Entgegen der Impfverordnung Landkreis Stendal zieht Polizisten bei Corona-Impfung vor

Der Landkreis Stendal hat auf eigene Faust die Impfung von Polizisten vorgezogen. Den Fall machte die Linksfraktion am Donnerstag im Landtag öffentlich. Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne zeigte sich verärgert. MDR SACHSEN-ANHALT hatte seit Tagen nach Hinweisen von Nutzern recherchiert. Stendals Landrat Patrick Puhlmann kündigte eine Untersuchung an.

Ein Arzt füllt im Impfzentrum der Landeshauptstadt, das sich in einer Halle der Messe Magdeburg im Elbauenpark befindet, mit einem Senior einen Fragebogen aus, bevor eine Impfung gegen das Coronavirus verabreicht wird.
Im Landkreis Stendal wurden 320 Polizisten gegen Corona geimpt obwohl sie laut Impfplan erst später hätten geimpt werden sollen. Bildrechte: dpa

Der Landkreis Stendal hat auf eigene Faust und gegen die Vorgaben aus dem Impfplan 320 Polizisten bei der Corona-Schutzimpfung bevorzugt. Den Fall machte die Linke am Donnerstag im Landtag publik. Nach Hinweisen aus der Bevölkerung hatte der MDR seit dieser Woche an dem Fall recherchiert.

Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) bestätigte am Donnerstag im Landtag auf Anfrage der Partei Die Linke die Vorwürfe an den Landkreis. Sie zeigte sich verärgert und kündigte an, den Landkreis für die nicht abgesprochene Aktion zu ermahnen. Der Landkreis bezeichnete die Impfung der Polizisten als Test.

Gesundheitsministerin und Patientenschützer kritisieren das Vorgehen

Polizisten gehören, sofern sie nicht schwer krank oder sehr alt sind, nicht zur ersten, sondern zur zweiten Prioritätsgruppe im Impfplan. Sie dürfen damit erst geimpft werden, wenn die Hochbetagten, Schwerkranken und das medizinische Personal, das die Gruppe eins bildet, vollständig versorgt ist. Die Impfverordnung und diese darin festgelegte Reihenfolge sei "keine Empfehlung", betonte die Ministerin.

