Trotz acht Jahren Vorbereitung Ferkelkastration stellt Bauern vor Probleme

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Seit einigen Tagen müssen junge Schweine vor der Kastration betäubt werden. Acht Jahre lang konnten die Betriebe sich und ihre Mitarbeitenden darauf vorbereiten. Doch nicht überall wurde die Zeit genutzt.

Ferkelkastration in Iden
In kleinen Kisten werden die Ferkel zur Kastration gefahren. Bildrechte: Manfred Weber

Wenige Tage alt sind die Ferkel, die im Stall der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau in Iden neugierig die kleine Welt in der Box ihrer Mutter erkunden. Anja Dähre und Ulf Geschler sammeln die Ferkel ein, setzen sie in eine Plastebox. Die Eber werden mit einem Farbstift markiert und bekommen eine Spritze mit einem Schmerzmittel; anschließend geht es zurück zur Mutter. Die kleinen Eber sollen heute kastriert werden. Seit dem 1. Januar darf das nicht mehr ohne Betäubung passieren.

Draußen im Gang bringt Anja Dähre das Gerät für die Narkose mit dem Mittel Isufloran in Gang. Tierärztin Karin Hafner schaut genau zu, denn dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ställen eine Narkose verabreichen dürfen, ist neu und mit der Pflicht zur Betäubung erst eingeführt worden. Voraussetzung ist ein theoretischer Lehrgang mit Prüfung. Anschließend müssen 200 Ferkel unter tierärztlicher Aufsicht kastriert werden. "Erst dann gibt es den Sachkundenachweis", erklärt Anja Dähre. Bislang durften die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Schweineställen auch schon kastrieren. Aber eben keine Narkose verabreichen.

Änderung bereits 2013 beschlossen

Das Ende der betäubungsfreien Kastration wurde bereits 2013 mit der Änderung des Tierschutzgesetzes besiegelt. Ursprünglich zum 1. Januar 2019. Doch den Bauernverbänden war dies zu kurz – sie erwirkten eine zusätzliche zweijährige Übergangszeit. Zum 9. Januar 2021 trat die Regelung endgültig in Kraft. Sonderlich gut scheinen die sauenhaltenden Betriebe darauf allerdings nicht eingestellt zu sein – trotz achtjährigem Vorlauf. So informierte der Landesbauernverband auf Anfrage des MDR, dass die Betäubung in den meisten Fällen durch teure Tierärzte und Tierärztinnen vorgenommen werden muss. Weil zu wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Sachkundenachweis hätten. Das Land habe keine Schulungen angeboten.

Das Ministerium bestätigt diesen Fakt, weist die Verantwortung dafür jedoch zurück an die Betriebe. Sie hätten trotz Anfragen aus dem Ministerium zu spät ihren Bedarf gemeldet. Allerdings seien Schulungen von privaten Anbietern durchgeführt worden, bekräftigt der Landestierschutzbeauftragte Marco König, der im Ministerium angesiedelt ist.

Anschaffung von Narkosegeräten wird gefördert

Für die Betäubung mit Isufloran haben sich rund die Hälfte der noch etwa 100 Sauenhalter im Land entschieden, schätzt der Landesbauernverband. Genau beziffern könne man das aber erst Ende des Jahres. Ähnlich vermeldete es auch das Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie auf Anfrage: Man gehe davon aus, dass das Gros der Betriebe mit Isufloran betäube.

Die Anschaffung der Narkosegeräte wurde gefördert. 45 Betriebe hätten die Förderung in Anspruch genommen, so der Landesbauernverband.

Ferkelkastration in Iden
In dem Narkosegerät können vier Tiere gleichzeitig betäubt werden. Bildrechte: Manfred Weber

Vom Eber zum Borg in wenigen Minuten

Inzwischen wirkt bei den kleinen Ebern die Spritze. "Nach einer halben Stunde hat sie ihre größte Wirkung", weiß Tierärztin Karin Hafler. "Dadurch wird der Schmerz nach dem Eingriff gelindert. Das ist so ähnlich wie die Spritze beim Zahnarzt." Nun werden die männlichen Ferkel eingesammelt. In dem Narkosegerät können vier Tiere gleichzeitig betäubt werden. Die Köpfe der Ferkel werden in eine Maske gesteckt, durch die sie das Isufloran einatmen. Anja Dähre und Ulf Geschler legen die panisch schreienden Ferkel auf den Rücken, drücken die Köpfe in die Masken.

