Retter am frühen Morgen Wie Rehkitze mit Drohnen gefunden werden – bevor die Mähdrescher kommen

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Für Rehkitze ist die aktuelle Grasmahd der Landwirte eine lebensgefährliche Angelegenheit. Damit möglichst viele Kitze vom Mähdreschertod verschont bleiben, wird mittlerweile modernste Technik genutzt. Mit Drohnen und Wärmebildkamera werden die Tiere von Jägern aufgestöbert.

Mit Drohnen sollen Rehkitze im hohen Gras gefunden werden, ehe die Tiere unter die Mähdrescher geraten.
Yannick Wachholz steuert die Drohnen auf der Suche nach jungen Rehen im hohen Gras. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Es ist kurz nach sechs Uhr, die Sonne entfaltet schon ihre Wärme. Revierjäger Yannick Wachholz ist bereits seit mehr als zwei Stunden auf einer Wiese bei Vehlgast-Kümmernitz (Landkreis Stendal) unterwegs. Der 24-Jährige hat kein Gewehr dabei, sondern eine Drohne mit einer Wärmebildkamera.

Heute soll die Graswiese gemäht werden. Yannick Wachholz will sichergehen, dass sich keine Rehkitze in dem hohen Gras verstecken. Die scheuen Tiere haben zumeist keine Chance gegen den Mähdrescher.

Ducken statt Flüchten

Und das liegt an dem Urverhalten der Jungtiere. "Sie haben einen Duckreflex", sagt der Berufsjäger. Die Kitze laufen bei gefährlichen Geräuschen nicht davon, sondern kauern sich zusammen. Es ist eigentlich ein Schutz für sie, genauso die Tatsache, dass sie in den ersten Wochen keinen Eigengeruch abgeben. Selbst wenn die Mutter davonrennt, verharren die Kitze in ihrer Stellung.

"Das ist bei den großen landwirtschaftlichen Geräten natürlich ihr Todesurteil", sagt Yannik Wachholz. Der Lohnunternehmer, der später am Tag noch anrücken werde, habe an seinem Mähdrescher ein rund sechs Meter breites Mähwerk. Das Gras werde mit einer Geschwindigkeit von bis zu 15 Kilometern pro Stunde gemäht, sagt der Jäger. Der Fahrer sei gar nicht in der Lage, ein Kitz so schnell zu erkennen.

Rehkitze im hohen Gras nur schwer zu erkennen

Da kommen die Jäger ins Spiel. Yannick Wachholz hat den Beruf in einer dreijährigen Ausbildung erlernt. Er ist angestellter Jäger und Betriebsleiter bei der Vehlgaster Agrar GmbH. Der Betrieb hat Wald- aber auch Wiesenflächen.

Auch schon zu früheren Zeiten haben sich die Landwirte bei der Grasmahd die Hilfe der Jäger geholt. Mit Hund, Flattertüten und auch Vergrämungsmittel versuchte Yannick Wachholz die Kitze vor der Mahd aus den hohen Wiesen zu holen. Das sei aber gar nicht so einfach. "Man steht manchmal einen Meter davor und kann sie nicht erkennen", sagt er.

Ein Rehkitz liegt im Gras
Die scheuen Rehkitze sind im hohen Gras oft schwer zu erkennen. Bildrechte: Yannick Wachholz

Mit seiner Drohne und der Wärmebildkamera kann der Jäger das Feld sehr schnell nach Wärmepunkten absuchen und hat am Ende die Garantie, dass sich wirklich kein Tier mehr in der Wiese befindet. "Das ist sehr effektiv", sagt er.

Landesregierung fördert die Drohnen

Anfang Juni hat er die Geräte angeschafft und kann sie jetzt nutzen. Rund 6.000 Euro haben sie gekostet. "90 Prozent hat das Land gefördert", sagt Wachholz. Landesweit stehen rund 300.000 Euro an Fördermitteln dafür zur Verfügung. Das Geld kommt aus der Jagdabgabe.