#MDRklärt Nach diesem Plan wird gegen Corona in Sachsen-Anhalt geimpft

In diesen Stufen wird die Bevölkerung gegen Corona geimpft
Das ist der Plan, in welchen Stufen die Menschen gegen Corona geimpft werden sollen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
In diesen Stufen wird die Bevölkerung gegen Corona geimpft
Das ist der Plan, in welchen Stufen die Menschen gegen Corona geimpft werden sollen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Höchste Priorität haben Menschen ab 80 und alle, die in stationären Einrichtungen zur Behandlung, Betreuung oder Pflege tätig sind. Dafür sind mobile Impfteams unterwegs. Zur ersten Gruppe gehört außerdem alle, die auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, in Rettungsdiensten oder den Impfzentren arbeitet. Die Impfstoffe werden dafür an die Krankenhäuser übergeben.
Höchste Priorität haben Menschen ab 80 und alle, die in stationären Einrichtungen zur Behandlung, Betreuung oder Pflege tätig sind. Dafür sind mobile Impfteams unterwegs. Zur ersten Gruppe gehört außerdem alle, die auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, in Rettungsdiensten oder den Impfzentren arbeitet. Die Impfstoffe werden dafür an die Krankenhäuser übergeben. Bildrechte: MDRklärt
Die Impfzentren werden in der zweiten Stufe genutzt. Dann werden Personen geimpft, die älter als 70 Jahre oder bei denen ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf besteht. Dazu gehören etwa Demenzkranke sowie Menschen mit Trisomie 21 und Transplantationspatienten. Auch enge Kontaktpersonen von Pflegbedürftigen dürfen sich dann impfen lassen, dasselbe gilt für Menschen in Asyl- oder Obdachlosenunterkünften.
Die Impfzentren werden in der zweiten Stufe genutzt. Dann werden Personen geimpft, die älter als 70 Jahre oder bei denen ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf besteht. Dazu gehören etwa Demenzkranke sowie Menschen mit Trisomie 21 und Transplantationspatienten. Auch enge Kontaktpersonen von Pflegbedürftigen dürfen sich dann impfen lassen, dasselbe gilt für Menschen in Asyl- oder Obdachlosenunterkünften. Bildrechte: MDRklärt
In einem dritten Schritt sollen die Menschen geimpft werden, bei denen das Risiko für einen tödlichen Verlauf der Erkrankung erhöht ist. Dazu gehören etwa Menschen ab 60, stark Übergewichtige, Patienten mit Immundefizienz oder Menschen mit Diabetes, Herzerkrankungen oder Bluthochdruck. Zur dritten Priorität gehören außerdem Mitarbeiter von Verfassungsorganen, Regierungen und Verwaltungen, Streitkräften, Polizei, Zoll, Feuerwehr, Katastrophenschutz und Justiz sowie dem Lebensmitteleinzelhandel. Hinzu kommen Menschen in prekären Arbeitsbedingungen wie etwa Saisonarbeiter.
In einem dritten Schritt sollen die Menschen geimpft werden, bei denen das Risiko für einen tödlichen Verlauf der Erkrankung erhöht ist. Dazu gehören etwa Menschen ab 60, stark Übergewichtige, Patienten mit Immundefizienz oder Menschen mit Diabetes, Herzerkrankungen oder Bluthochdruck. Zur dritten Priorität gehören außerdem Mitarbeiter von Verfassungsorganen, Regierungen und Verwaltungen, Streitkräften, Polizei, Zoll, Feuerwehr, Katastrophenschutz und Justiz sowie dem Lebensmitteleinzelhandel. Hinzu kommen Menschen in prekären Arbeitsbedingungen wie etwa Saisonarbeiter. Bildrechte: MDRklärt
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. Dezember 2020 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/mx
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Kritik an dem Vorgehen äußerte auch Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz. MDR SACHSEN-ANHALT sagte er: "Immer wieder erhalten Personen, die nicht an der Reihe sind, eine schützende Dosis. So wird vor Ort praktisch die für Gerechtigkeit sorgende Lösung der Impfverordnung unterlaufen." Brysch fordert, dass derlei Verstöße gegen die Impfverordnung in Zukunft konsequent geahndet werden werden.

Landkreis kündigt Untersuchung an

Der Landkreis Stendal will entstandene Irritationen auswerten. Das kündigte Landrat Patrick Puhlmann (SPD) am Donnerstagabend an. Puhlmann sagte MDR SACHSEN-ANHALT, nach allem, was er wisse, seien keine Impfungen der eigentlich vorgesehen Personengruppe vorenthalten worden. Das sei über das Rückstellungsmanagement aufgefangen worden. Puhlmann nannte das entscheidend und betonte: "Natürlich gilt die bundesweite Impfverordnung auch im Landkreis Stendal."

Den Impfstoff zwackte der Landkreis nach MDR-Informationen aus der Reserve ab, die er eigentlich für die Zweitimpfungen bereits geimpfter Menschen vorhalten müsste. Der solle wieder aufgefüllt werden, sobald die Polizisten im Impfplan an der Reihe sind, sagte ein Landkreis-Sprecher.

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MDR, Thomas Tasler, Norma Düsekow, dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 04. Februar 2021 | 14:00 Uhr

90 Kommentare

Luise123 vor 25 Wochen

Die Abläufe hätte man auch mit Berechtigten optimieren können oder einfach ohne Piks, den sollte das Personal ja drauf haben. Im Zweifl hätte man auch einfach steriles Wasser spritzen können.

Luise123 vor 25 Wochen

Ich sehe das anders.
Natürlich sollten Polizist*innen vor der "Normalbevölkerung" geimpft werden, allerdings gibt es die Impfberordnung auch nicht zum Spaß. Einzelne Kolleg*innen sind selbst auf Covid-Stationen noch nicht geimpft und ich sehe jeden Tag Menschen, die daran sterben. In diesem Zusammenhang halte ich es für schwer vermittelbar, die Impfung einem Lungentransplantierten noch vorzuenthalten. Diese Impfungen landen eben erstmal nicht im Arm der Hochrisikogruppe und das finde ich falsch.

JanaN vor 25 Wochen

Na und? Macht das alte Menschen nun weniger lebenswert? Ich weiß nicht warum neuerdings viele Menschen solche Aussagen treffen. Das ist eine Entwicklung, die ich bedenklich und vollkommen unsozial finde.

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