Die Schreie werden leiser, verstummen. Jetzt werden die Ferkel mit einem Bügel fixiert und nach einem Test der Reflexe kastriert. Mit geübten Griffen werden kleine Schnitte in die Haut gesetzt, die Samenleiter durchtrennt und die Hoden entfernt. Aus dem kleinen Eber ist ein kleiner Borg geworden, der nach spätestens einer Minute wieder bei Bewusstsein ist.

"Der Vorteil dieser Narkose ist, dass die Ferkel nur kurz ohne Bewusstsein ist", erklärt Manfred Weber. Er ist in der Landesversuchsanstalt Experte für Schweinehaltung. "So können sie gleich wieder säugen und kühlen nicht aus." Bei einer Narkose durch eine Spritze würde es zirka drei Stunden dauern, bis die Ferkel wieder auf den Beinen sind. Diese hier sind gleich wieder fit, werden nach kurzer Beobachtung wieder zurückgesetzt zur Mutter und fangen wie zur Bestätigung gleich wieder an zu trinken.

Diskussion um Notwendigkeit der Kastration

Doch warum müssen die kleinen Eber überhaupt kastriert werden? "Eberfleisch nimmt der Handel nicht ab", verrät Manfred Weber. Ein Teil der Eber, etwa zehn bis 20 Prozent, entwickle hormonell bedingt einen strengen Geruch. Ihr Fleisch sei nicht verkäuflich. Manfred Weber allerdings favorisiert eine Impfung gegen den Geruch. Das würde den Tieren die Prozedur ersparen, die noch bis vor wenigen Wochen ohne jede Betäubung durchgeführt wurde. Tierschutzbeauftragter Marco König geht sogar noch einen Schritt weiter: "Lasst die Jungs Jungs sein", ist sein Plädoyer für die Ebermast. Die nicht verkäuflichen Tiere könnten später aussortiert und der menschlichen Verzehrnahrungskette entzogen werden. "Das macht natürlich zusätzlich Arbeit", weiß Marco König, der auch Tierarzt ist.

Als solchem bereitet ihm der derzeitige Kompromiss Bauchschmerzen. "Das ist nur schwer verdaulich", sagt er. "Eine Narkose sollte immer von einem Tierarzt durchgeführt werden. Wir haben dafür sechs Jahre studiert, das kann nicht mit einem Lehrgang kompensiert werden." Er weiß aber auch: "Es ist besser als das, was bis Ende vorigen Jahres üblich war: eine Kastration ohne Betäubung."

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen. Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele - dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

Redaktion: Oliver Leiste, Katja Luniak

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 28. Januar 2021 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

Pollux vor 15 Wochen

Ich weiß schon warum ich seit über zehn Jahren keine Tiere mehr esse. Tiere sollten ihr Leben nicht für die Bedürfnisse des Menschen verlieren müssen. Sowas ist grausam und nicht zu rechtfertigen.

Stefan Der vor 15 Wochen

Es ist grundsätzlich ein Graus, was der Kreatur angetan wird. Reine Profitgier. Und ich, als Steuerzahler, muss das auch noch mitfinanzieren. Dabei bin ich seit über 25 Jahren Vegetarier und seit 10 Jahren Veganer. Ich will das nicht bezahlen. Weshalb muss das nicht der Unternehmer selber darum kümmern? Acht Jahre Zeit zur Vorbereitung... Und da soll man nicht verzweifeln. Es ist wahrscheinlich mal Zeit, dass im Landwirtschaftsministerium die CDU/ CSU auszieht. Damit diese schreckliche Agrarlobby nicht mehr die Gesetze diktiert...

Anni22 vor 15 Wochen

Liebe Bauern, bedenke Sie, wenn man das bei Ihnen machen würde, hätten Sie auch gerne eine Betäubung ;-)!

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