Das Dorfleben wiederentdecken Wie Bittkau in der Altmark Einwohner gewinnen konnte

Alexander Wittwer steht auf einer Straße in Bittkau.
Bildrechte: MDR/ Alexander Wittwer

Direkt an der Elbe liegt der kleine Ort Bittkau in der Altmark. Wie viele Dörfer in Sachsen-Anhalt hat auch Bittkau in den vergangenen 30 Jahren Einwohner verloren – doch im vergangenen Jahr drehte sich dieser Trend um. Warum, erklärt ein Bittkauer in diesem Gastbeitrag.

Eindrücke aus Bittkau
Das Dörfchen Bittkau in der Altmark. Bildrechte: MDR/ Alexander Wittwer

Der Ort Bittkau in der südlichen Altmark liegt direkt an der Elbe und am Elberadweg. Als Teil der Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte zählt das Dorf zum Jahreswechsel 579 Einwohnende. Das sind zehn Personen mehr als noch im Jahr zuvor. Die Gründe für dieses positiven Einwohner -Saldo sind durchaus vielfältig. Sie bestärken einen Trend, der sich bereits in den Vorjahren andeutete: Das Dorfleben wird als Lebensmittelpunkt für viele Menschen wieder attraktiv.

Dabei war die Entwicklung der Einwohnerzahlen in Bittkau in den vergangenen 30 Jahren prototypisch für den ländlichen Raum, besonders in Ostdeutschland. Zählte der Ort nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 als eines der größten Dörfer der Region noch 829 Einwohnerinnen und Einwohner, waren es 2006 noch 734 und beim Tiefstwert 2017 gar nur noch 560 Menschen.

Dorf gegen Großstadt getauscht

Mit den Einwohnenden verschwanden nach und nach auch Teile der Infrastruktur sowie der Arbeitsplätze im Dorf wie etwa Lebensmittelläden, die Kindertagesstätte oder der Boots- und Schiffsanleger. Dieser sollte Anfang der 2000er Jahre Touristen aus Magdeburg und Tangermünde in das Elbdorf locken. Durch den zunehmenden Leerstand änderte sich zunächst das äußere Erscheinungsbild und schließlich auch die demographische Zusammensetzung des ehemaligen Schifferdorfes. Häufig tauschten junge Menschen der "Wende-Generation" das als trist empfundene Dorfleben gegen die vermeintlichen Vorzüge der Großstädte.    

Eindrücke aus Bittkau
Die Einwohnerzahl in Bittkau ist zuletzt wieder gewachsen. Bildrechte: MDR/ Alexander Wittwer

In den vergangenen drei Jahren deutete sich bereits an, dass der Einwohnerrückgang in Bittkau nicht mehr so stark ausfallen würde wie in den Jahren zuvor. Blickt man auf die reinen Zahlen und die demographische Entwicklung, sterben in Bittkau jährlich noch immer mehr Personen, als neu geboren werden. Die Lücke ist in den vergangenen Jahren jedoch kontinuierlich kleiner geworden, es werden wieder mehr Kinder geboren. Hinzu kommen Rückkehrer und Zuzüge aus anderen Regionen, besonders auch aus dem Raum Berlin. Insgesamt scheint die Attraktivität des Dorflebens im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nochmal gestiegen zu sein. Zu dieser Annahme führen drei Faktoren:

Grund 1: Homeoffice und mobiles Arbeiten funktionieren auch auf dem Dorf

Durch die Corona-Pandemie werden Arbeitnehmende in vielen beruflichen Bereiche, in denen eine physische Anwesenheit nicht oder nur teilweise erforderlich ist, Möglichkeiten für Homeoffice und mobiles Arbeiten angeboten. In der Vergangenheit scheiterte die Nutzung solcher Angebote auf dem Dorf schlicht an der Verfügbarkeit einer entsprechenden Internetverbindung.

Bereits 2012 gründete sich der Zweckverband Altmark mit dem Ziel, die Orte der Altmark mit einem flächendeckenden Glasfasernetz zu erschließen. Ausgehend von jener Initiative folgten 2018 private Anbieter mit der Erschließung privater Haushalte durch einen Breitbandanschluss, sodass heute auch in Bittkau Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 250 MB/s möglich sind. Die Chancen, die sich insbesondere für die Anbieter (digitaler) Dienstleistungen zukünftig durch Glasfaseranschlüsse und die 5G-Technologie ergeben werden, sind unzählige.

Eindrücke aus Bittkau
Mit den Einwohnenden verschwanden nach und nach auch Teile der Infrastruktur sowie der Arbeitsplätze im Dorf. Bildrechte: MDR/ Alexander Wittwer

Aus praktischer Sicht ergeben sich für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen schon heute Vorteile durch wegfallende Pendelzeiten hin zur Arbeitsstelle und zurück. Darüber hinaus ist ein leistungsfähiger Breitbandanschluss in Zeiten von Kontaktbeschränkungen ein Wert an sich, da sich ein Teil der Freizeitgestaltung – zum Beispiel Streaming von Filmen und Serien, Videokonferenzen mit Freunden und Verwandten – zwangsläufig auf digitale Medien verlagert.

