Lost Place der DDR-Geschichte Grenztruppenbunker in Stendal soll freigelegt werden

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

In Stendal soll eine alte Bunkeranlage der ehemaligen DDR-Grenztruppen wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Eine kleine Gruppe von Technik-Enthusiasten kümmert sich nun um die Überbleibsel des Stendaler Grenzkommandos. Zum Tag des offenen Denkmals konnten erstmals Besucher das Areal besichtigen.

Eine Gruppe in Uniform vor einem Trabi.
Zum Tag des offenen Denkmals wurden die Besucher in originalen Uniformen empfangen. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

Lange gehörte die Bunkeranlage in Stendal zu den sogenannten Lost Places – den vergessenen Plätzen der Geschichte. Bis zur Wende war das 36 Hektar große Gelände ein Sperrbezirk gewesen. Auch wenn jeder in Stendal die Grenztruppenkaserne kannte und viele sogar dort arbeiteten – als Grenzsoldaten oder als Zivilisten – so war es dennoch ein abgeriegelter Ort.

Nach der Wende wurde die Kaserne durch einige Behörden wie die Polizei und die Staatsanwaltschaft nachgenutzt. Das Kasino diente zeitweise als Kino und gastronomischer Betrieb. Nach der Jahrtausendwende zogen sie jedoch alle aus – und das Gelände verfiel zusehends. Gras und Unkraut wucherte über alles und deckte einen Mantel über diesen Teil der Stendaler DDR-Geschichte.

Von einer Kaserne zur Asylunterkunft

Die große Bunkeranlage der Kaserne war vor den Augen allzu neugieriger Zeitgenossen versteckt. Der Bunker befindet sich in einem nahegelegenen Waldstück etwas abseits der Kaserne. Man erkennt einige Hügel, aus denen schwarze Schläuche herausragen. "Ich bin hier mal unterwegs gewesen und habe dann diese Hügel entdeckt", sagt Thomas Wübbenhorst. Der Stendaler interessiert sich für alte Militärfahrzeuge. Im Zuge dessen interessierte er sich auch für die verlassene Kaserne und kam so dazu, sich näher auf dem Gelände umzusehen.

Von Stendal aus wurde seit Mitte der 1970er Jahre die gesamte DDR-Grenze zur Bundesrepublik von der Ostsee bis hin zum Harz befehligt. Seit drei Jahren wird die alte Kaserne zu einer zentralen Aufnahmestelle des Landes für Asylbewerber umgebaut.

Allerdings ist das Areal, das sich ziemlich abgelegen im Süden Stendals an der Gardelegener Straße befindet, sehr weitläufig. Neben der Asylunterkunft sind noch das THW sowie der Zoll auf dem Gelände des Bundes untergebracht. Vor einiger Zeit hat Thomas Wübbenhorst das angrenzende Waldstück mit der Bunkeranlage gekauft. "Es ist noch viel erhalten", sagt der Stendaler. Eine Beräumung des Geländes wäre angesichts der massiven unterirdischen Betonbauten wohl zu kostspielig gewesen, vermutet er.   

DDR-Geschichte Grenztruppenbunker in Stendal

Ein Jung in Uniform vor einem Trabi.
Zum Tag des offenen Denkmals Mitte September ist die Bunkeranlage in Stendal erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt worden – auch einige Gäste kamen mit historischen DDR-Fahrzeugen vorbei. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms
Ein Jung in Uniform vor einem Trabi.
Zum Tag des offenen Denkmals Mitte September ist die Bunkeranlage in Stendal erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt worden – auch einige Gäste kamen mit historischen DDR-Fahrzeugen vorbei. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms
Eine Gruppe in Uniform neben einem Grenzschild.
Auch Kinder interessierten sich für das Bunkergelände. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms
Ein Zaun mit Stacheldraht
Die schwarzen Belüftungsschläuche sind ein Hinweis auf die Bunkeranlage. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms
Ein Grenzturm
Der alte Grenzturm diente in Stendal für Übungszwecke. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms
Eine Gruppe in Uniform vor einem Trabi.
In orginalen Uniformen wurden die Gäste beim Tag des offenen Denkmals empfangen. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms
Der Lageplan eines Bunkernetzwerks
Ein Lageplan zeigt die Bunkeranlage auf dem Stendaler Kasernengelände. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms
Ein Soldat telefoniert in einem Schützengraben.
Rick Althoff nutzt ein altes, noch funktionsfähiges Feldtelfon. Ihn faszinieren alte Militärfahrzeuge und Uniformen. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms
Ein Soldat in einem Schützengraben.
Althoff zeigt den Verteidungsgraben, der in den vergangenen Wochen wieder freigelegt wurde. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms
Ein DDR-Grenzpfosten
Zu Anschauungszwecken wurde ein Sperrbezirk angelegt.

