Eine Pressekonferenz und ihre Folgen Kommentar: Im Landratsamt Stendal liegen die Nerven blank

Ein junger Mann mit kurzem, dunkelblondem Haar steht lächelnd vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Ann-Sophie Henne

Eigentlich sollte es in Stendal am Dienstag eine normale Pressekonferenz zur Impfordnung werden. Doch dann zeigte Landrat Patrick Puhlmann, dass bei ihm die Nerven blank liegen. Als reichte das nicht schon aus, wollte der Beigeordnete Sebastian Stoll Journalisten auch noch vorschreiben, wie sie berichten sollen. Ein Kommentar.

Patrick Puhlmann
Der Landrat des Landkreises Stendal, Patrick Puhlmann, will in Zukunft das Thema "Impfzentrum" in seine direkte Zuständigkeit übernehmen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Manchmal sind es die Randnotizen, die Journalisten tiefe Einblicke gewähren. So wie am Dienstag auf der Pressekonferenz des Landkreises Stendal zur aktuellen Corona-Lage. Das Top-Thema: Mitte Januar hatte der Kreis 330 Polizisten impfen lassen, obwohl diese laut Impfverordnung noch nicht an der Reihe gewesen sind. Damit sollten dem Landkreis zufolge dezentrale Impfstrategien erprobt werden. Der Vorstoß hatte landesweit für Kritik gesorgt.

Zunächst eine normale Pressekonferenz

Sebastian Stoll, Leiter vom Stab des Landkreises Stendal und stellvertretender Landrat, steht in der Integrierten Leitstelle Altmark.
Die Planungen für die Impfungen haben bisher bei Sebastian Stoll (links) gelegen. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Zunächst lief der Termin auch wie eine normale Pressekonferenz ab. Landrat Puhlmann eröffnete mit einer Stellungnahme. In der wiederholte er, dass er nicht an der Planung der Impfungen beteiligt gewesen war. Die Verantwortung dafür habe bei seinem ersten Beigeordneten, Sebastian Stoll, gelegen. Mit dem heutigen Tag ist klar: Das wird in Zukunft anders sein.

Auf der Pressekonferenz verkündete Puhlmann, dass er das Thema "Impfzentrum" in seine direkte Zuständigkeit übernehmen werde. Auf die Frage hin, ob der vermeintliche Alleingang Stolls disziplinarrechtliche Konsequenzen haben werde, antwortete Puhlmann: "Ich werde das prüfen und wir werden gucken, ob das in irgendeiner Form notwendig wird". Stoll selbst bestätigte auf Nachfrage, dass die Initiative für die Impfung der Polizisten vom Kreis und nicht von der Polizei ausging.

Ein Arzt füllt im Impfzentrum der Landeshauptstadt, das sich in einer Halle der Messe Magdeburg im Elbauenpark befindet, mit einem Senior einen Fragebogen aus, bevor eine Impfung gegen das Coronavirus verabreicht wird.
Im Landkreis Stendal wurden 320 Polizisten gegen Corona geimpt obwohl sie laut Impfplan erst später hätten geimpt werden sollen. Bildrechte: dpa

Es zeigt vor allem eins: Verunsicherung

Bald noch spannender als die Aussagen Stolls in der Fragerunde war der letzte Absatz einer persönlichen Erklärung des ersten Beigeordneten Stoll, die er auf der Pressekonferenz abgab. Dort hieß es: "Da dies meine persönliche Erklärung ist, darf diese auch nur in diesem vollständigen Zusammenhang genutzt werden. Auszüge würden den Inhalt nicht korrekt wiedergeben und sind daher nicht zulässig." Heißt mit anderen Worten: Entweder Journalisten drucken eine einseitige Rede ohne jede Einordnung ab oder gar nicht.

Derartige Praktiken sind bei MDR SACHSEN-ANHALT nicht üblich. Sie stehen auch im Widerspruch zum Medienrecht. Die Aussagen des Beigeordneten zeigen vor allem eins: Verunsicherung.

Die Verunsicherung offenbarte sich auch in einer Aktion des Landrats. Wenige Sekunden nachdem die Pressekonferenz vorbei war, schaltet der Landrat das Mikrofon des MDR-Reporters aus, das vor ihm aufgestellt war. Dabei löschte er die komplette Aufnahme der Pressekonferenz.

Sicherlich war das Löschen keine Absicht, aber ungeschickt war es definitiv!

Nach einer Pressekonferenz hat niemand außer dem Reporter an den Knöpfen des Mikrofons zu drücken. Diese unbedachte Aktion des Landrats hat mehr offenbart als die 35 Minuten Pressekonferenz zuvor: Die Nerven liegen blank.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. Februar 2021 | 15:00 Uhr

6 Kommentare

Fischlein vor 32 Wochen

Es stellt sich doch erstmal die Frage worüber berichtet oder diskutiert wird. Wie sagt man so schön "Der Fisch fängt immer vom Kopf her an zu stinken". Soll heißen man bräuchte über das Thema gar nicht diskutieren wenn von oberster Stelle (von der Leyen, Merkel, Spahn) die Impfstoffbeschaffung anders gemanagt worden wäre. Gebe es genug Impfstoff würden alle das Vorgehen der Landräte etc. befürworten. Dass in der derzeitigen Situation einigen die Nerven durchgehen ist verständlich, aber so schwer es klingt, Ruhe und einen kühlen Kopf bewaren. Bevor man schimpft und sich über andere aufregt eventuell mal die Zeit nehmen über die ganzen Zusammenhänge nachzudenken. Denn wie gesagt hätte es genug Impfstoff gegeben bräuchte man nicht diskutieren....

Magdeburg1963 vor 32 Wochen

Dass eine Erklärung nur im vollständigen Wortlaut abgedruckt werden darf, ist meines Erachtens kein Eingriff in die Pressefreiheit. Der Abdruck der vollständigen Erklärung hat nicht zur Folge, dass diese nicht medial kommentiert werden darf. Die Aufforderung ist eher ein Signal des Misstrauens und jetzt bleibt es der Presse überlassen, die Ursachen hierfür zu suchen.

Denkschnecke vor 32 Wochen

Das "weil" ist hier doch irrelevant. Herr Wagener hat doch vollkommen korrekt formuliert, dass wenn die persönliche Erklärung nicht auszugsweise wiedergegeben werden kann, sie eben nur vollständig abgedruckt werden darf. Das ist schon ein Eingriff in die Pressefreiheit.
Gerade jetzt wird dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr oft zu viel Nähe zum Staat vorgeworfen. Wenn Journalisten nur noch die Staatsprosa unkommentiert und unkritisch weitergeben dürfen, sind wir an dem Punkt, den wir vor 32 Jahren noch hatten.

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