Grund 2: Das Dorf bietet Ausgleich zum digitalen Leben

Wer eine Auszeit von der Digitalisierung sucht oder nach getaner Arbeit abschalten möchte, findet hierzu beste Bedingungen auf dem Land. Buchstäblich vor der Haustür liegt in Bittkau die Elbe mit ihren weiten Elbauen und einer lebendigen Tier- und Pflanzenwelt. Darüber hinaus laden Wälder zu ausgiebigen Spaziergängen und Laufrunden ein. Nicht zuletzt bieten Elberadweg und Altmarkrundkurs optimale Bedingungen für Ausflüge mit dem Rad.

Für diejenigen, die sich lieber in den eignen vier Wänden verwirklichen wollen, hält das Dorf ebenfalls Potentiale bereit. Das eigene Grundstück mit Haus und Garten bieten genügend Möglichkeiten, selbst handwerklich kreativ oder gärtnerisch aktiv zu werden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Bittkau die Heimat eines renommierten Künstlers ist.

Eindrücke aus Bittkau
Entlang der Elbe gibt es gute Erholungsmöglichkeiten für Bittkauer und Bittkauerinnen. Bildrechte: MDR/ Alexander Wittwer

Grund 3: Die Vorzüge einer funktionierenden Dorfgemeinschaft

Ein wichtiger Teil, den ein attraktives Dorfleben ausmacht, ist eine funktionierende Dorfgemeinschaft. Zuallererst ist hier natürlich die gegenseitige nachbarschaftliche Hilfe zu nennen, die sich übrigens während der Corona-Pandemie abermals bewährt hat.

Zweiter wichtiger Faktor, der seit jeher das Zusammenleben auf den Dörfern bereichert, ist die Feuerwehr. Neben dem unerlässlichen Katastrophenschutz sind es zumeist die Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehren, die Aktivitäten, Feste und Veranstaltungen organisieren und unterstützen. In Bittkau investierte die Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte im vergangenen Jahr in den Bau eines neuen Feuerwehrgerätehauses für die gesamten Dörfer des "Zug Elbe". Beste Bedingungen für die Ausübung eines Ehrenamtes.

Eindrücke aus Bittkau
Insgesamt scheint die Attraktivität des Dorflebens im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nochmal gestiegen zu sein. Bildrechte: MDR/ Alexander Wittwer

Nicht zuletzt sind es die Vereine, die das Leben auf den Dörfern prägen. Ob Sport-, Heimat- oder Angelverein: In den Dörfern in und um Bittkau gibt es zahlreiche Freizeitangebote, um aktiv zu werden. Grundsätzlich können daher auch das Ehrenamt und die Vereine von einer positiven Einwohnerentwicklung nur profitieren.

Wie eingangs erwähnt sind die Gründe für das positive Ergebnis der Einwohnerzahlen in Bittkau vielfältig und können hier nicht abschließend erklärt werden. Außerdem könnten die aktuellen Zahlen lediglich eine Momentaufnahme sein. Insgesamt stimmen sie aber positiv, was die Entwicklung von Bittkau, dem Dorfleben im Allgemeinen und dem ländlichen Raum insgesamt angeht.

Alexander Wittwer steht auf einer Straße in Bittkau.
Bildrechte: MDR/ Alexander Wittwer

Über den Autor Alexander Wittwer wurde 1991 geboren und ist in Bittkau aufgewachsen. Er absolvierte ein Studium der Politikwissenschaft "Parlamentsfragen und Zivilgesellschaft" an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, welches er 2017 mit dem Abschluss "Master of Arts" abschloss. Als Projektmanager an der Technischen Hochschule Brandenburg setzte er zunächst Digitalisierungsprojekte in kleinen und mittelständischen Unternehmen um. Seit 2018 koordiniert Alexander Wittwer verschiede Bürgerbeteiligungsprojekte bei KinderStärken e.V., einem Institut der Hochschule Magdeburg Stendal. 2019 wurde Alexander Wittwer mit damals 27 Jahren zum ehrenamtlichen Ortsbürgermeister seines Heimatdorfes Bittkau gewählt.

Redaktion: MDR/Maria Hendrischke/Oliver Leiste

1 Kommentar

Burgfalke vor 16 Wochen

Ein sehr interessanter, guter Artikel. Besonders hat mir dabei gefallen, daß der Verfasser offensichtlich den Roman „Der Untertan“ von Thomas Mann gelesen hat. Er verzichtet auf den vorauseilenden Gehorsam gegenüber der „Obrigkeit“, in dem er sich den Menschen vor Ort widmet und deren Identität achtet!
Es handelt sich bei Bittkau um ein Ort, einem schönen Dorf, das vor anderer Stelle lediglich verwaltet wird. Der dümmliche Begriff „Ortsteil“ (Teil des Ortes – nicht eines anderen O. oder eines Kunstnamens) wird hier nicht verwendet. Danke dafür!
Bürgermeister, egal ob ehren- o. hauptamtlich, sind stets Vertreter eines Ortes und nicht eines „Ortsteils“. Herr Wittwer ist Bürgermeister von Bittkau, andere Zusätze bedarf es dabei nicht.
Das alles nur als Anmerkung, wenn man bereit ist die Würde und Interessen der betroffenen Bürger zu beachten/ zu respektieren! Herr Wittwer beachtet dies offensichtlich.

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