt dessen pflügen sie Jahr um Jahr Meter um Meter davon ab bis sie zerstört sind.

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