MDR/Bernd-Volker Brahms, Max Schörm
Bildrechte: Bernd-Volker Brahms
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 12. September 2021 | 19:00 Uhr

Beim Sachsen-Anhalt-Tag besuchbar

Zum Tag des offenen Denkmals Mitte September wurde das Areal erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. "Wir waren schon überrascht, wie viele Leute gekommen sind", sagt Wübbenhorst. Allerdings war eine Besichtigung des Bunkers noch nicht möglich. "Da müssen auch noch einige formale Voraussetzungen erfüllt werden", sagt er. Im kommenden Sommer, wenn in Stendal der Sachsen-Anhalt-Tag begangen wird, dann soll die Anlage gezeigt werden.

Und die Ausmaße sind beeindruckend: auf rund zwei Hektar sind 30 Räume und Verbindungsflure untergebracht. Alles war in Fertigteilbauweise konzipiert worden.

Grenzkommando Nord

Im Zuge einer Neugliederung der Grenzüberwachung wurde 1971 festgelegt, dass von Stendal aus der nördliche Teil der Grenze (Ostsee bis Harz) überwacht wird. Es wurde eine Kaserne gebaut und 1974 bezogen. Weitere Kommandos waren in Erfurt (Süd) sowie Berlin-Karlshorst (Mitte). Den Grenztruppen gehörten zum Zeitpunkt der Wende rund 44.000 Personen unter Waffe an. Teilweise wurden sie 1990 von der Bundeswehr und dem Bundesgrenzschutz übernommen.

Das 36 Hektar große Areal in Stendal an der Gardelegener Straße beherbergt derzeit nur noch den Zoll und das Technische Hilfswerk. Außerdem sind einige Garagen vermietet. In den Hauptgebäuden, die 2002 saniert worden waren, waren bis 2004 die Polizei, die Staatsanwaltschaft sowie das Kreiswehrersatzamt untergebracht.

Seit 2018 ist klar, dass die ehemalige Kaserne zu einer zentralen Asylbewerberanlaufstelle des Landes umgebaut wird. Die Arbeiten begannen 2019 und laufen immer noch. Es sollen rund 36 Millionen Euro durch Bund und Land investiert werden. Der Entschluss zum Bau war 2015 von der Landesregierung gefasst worden. 

"Die gesamte Nachrichtenzentrale des Grenzkommandos war dort untergebracht", sagt Wübbenhorst. Sie sei dort im Bunker gegen "kleinere Waffeneinwirkung" geschützt gewesen. Im Ernstfall hätten dort unten rund 100 Soldaten arbeiten können, vermutet er. Thomas Wübbenhorst ist noch dabei weitere Unterlagen zusammenzutragen. Er hofft auch auf Zeitzeugen, die Hinweise geben können, wie dort unten gearbeitet worden sei. Im Kriegsfall wäre der gesamte Stab des Kommandos in den Bunker umgezogen. "Es gab dort diverse Funktionsräume."

Ein Soldat telefoniert in einem Schützengraben.
Rick Althoff sammelt originale Exponate. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

Wübbenhorst hat einige Enthusiasten um sich versammelt, um die alte Anlage wieder begehbar und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. "Das Grenzkommando gehört zu Stendal dazu", sagt der 25-jährige Martin Krüger. Er ist genauso wie Rick Althoff fasziniert von alten Militärfahrzeugen und auch Uniformen. "Gerade auf E-Bay kann man eine Menge kaufen", sagt Althoff. Sie würden allerdings sehr viel Wert darauflegen, originale Exponate einzukaufen. Sie fahren oft zu Treffen von Liebhabern von Militärfahrzeugen. 

