Sicherheit an Bahnübergang Trotz Schranke – Warum es in Stendal noch Schrankenwärter gibt

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Ein abgelegener Bahnübergang in Stendal-Wahrburg ist seit fast zwei Jahren nicht mehr verkehrssicher. Die Deutsche Bahn sperrte seinerzeit den Übergang mit Betonklötzen ab. Dies wird seit kurzem von der Straßenaufsichtsbehörde nicht mehr geduldet. Seitdem ist die Bahn dazu gezwungen, den Übergang mit Mitarbeitern rund um die Uhr zu betreuen. Fieberhaft wird nun an einer Lösung gearbeitet.

Schrankenwärter bewacht geschlossene Schranke an Bahnübergang, ein Zug fährt vorbei 2 min
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Ein kurzes Läuten kündigt den nächsten Zug an. Zwei Mitarbeiter in orangenen Anzügen kommen aus ihrem Container und sperren den Bahnübergang mit einem rot-weißen Sperrband ab. Auch die Halbschranke geht runter. Wenig später rauscht ein Zug durch. Das Szenario wiederholt sich jede Stunde drei- bis viermal.

Die Schließanlage an der Tornauer Straße gilt seit zwei Jahren als nicht mehr sicher. Der Landkreis als Straßenaufsichtsbehörde stimmte einer weiteren Schließung durch Betonklötze im Dezember nicht weiter zu. Die Bahn musste handeln.

"Der Übergang wird benötigt", sagt Ortbürgermeisterin Carola Radtke. Nicht nur landwirtschaftliche Flächen befinden sich auf der anderen Seite. Auch der Friedhof, ein Anglerverein und eine Kleingartenanlage sind sonst nur über kilometerlange Umwege zu erreichen.

Stadt Stendal beharrt auf Bahnübergang

Stendals Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU) weiß, warum es überhaupt so weit gekommen ist. "Die Bahn musste aufgrund veränderter technischer Parameter und Sicherheitsnormen die Schließung vornehmen." Als Stadt habe man die Maßnahme mitgetragen. Die Deutsche Bahn hatte seinerzeit angekündigt, dass eine Umrüstung rund 600.000 Euro kosten würde. Nach damaliger Rechtslage hätte die Stadt rund die Hälfte beisteuern müssen.

Die gesetzliche Vorschrift zur Investitionsverpflichtung der Stadt existiert mittlerweile nicht mehr. Die Stadt beharrt nunmehr umso heftiger darauf, dass der Übergang geöffnet bleibt. Laut dem Stendaler Verwaltungschef war die Bahn an die Stadt herangetreten und wollte die Einverständniserklärung für eine weitere Schließung haben. "Dem haben wir nicht zugestimmt", so Schmotz.

Problem: Schließzeiten der Schranken reichen nicht aus

Aber wodurch ist die absurde Situation nun im Detail entstanden? Eine Anfrage bei der Bahn bringt Klarheit: Die Bahn kann die Schließzeiten für die Schranken nicht einhalten. Nach Auslösung des Signals dürfen die Halbschranken maximal vier Minuten geschlossen bleiben. Bei längeren Schließzeiten bestünde die Gefahr, dass ungeduldige wartende Passanten den Übergang trotz geschlossener Schranke überqueren und sich in Gefahr bringen. Die vierminütige Schließzeit reicht gelegentlich nicht aus, wenn Züge im Stendaler Bahnhof losfahren und nicht schnell genug Tempo aufgenommen haben, um rechtzeitig den Übergang zu passieren.

Zwei Schrankenwärter öffnen Schranke an Bahnübergang
Schrankenwärter der Bahn sind rund um die Uhr im Einsatz, um die Sicherheit am Bahnübergang zu gewährleisten. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Behörde lehnt erneute Vollsperrung des Bahnübergangs ab 

"Die Bahn hatte genügend Zeit, sich um eine Lösung des Problems zu kümmern", sagt Ortsbürgermeisterin Radtke. Getan habe sie jedoch nichts. Vom 14. März 2019 bis zum 7. Dezember 2020 war der Übergang geschlossen und mit Betonklötzen versperrt worden. Dreimal hat die Straßenverkehrsbehörde des Landkreises Stendal einer Verlängerung der Sperrung zugestimmt. Vor zwei Monaten setzte die Behörde dem Tun der Bahn ein Ende.

Man habe der Bahn mitgeteilt, so die Straßenverkehrsbehörde auf Anfrage, dass die Probleme an der technischen Anlage nicht zu einer dauerhaften Sperrung führen könnten. Bei einer Untersuchung vor zwei Jahren seien die Mängel aufgefallen. Um diese zu beheben, seien aufwändige und genehmigungspflichtige Anpassungen an der Anlage und dem Stellwerk erforderlich. Die Bahn machte jedoch keine Anstalten, irgendetwas zu beheben.

Bahn muss handeln und stellt Personal

Nun stand die Bahn im Dezember kurzfristig vor der Situation, dass sie keine funktionstüchtige Schließanlage hatte, den Übergang aber auch nicht einfach geschlossen halten durfte. Da musste notgedrungen Personal besorgt werden, dass nun in Tag- und Nachschichten den Übergang betreut.

Man arbeite daran, dass dort eine Vollschranke installiert wird, teilt Bahn-Pressesprecher Jörg Böhnisch auf Anfrage mit. Dies setze jedoch "sehr umfangreiche Planungen" auch im Bereich der Sicherheitstechnik voraus. Der Status quo am Bahnübergang mit lebendigen Schrankenwärtern wird damit nicht nur über Monate so weitergehen, sondern vielleicht sogar Jahre in Anspruch nehmen.

Für die Wahrburger zählt einzig und allein, dass der Übergang wieder frei ist. Dass dort jetzt rund um die Uhr Personal ist, stört Carola Radtke nicht. "Das ist eine Arbeit wie jede andere auch. Und sie ist notwendig."

Frau steht im Schnee neben Andreaskreuz an Bahnübergang
Ortsbürgermeisterin Carola Radtke ist froh über die Öffnung des Bahnübergangs, hat jedoch gemischte Gefühle was die Bahnstrecke angeht. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Bahn wartet Ausbau der Strecke ab

Die Ortsbürgermeisterin treibt indes eine ganz andere Frage um. Sie möchte wissen, ob der Bahnübergang überhaupt noch vorhanden ist, wenn die sogenannte Amerika-Linie ausgebaut wird. Seit Jahren laufen Planungen für einen Ausbau der Bahnstrecke Richtung Uelzen-Hamburg. Seitdem Planungen darüber bekannt sind, kämpft die Ortsbürgermeisterin für einen verstärkten Lärmschutz. Die Bahntrasse führt unmittelbar am Ort vorbei.

Ein Mann steht in einem Garten
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Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

MDR/Anne Gehn-Zeller

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 04. Februar 2021 | 15:10 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 14 Wochen

Sie haben natürlich recht. Danke! Wir haben es geändert.

Nordharzer vor 14 Wochen

Lieber MDR, es gibt in aller Regel nur lebendige Schrankenwärter, es sei denn einer ist in Ausübung seines Dienstes gestorben.

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