Nach Demo-Ausschreitungen Aktivisten gegen A14 wollen Bahnhof Seehausen zu Begegnungsort ausbauen

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

In den verfallenen Bahnhof von Seehausen sind Aktivisten eingezogen, die gegen den Weiterbau der A14 protestieren. Nach einer Demo sind sie und der Bahnhof angegriffen worden. Die Aktivisten wollen den Bahnhof zu einem Begegnungsort machen. Warum Seehausens Bürgermeister mit Sorge auf die Gruppe blickt.

In einem Wald wurde ein Camp aufgeschlagen
Protestcamp von Umweltaktivisten im Losser Wald bei Seehausen Bildrechte: MDR/Marc Fischer

In den Bahnhof von Seehausen in der Altmark zieht wieder Leben ein. Lange stand er leer und verfiel immer mehr. Das soll sich ändern. Ein Privatmann hat den Bahnhof schon vor einiger Zeit gekauft.

Eine Handvoll Leute will den Bahnhof jetzt wieder aufpeppen. Draußen verkünden Transparente, wofür sie stehen: "Keine A14, Verkehrswende jetzt!" ist da zu lesen. "Wir haben viele Ideen", verrät einer der Aktivisten. "Wir wollen hier Kulturveranstaltungen durchführen, politische Bildung machen, den Meinungsaustausch befördern, Informationen verteilen." Dafür hat die Gruppe einen Verein gegründet. Der Bahnhof solle eine Bereicherung für Seehausen werden.

So ein Bahnhof ist ja immer ein Ort der Begegnung und dazu soll dieser Bahnhof wieder werden.

Aktivist über den Bahnhof von Seehausen

"Von hier kommen die Randalierer nicht"

Doch vor anderthalb Wochen kam es nach einer Demo der AfD zu Ausschreitungen. Dabei wurde der Bahnhof angegriffen, Menschen gejagt, eine Couch ging in Flammen auf, Fensterscheiben splitterten, Inventar wurde verwüstet.

Wer dahinter steckt? Rüdiger Kloth (Freie Wähler), Bürgermeister der Verbandsgemeinde Seehausen, zuckt die Schultern. "Von hier kommen die Randalierer nicht. Das Problem ist importiert", ist er sich sicher. "Und zwar von beiden Seiten!"

A14: Pro und Contra hat die Region lange begleitet

Rüdiger Kloth muss etwas weiter ausholen, um zur Ursache zu kommen. Das ist die A14, die nun nach langer Verzögerung doch gebaut werden soll. Das Pro und Contra hat die Region lange begleitet. Nachdem der BUND seinen Widerstand aufgegeben hatte, schien alles klar. Südlich und nördlich von Seehausen rückten die Roder und Bagger an. Doch gegen den Bauabschnitt bei Seehausen klagten vor kurzem die Naturfreunde. Kloth gefällt das nicht, doch er muss es akzeptieren. Es gehört zur Demokratie, weiß der Bürgermeister.

Mit der Klage kam auch wieder Bewegung in den alten Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der A14, der eigentlich beigelegt schien. Es formierten sich Kräfte, die die A14 angesichts des Klimawandels für nicht mehr zeitgemäß halten und das Bauvorhaben dringend auf den Prüfstand heben wollen. Sie halten es für unverantwortlich, eine siebenstellige Zahl an Bäumen für eine neue Autotrasse zu opfern.

Einige besetzten wie zuvor im Hambacher nun den Losser Forst bei Seehausen. Den Wald, durch den die neue Autobahn führen soll. Es sind junge Leute, die angesichts der Veränderungen auf dem Planeten radikal für ihre Ziele streiten. Und die die Autobahn aufhalten wollen.

Gros der Demonstranten kam von auswärts

Der Bürgermeister spricht von Linksradikalen. "So bezeichnen sie sich selbst", schiebt er zur Erklärung hinterher. "Jetzt, wo wir endlich anfangen können zu bauen", beklagt er, "erscheinen hier ein Dutzend Leute von weit her und meinen, uns als Region bekehren und ihre Meinung aufzwingen zu müssen. Befeuert werden sie von 'Keine A14' am Bahnhof und bringen die ganze Region durcheinander. Das macht mir Sorge."

Auch diejenigen, die den Bahnhof angegriffen haben, kommen nach Kloths Ansicht von außen. Dem Demoaufruf der AfD seien nur wenige Einheimische gefolgt. Das Gros der Demonstrierenden sei von außerhalb angefahren worden, versichert er. Die Stimmung während der Demo war aggressiv, die Randale vorprogrammiert.

Es stimmt einfach nicht, dass wir hier eine Nazihochburg sind, wie es behauptet wird.

Rüdiger Kloth (Freie Wähler), Bürgermeister der Verbandsgemeinde Seehausen

Solidaritätsbekundungen der Bevölkerung nach Angriffen

Ausgebadet haben das die Aktivisten am Bahnhof. Sie waren Ziel der Attacken. Doch die Aktivistinnen und Aktivisten dort wollen sich nicht beirren lassen in ihren Plänen für den Bahnhof. Solidaritätsbekundungen aus der Bevölkerung stärken ihnen den Rücken. "Es waren Leute hier, die sich von der Gewalt distanzieren", erklärt eine Aktivistin, die wie alle ihren Namen nicht nennen möchte. "Es sind Leute, die für oder gegen die A14 sind, das spielt dabei keine Rolle. Aber diese Gewalt lehnen sie ab."

Für Freitag ist am Bahnhof die nächste Mahnwache angekündigt, für Sonnabend eine Demo gegen den Weiterbau der A14.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin für Fernsehen, Hörfunk und Online im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen.

Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele – dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

MDR/Annette Schneider-Solis

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 31. Mai 2021 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

Copper vor 27 Wochen

Was glauben Sie was das Symbol als "A" im Kreis bei diesen Gruppierungen bedeutet. Hier wird die hierarchische Form des Staates und dessen Gesetze abgelehnt. Bei den einen nennt man das "Reichsbürger" bei den anderen sind es halt "Aktivisten". Man muss nur irgendwo ein FCKNZS und irgendwas mit Antifaschist an die Wand schreiben und schon darf man in diesen Staat offensichtlich alles.

Eulenspiegel vor 26 Wochen

Doch!!
„Ein Privatmann hat den Bahnhof schon vor einiger Zeit gekauft. „

Anni22 vor 26 Wochen

@ harka Sie glauben jetzt aber nicht, dass die Aktivisten einen Kaufvertrag haben?

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