Grenzturm soll versetzt werden

Einen Verein haben sie bisher nicht gegründet. "Wir machen das erst einmal so", sagt Thomas Wübbenhorst. In den vergangenen Wochen haben sie nahe der Bunkeranlage einen Stellungsgraben ausgehoben. "Der diente zur Absicherung des Bunkers, von dort konnte verhindert werden, dass der Feind über den Zaun steigt ", sagt Althoff. Beim Tag des offenen Denkmals konnten zumindest diese Überbleibsel des Grenzkommandos besichtigt werden.

Ein Zaun mit Stacheldraht
Schwarze Schläuche dienen zur Belüftung des Bunkers. Bildrechte: Bernd-Volker Brahms

Die Bunkeranlage konnte nur von außen in Augenschein genommen werden. Dabei erklärte Thomas Wübbenhorst dann auch, was es mit den schwarzen Schläuchen auf den Hügeln auf sich hatte: "Der Bunker konnte hermetisch abgeschlossen werden." Man habe sich dort auch gegen chemische und bakteriologische Angriffe schützen können, teilweise sogar gegen atomare Angriffe. "Mit Luftfilterventilationsanlagen konnte da unten eine Zeitlang weitergearbeitet werden."       

Auch ein alter Grenzturm soll noch auf das Gelände versetzt werden. Er steht jetzt noch in einiger Entfernung auf einem anderen Gelände. Auch er ist ein Relikt des Stendaler Grenzkommandos. Es diente zu Übungszwecken.

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Author Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

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MDR/Max Schörm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 12. September 2021 | 19:00 Uhr

13 Kommentare

Ines W. vor 4 Wochen

Eine tolle Truppe die den Auftarg hatte die eigene Bevölkerung an der Grenze zu erschießen und dies auch tat. In solche Uniformen steckt man seine Kinder doch gerne und tut sann noch so als wäre man historisch interessiert. Das Interesse befindet sich aus meiner Sicht wohl auf dem Niveau von Landserheftchen, auch wenn diese sich mit den Unterdrückungsorganen eines anderen Regimes beschäftigt haben.

Die Grenztruppen waren keine "tolle Truppe" der man unkritisch gegenüber treten kann, sondern sie waren eine maßgebliche Stütze des DDR Regimes. Die Grenztruppen sicherten die Existenz der undemokratischen DDR und zementierten die Unterdrückung von Millionen von Deutschen über Jahrzehnte.

Lavendel vor 4 Wochen

Gut, dass es nicht nur mir so geht, wenn sich bei dem Artikel die Nackenhaare sträuben. Der Bunker, von dem aus der mörderische DDR Grenzregime koordiniert wurde ist für mich keine Freizeitattraktion bei der fröhliche Laienschauspieler in Uniform verharmlosend posen.

Die Grenztruppen der DDR waren Teil des DDR Unterdrückungsapparats, egal ob man dort freiwillig diente oder dazu gezwungen war. Die vielen hundert Dramen und über hundert Toten die auf das Konto dieser Truppe gingen sind real und verschwinden auch nicht wenn man historisch unkritische Ostalgie pflegt.

Hat die DDR eigentlich auch Kindersoldaten eingesetzt, oder warum läuft da ein Kind in Uniform herum? Ich gehe mal davon aus die Eltern haben dem Sprössling erklärt, dass Grenzsoldat und Grenzverletzer kein lustiges Spiel war, sondern dass da Menschen umgebracht wurden die lediglich ihre Freiheit im Westen gesucht haben.

Mediator vor 4 Wochen

@Nikolausi:

Man kennt ja noch die alten DDR Propagandalieder die man im Kindergarten trällern durfte vom Soldaten als Freund der Kinder, der sie vor den bösen Feinden der Heimat beschützt. Dass diese netten Onkels in Uniform den auftrag hatten Mutti und Papi bzw. Onkel und Tanten an der grenze zu erschießen hat man bewusst außen vor gelassen.

Wenn ich mir das Kind in Uniform anschaue das als netter "Helfer in Uniform" Besuchern den Weg weißt, dann fühle ich mich an diese propaganda erinnert.

Die grenztruppen haben aber wohl eher

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