Alfa-Mobil Wie Erwachsene Lesen lernen können

Das Alfa-Mobil, eine Initiative gegen Analphabetismus, ist derzeit in Sachsen-Anhalt unterwegs. Bei einem ersten Halt in Stendal war unter anderem Stefan dabei: Er lernt im Alter von 58 Jahren Lesen und Schreiben in einer Lerngruppe vor Ort. Das Mobil wird außerdem in Salzwedel und Magdeburg halten.

Eine Gruppe von Frauen mit einem Mann an einem Informationsstand in der Sonne
In der "Ländlichen Erwachsenenbildung" haben Stefan, Susanne und ihre Mitstreiter durch das Lesen- und Schreiben-Lernen neuen Lebensmut geschöpft. Vierte von rechts ist Marion Zempel. Die Chefin des Bildungsträgers kann durch ihre fröhliche, unkomplizierte Art Ängste nehmen. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

Mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland können nicht oder nur unzureichend schreiben und lesen. In Sachsen-Anhalt sind es etwa 200.000. Das hat das zuständige Ministerium herausgefunden. Man hört die Zahlen und staunt, aber hinter jedem einzelnen Fall steckt ein kleines oder großes Drama. Denn nicht oder schlecht lesen und schreiben zu können, das kann einem den Lebensweg verbauen.

In Deutschland kämpft unter anderem der "Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V." für die betroffenen Menschen. Das Alfa-Mobil, das der Verband dieser Tage durch Sachsen-Anhalt schickt, soll Mut machen, sich nochmal auf die Schulbank zu setzen. Es lohnt sich, sagt einer, der es wissen muss.

Wenig Lesen und Schreiben gelernt im Kinderheim

Stefan ist 58, und jetzt lernt er Lesen und Schreiben in Stendal beim Bildungsträger "Ländliche Erwachsenenbildung". In der Kindheit, in der man gemeinhin zum Lesen und Schreiben kommt, musste Stefan ganz andere Probleme bewältigen. Sein gewalttätiger Vater attackierte ihn und seine Mutter. Stefan kam ins Kinderheim, wuchs dort auf. Da musste er sich behaupten, musste durchkommen. Auf Lesen und Schreiben legt dort kaum jemand Wert.

In der Schule sei er immer so mit durchgerutscht, sagt Stefan heute. Er fand einen Lebensweg, auf dem Lesen und Schreiben nur eine ganz kleine Rolle spielten.

Dann hab ich versucht, eine Ausbildung zu machen, als Bauschlosser und Kunstschmied. Dann hab ich zwischendurch mal so ein bisschen gejobbt, weil ich ja nicht faul bin.

Stefan Macher (58) Schüler

Lesen lernen in der Altmark

Seine Lehre als Bauschlosser und Kunstschmied brachte er nicht zu Ende. Danach wurde er, wie er MDR SACHSEN-ANHALT sagte, zum Vagabunden. Stefan reiste mit Zirkussen und Schaustellern durch Deutschland und Europa. Irgendwann wurde er obdachlos. Noch heute erinnert er sich daran, bei minus vier Grad draußen geschlafen zu haben, sein Fahrrad zum Schutz gegen Diebe am eigenen Fuß festgekettet.

Durch Zufall landete Stefan, der eigentlich aus Rheinland-Pfalz stammt, in der Altmark. Hier, im Norden Sachsen-Anhalts, hatte er erstmals das Gefühl, sesshaft werden zu wollen. Hier beruhigte sich seine Seele, und nun ist Platz und Energie für Neues: fürs Lesen- und Schreiben Lernen.

Eine Frau zeigt an einem Stand eine Broschüre
Susann Günther von der Initiative am Info-Stand. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

Marion Zempel, die Chefin des Bildungsträgers "Ländliche Erwachsenenbildung", hat Stefan mit offenen Armen empfangen. Sie freut sich über und für jeden, der die Hemmschwelle überwindet und sich nochmal hinsetzt und büffelt.

Renate und auch Stefan sind ja zu uns gekommen, da konnten die nur einzelne Buchstaben. Vor drei oder vier Wochen haben sie sich ein eigenes Buch gekauft. Und heute früh sehe ich den Stefan sitzen, und er übt in seinem Buch Lesen.

Marion Zempel "Ländliche Erwachsenenbildung"

Alfa-Mobil kommt nach Magdeburg und Salzwedel

Etwa 25 Frauen und Männer lernen in der "Ländlichen Erwachsenenbildung" Lesen und Schreiben. In drei Kursen, aber auch im Leselerncafé, das für jeden kostenlos offensteht. Ganz stolz ist Zempel auf Stefan und seine Mitschülerinnen, auf Renate und Susanne zum Beispiel. Am Alfa-Mobil, das in Stendal am Einkaufszentrum Altmark-Forum um Interessenten geworben hat, waren sie es, die die Menschen ansprachen, ihre Neugier weckten.

Eine Gruppe von Frauen mit einem Mann an einem Informationsstand in der Sonne
Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

Von allein, sagt Susann Günther vom Alfa-Mobil, kommen die wenigsten an den Info-Stand. Zu groß sind die Scham und die Angst davor, ausgelacht oder ausgegrenzt zu werden. Fürsprecher wie die erwachsenen Schüler der LEB sind da ideale Partner.

Das Alfa-Mobil steht am Mittwoch, 6. Juli, von 12:30 Uhr bis 16:30 Uhr auf dem Rathausturmplatz in Salzwedel. Am Donnerstag, 7. Juli, treffen Sie die Fachleute mit dem Mobil auf dem Wochenmarkt auf dem Nicolaiplatz in Magdeburg zwischen 10:30 Uhr und 14:30 Uhr.

MDR (Katharina Häckl,Julia Heundorf)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 05. Juli 2022 | 19:00 Uhr

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