Kleinarbeit beim Wolfsmonitoring Auf Spurensuche nach dem Wolf

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Die Zahl der Wölfe in Sachsen-Anhalt steigt. Mindestens 154 Tiere leben hier. Mit akribischer Spurensuche und tausenden Fotos und Videos versuchen die Experten des Wolfskompetenzzentrums in Iden im Landkreis Stendal, ein möglichst exaktes Bild von der Situation zu bekommen. Sie werden auch dann gerufen, wenn der Wolf wieder irgendwo Nutztiere gerissen hat.

Ein Wolf durchstreift eine winterliche Landschaft.
Mindestens 154 Wölfe leben in Sachsen-Anhalt. Angst muss man vor ihnen als Mensch aber nicht haben. Bildrechte: dpa

Julia Kamp hat sich riesig gefreut über den Schnee der vergangenen Tage. Für die Wolfsexpertin ist es die ideale Voraussetzung, um auf Spurensuche zu gehen. Mit kleinen Döschen ist sie ausgerüstet und hält Ausschau nach Urin und Kot der Tiere. Und im Schnee wird sie am besten fündig.

"Unter diesen Bedingungen kann man nicht nur die Spuren besser finden, sondern auch die Zahl der Tiere erfassen." Der Wolf ist für sie ganz klar am sogenannten geschnürten Trab zu erkennen. Das heißt, das Tier tritt mit der Hinterpfote exakt in die Spuren der Vorderpfote. Die Biologin des Wolfskompetenzzentrums in Iden im Landkreis Stendal war zuletzt in der Altmärkischen Höhe unterwegs. Die liegt ganz im Norden von Sachsen-Anhalt und grenzt an Niedersachsen.

Das ist das Wolfskompetenzzentrum

Das Wolfskompetenzzentrum in Iden (Landkreis Stendal) besteht seit 2017. Es untersteht dem Landesamt für Umweltschutz in Halle. Leiter ist Andreas Berbig. Das Zentrum hat drei wesentliche Aufgaben: Rissbegutachtung und Herdenberatung, Monitoring sowie Öffentlichkeitsarbeit. Es wird ein jährlicher Monitoringbericht vorgelegt. Dieser Bericht nimmt den Zeitraum vom 1. Mai bis 30. April des darauf liegenden Jahres. Der Zeitraum orientiert sich am biologischem Rhythmus der Tiere: Im Mai kommen die Welpen.

Wolfsrudel nachgewiesen

Andreas Berbig und Julia Kamp zeigen die Urin- und Kotproben des Wolfs
Andreas Berbig und Julia Kamp zeigen Urin- und Kotproben des Wolfs. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

"Wir konnten hier erstmals ein Rudel belegen", sagt Julia Kamp. Mit dem aktuellen Monitoringbericht, der für die Zeit Mai 2019 bis April 2020 gilt, wird ein Wolfspaar mit mindestens einem Welpen belegt. "Wir sprechen von einem Rudel, wenn es ein Paar gibt, das Nachkommen hat", sagt die Expertin, die in den Niederlanden Wald- und Naturschutz studiert hat. In ihrem Büro in Iden hat sie gerade eine Menge Proben stehen, die sie im Schnee eingesammelt hat. Diese in Ethanol eingelegten Urin- und Kotproben müssen noch im Labor untersucht werden. Dort wird eine DNA-Analyse vorgenommen. Hier kann dann bestätigt werden, dass es Wolfsexkremente sind. Es können das Geschlecht und die Individuen belegt werden.  

Insgesamt gibt es in Sachsen-Anhalt mittlerweile 21 Territorien. Diese befinden sich alle im Norden und Osten des Bundeslandes. Die meisten befinden sich entlang der Elbe. "Dass sie sich entlang von Gewässern ansiedeln, ist normales Migrationsverhalten", sagt Julia Kamp. Insgesamt gehen die Wolfsexperten aus Iden von mindestens 154 Tieren aus. Teilweise kommen sie auch von Niedersachen und Brandenburg herüber. Es gibt vier grenzübergreifende Territorien.

Die Zahlen

Im aktuellen Monitoringjahr 2019/2020 wurden in Sachsen-Anhalt in 21 Territorien mindestens 43 erwachsene und potenziell reproduktionsfähige Tiere gezählt, von denen 36 Welpen aufgezogen werden. In vier grenzübergreifenden Territorien (nach Niedersachsen und Brandenburg) gibt es acht weitere erwachsene Tiere. Insgesamt wurden im Land mindestens 61 Welpen geboren, 54 konnten erfolgreich aufgezogen werden. Im Monitoringjahr wurden 13 Wölfe tot aufgefunden. Die Zahl der Wölfe (inkl. Welpen) in Sachsen-Anhalt belief sich auf mindestens 134. Mindestens 20 weitere Tiere leben grenzübergreifend. Die Territorien in der Altmark und angegrenzt sind: Altmärkische Höhe, Havelberg, Klietz, Tangerhütte, Zichtauer-Klötzer Forst, Ehra-Lessin, Gartow, Haldensleben, Flechtlinger Höhenzug, Colbitz-Letzlinger-Heide, Parchen, Möckern, Stresower Heide und Altengrabow. Bis 2011 hatte es nur ein Territorium landesweit gegeben.