Mähdrescher bedrohen Rehkitze und andere Jungtiere

Ende April beginnt die Brut-, Setz- und Aufzuchtzeit von Rehkitzen, Junghasen und gefährdeten Wiesenbrütern. Das fällt genau in die Zeit des ersten Grünlandschnitts. Bis zu einem gewissen Alter haben Rehkitze und Junghasen keinen Fluchtreflex. Nach Angaben des Landesumweltministeriums sterben in Deutschland schätzungsweise 100.000 Kitze jährlich bei der Mahd.

Die Zusammenarbeit von Jägern und Landwirten zum Schutz der Tiere ist von großer Bedeutung. Landwirte haben nach dem Tierschutzgesetz eine besondere Pflicht zum Schutz der Tiere.

Neben Jägern haben sich auch Tierschutzvereine der Kitzrettung verschrieben. Das Land fördert die Anschaffung von Drohnen und Wärmebildkameras. Jährlich werden in Sachsen-Anhalt rund 300.000 Euro aus der Jagdabgabe zur Verfügung gestellt. Anträge sind über das Landesverwaltungsamt in Halle einzureichen.

Yannick Wachholz lässt mit einer Steuerung die Drohne auf rund 80 Meter hochsteigen, einen großen Teil der Wiese kann er so überblicken. Sehr schnell wird er auch fündig. Auf seinem zweigeteilten Monitor erkennt er einen roten Wärmepunkt. "Das ist ein Reh", sagt er schnell, als er die Drohne um einige Meter fallen lässt und so an das Tier heranzoomen kann.

Mit Wärmebild auf Kitz-Suche

Im linken Teil des Monitors hat er das Wärmebild, rechts die reale Landschaft zum Abgleich des Standortes und zur Identifizierung der Tiere. Da es sich um ein ausgewachsenes Reh handelt, ist es für die spätere Mahd nicht relevant. "Jetzt müssen wir noch das Umfeld absuchen, ein Kitz könnte jetzt einige Meter entfernt liegen." Ein weiterer Wärmepunkt erweist sich allerdings als ein Maulwurfshaufen.

Mit Drohnen sollen Rehkitze im hohen Gras gefunden werden, ehe die Tiere unter die Mähdrescher geraten.
Der zweigeteilte Monitor. Links das Wärmebild, rechts das reale Bild. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Mittlerweile wird es für den Jäger bei kräftigeren Sonnenstrahlen immer schwieriger, die Punkte zu erkennen. Der Kontrast der warmen Tierkörper nimmt in dem Augenblick ab, in dem das Umfeld auch immer wärmer wird. "Spätestens um acht Uhr geht nichts mehr", sagt Yannick Wachholz.

Rehe nur mit Handschuhen berühren

Schon in der Früh hatte er drei Kitze in der Wiese entdeckt. Mit Handschuhen und Gras an den Händen legt er die ängstlichen Tiere in einen Pappkarton und bringt sie an den Rand der Wiese, wo sie sicher sind. "Es ist wichtig, dass sie den Menschengeruch nicht annehmen, da das Muttertier sie sonst verstößt", sagt der Jäger.

Eigentlich hat Yannick Wachholz Urlaub. "Ich habe keine Ruhe, wenn ich weiß, dass da Kitze in der Wiese sind", sagt er. Dafür nimmt er das frühe Aufstehen in Kauf und auch bei der Mahd guckt er noch mal vorbei und will sichergehen, dass die Tiere nicht doch wieder zurück ins Gras gehüpft sind. "Es geht um Tierschutz", sagt Wachholz. Ihn ärgere es, wenn Jäger nur als diejenigen wahrgenommen werden, die Tiere abschießen. Der Beruf sei viel komplexer.

MDR/Bernd-Volker Brahms, Thomas Tasler

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Tierisch Tierisch | 17. Juni 2021 | 19:50 Uhr

1 Kommentar

Groni vor 6 Wochen

Kein Kommentar, nur eine Richtigstellung. Jetzt werden die Wiesen nicht vom Mähdrescher gemäht. Es kommen Mähbalken oder Kreiselmäher zum Einsatz.

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