Ein Mädchen mit einer Zahnlücke
Inga Gehricke aus Schönebeck ist im Mai 2015 in der Nähe von Stendal spurlos verschwunden. Ein Rechtsanwalt versucht, wieder Schwung in die Ermittlungen zu bringen. (Archivbild) Bildrechte: picture alliance / dpa | Polizei Stendal

Interview Rechtsanwalt zum Fall Inga: "Es muss weitergehen"

09. Februar 2023, 16:59 Uhr

Das Verfahren um die 2015 bei einer Familienfeier bei Stendal verschwundene Inga wurde 2019 offiziell eingestellt. Rechtsanwalt Steffen Tzschoppe setzt sich persönlich dafür ein, dass wieder Bewegung in den Fall kommt. Er meint, "dass das in Vergessenheit gerät, darf nicht passieren." Der Jurist sieht Ermittlungspotenzial und baut auf den Druck der Öffentlichkeit.

Am 2. Mai 2015 verschwand die damals fünfjährige Inga Gehricke aus Schönebeck bei einer Familienfeier auf dem Wilhelmshof bei Stendal. Seitdem bewegt der Fall Sachsen-Anhalt. Das Verfahren wurde 2019 offiziell eingestellt, doch weiterhin kämpfen Menschen um Aufklärung. So auch Steffen Tzschoppe, der als Anwalt einen der Brüder von Inga vertritt. Im Interview spricht er über seine Beweggründe.

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Tzschoppe, warum schauen Sie sich den Fall nochmal genau an?

Steffen Tzschoppe: Einerseits aus heimatlicher Verbundenheit. Und man braucht jemanden, der sich auch nicht ins Bockshorn jagen lässt und einfach auch dranbleibt. Ich habe mir den Fall angeguckt und fand es sehr interessant. Ich bin ja selbst Vater. Das ist das Schlimmste, was man als Eltern erleben kann, dass einfach das Kind spurlos verschwindet.

Sie haben der Innenministerin einen Brief geschrieben, der gleich mit an die Kriminalpolizei Stendal ging. Was werfen Sie denen vor?

Nach einem bestimmten Zeitablauf geraten Dinge in Vergessenheit. Einerseits, weil sehr viele neue Sachen dazukommen und die Polizei auch nur begrenzte Kapazitäten hat. Wir müssen nicht jammern. Die Coronazeit ist auch an denen nicht vorbeigegangen. Aber das Problem liegt ja hier schon ein bisschen früher. Es endete irgendwann. Und ich habe das Gefühl, da ist nicht mehr viel Drive drin, um noch etwas zu bewegen.

Ich kann Ihnen sagen, ich habe selbst Ermittlungstätigkeiten angestellt, wo ich gemerkt habe: Da hat bei der Polizei keiner draufgeguckt und ich hatte Ergebnisse. Ich habe die Staatsanwaltschaft gefragt, ob der noch zuständige Ermittlungsführer mal mit mir reden darf. Ich habe keine Antwort darauf bekommen. Und dann habe ich mir gedacht: Jetzt schreibst Du einen Brief ans Innenministerium. So geht's nicht.

Haben Sie das Gefühl, dass da überhaupt noch großes Interesse aus der Polizeiinspektion in Stendal besteht, den Fall aufzuklären? Oder hat man das im Prinzip schon zu den Akten gelegt?

Ich möchte ihnen jetzt nichts unterstellen. Ich glaube, die meisten von denen sind auch Eltern, und die möchten das auch nicht. Und jeder Polizeibeamte oder jede Polizeibeamtin möchte natürlich seine Sachen auch aufgeklärt wissen. Davon lebt man. Seine Arbeit macht man ja, um ein Ziel und einen Erfolg zu haben. Ich bin mir auch sicher, die meisten würden vielleicht gern noch etwas tun, können aber nicht, weil bestimmte Strukturen das verhindern.

Ein grundsätzliches Bedürfnis besteht sicherlich noch in Stendal, aber man spürt es einfach nicht. Und das (Anm. d. Red: der Brief und die Initiative) soll jetzt dazu führen, dass dort wieder was passiert. Wir hatten ja vorher im Vorgespräch schon darüber gesprochen. Es ist irgendwie symptomatisch in Sachsen-Anhalt. Das tut weh.

Es gab in der Vergangenheit den Verdacht, dass es Verbindungen gibt zu anderen Fällen, die bundesweit für Aufsehen gesorgt haben. Haben Sie da ähnliche Erkenntnisse? Glauben Sie, wir haben es da mit einer Querverbindung zu tun, die Sachsen-Anhalt gar nicht weiterverfolgt?

Ja, das ist ja kein Geheimnis, bzw. das ist ein offenes Geheimnis. Es gibt eine, sagen wir mal, dünne Verbindung, aber da ist was. Und das ist der Punkt, wo jemand nicht weiter ermittelt hat und ich mit einem Telefon dann doch schon ein bisschen was erreicht habe. Und das ist einfach wichtig, dass die Polizei da noch mal draufguckt.

Die Person lebte in Sachsen-Anhalt und nicht nur kurz, sondern länger. Und eine gewisse Nähe zum Tatort gab es auch. Aber es gibt noch ein paar Querverbindungen. Aber da möchte ich mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen, weil Täterwissen muss man nicht unbedingt breit treten.

Was sind denn die Schritte, die sie sich jetzt mit ihrem Brief erhoffen, die jetzt in der nächsten Zeit passieren? Damit der Fall langsam wieder Fahrt aufnimmt und damit man vielleicht noch einmal genau draufschaut?

Es wäre schön, wenn sich der Innenausschuss damit befasst. Ich habe es klingeln hören, dass man da vielleicht am 9. März etwas macht, dass da etwas passiert, weil dieser Fall einfach sonst einschläft. Und es muss etwas getan werden! Was genau, das obliegt den Zuständigen. Aber wir müssen was tun.

Ohne Öffentlichkeit passiert einfach nichts mehr. Ja, wenn das nicht öffentlich wird, gerät es in Vergessenheit. Es ist eine schnelllebige Zeit, und irgendwann sind die Menschen von solchen Themen genervt. Und das ist leider schlimm. Hier darf das aber nicht passieren.

Damit das Ganze wieder Öffentlichkeit bekommt, haben Sie jetzt auch eine Website geschaltet. An wen richtet sich das? Und was erhoffen sie sich, dass jetzt vielleicht auch noch abseits der Polizei damit passiert?

Also die Seite ist seit Sonntagabend online. Wir haben es versucht, mit einem ganz einfachen Suchbegriff zu machen, und ich kann Ihnen sagen: Wir hatten am ersten Tag über 20.000 Klicks auf der Seite. Das finde ich für eine Seite, die klein ist und keinen großen Umfang hat schon beachtlich.

Ich hatte auch schon etliche Telefonanrufe von Hinweisgebern, die was wissen, oder meinten zu wissen. Ich finde es gut. Ich meine: Nicht alle werden sicherlich auch etwas dazu beitragen können. Aber vielleicht ist die Nadel im Heuhaufen dabei.

Die Fragen stellte Lars Frohmüller für MDR SACHSEN-ANHALT.

Mehr zum Fall Inga und vermisste Kinder

MDR (Lars Frohmüller, Leonard Schubert) | Erstmals veröffentlicht am 07.02.2023

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07. Februar 2023 | 17:00 Uhr

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