 

Bestand stabil, aber nicht gesichert

"Wir können eine steigende Zahl an Rudeln feststellen. Allerdings geht die Zahl der Welpen zurück", sagt Andreas Berbig, der Leiter des Wolfskompetenzzentrums. Der Bestand der streng geschützten Tierart sei stabil. "Gesichert ist er allerdings noch nicht", erklärt der Experte. Dazu könne man ohnehin nicht nur auf die Zahl der Tiere blicken. Es gehe auch um das Umfeld und die künftigen Lebensgrundlagen. Beispielsweise hätten die zurückliegenden trockenen Jahre auch dem Wolf zu schaffen gemacht.

Urin- und Kotproben des Wolfs
Proben der Ausscheidungen helfen den Wolfsbestand zu identifizieren. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Um den Bestand der Wölfe möglichst genau erfassen zu können, werden nicht nur Spuren gesammelt. Das Kompetenzzentrum hat insgesamt 150 Kameras im Einsatz. Dazu kommen weitere private Kameras von Jägern und Förstern, die ebenfalls Bilder liefern. Gelegentlich schicken auch Privatpersonen ihr Bildmaterial. Insgesamt 2.638 Filme und Videos konnte im Monitoringjahr ausgewertet werden. "Das ist manchmal sehr spannend“, sagt Julia Kamp. So hatte 2018 eine Autofahrerin bei Havelberg gefilmt, wie Wolfswelpen die Straße passierten. "Das war für den Havelberger Bereich der erste Beleg für ein Rudel", sagt Kamp.

Wolfsvideos in Sozialen Netzwerken sind nicht hilfreich

Kontraproduktiv und arbeitsaufwendig sei es allerdings, wenn Fotos und Filme in Sozialen Medien kursieren würden. "Es ist für uns sehr aufwändig zu klären, ob die Aufnahmen tatsächlich dort entstanden sind, wie es behauptet wird", sagt Andreas Berbig. Oftmals bekämen sie ein und dieselbe Aufnahme mit völlig unterschiedlichen Ortsangaben. Oft sei auch durch größere Recherche der Urheber der Fotos oder Filme nicht zu ermitteln.

Rissberatung ist Teil des Jobs

Neben dem sogenannten Monitoring gehört auch die sogenannte Rissberatung zur Arbeit der Wolfsexperten aus der Altmark. "Wir wollen bei den gemeldeten Fällen die Ursache ermitteln, nicht immer ist es wirklich der Wolf", sagt Andreas Berbig. 2019/2020 wurden 123 Übergriffe mit Wolfsbeteiligung sowie 435 getöteten Nutztieren begutachtet. In 64 Fällen war es tatsächlich der Wolf, in weiteren 28 Fällen war der Wolf nicht auszuschließen. In fünf Fällen waren Hunde beteiligt und in 13 Fällen gab es andere Ursachen. In zehn Fällen konnte die Ursache nicht ermittelt werden. Ganz sicher wurden 354 Schafe und Ziegen sowie 18 Rinderkälber und zwölf Stück Gehegewild getötet.

Erst Ende Januar gab es in Grieben bei Tangerhütte den letzten Vorfall. Dort wurden bei Landwirt Christoph Plötze acht Tiere im Damwildgatter gerissen. "Die waren teilweise bis auf die Knochen abgefressen, es sah schrecklich aus", sagt Plötze. Eine endgültige Bestätigung, dass es der Wolf war, steht indes noch aus. DNA-Proben sind im Labor. Das rund fünf Hektar große Gatter ist umzäunt. Ein tiefes Eingraben des Zauns sei auf der Gesamtlänge unmöglich. Er fühle sich mit dem Problem allein gelassen, sagt der Landwirt. Auch Jäger hätten kaum noch Dam- und Schwarzwild.

Tausende Euro für Herdenschutz

Auch eine Herdenschutzberatung gehört zur Aufgabe der Idener Experten. Und diese wird auch wahrgenommen. Das Land unterstützt Landwirte – auch Hobbytierhalter – bei dem richtigen Wolfsschutz. Laut Umweltministerium wurden 2020 insgesamt 152.800 Euro für Herdenschutz genehmigt. Darüber hinaus wurde in 27 Fällen ein Schadensausgleich in Höhe von zusammen 27.000 Euro gewährt. "Die Schutzmaßnahmen wirken auch", sagt Berbig. Allerdings seien es oft kleinere Betriebe, bei denen der Schutz nicht vorhanden sei und die Wölfe leichtes Spiel hätten. Im Übrigen zeigen Nahrungsanalysen aus Wolfslosungen (Kot), dass der Biomasseanteil von Nutztieren gerade einmal bei 1,7 Prozent liege. Vor allem Wildschwein und Reh gehört zur Hauptspeise, aber auch Nutria.   

Ein Übergriff auf Nutztiere werde nie ganz auszuschließen sein, erklärt Experte Berbig. Die Wolfsexperten stellen sich nicht kategorisch gegen einen möglichen Abschuss des klar definierten Problemwolfs. "Die Jagd ist kein Herdenschutz und nicht die Problemlösung für die Herdenhalter", sagt Berbig. Es könne im Einzelfall eine kurzfristige Lösung bringen. Aber: "Der Wolf kann seine negative Erfahrung nicht weitergeben, es wird weiter Übergriffe durch andere Tiere geben." Im Gegensatz zu anderen Bundesländern gab es in Sachsen-Anhalt noch keinen Abschuss eines Wolfs.

Wolf nie ganz verschwunden aus Deutschland

Der Wolfsexperte weist darauf hin, dass es in Deutschland noch nie einen Übergriff auf Menschen gegeben hat. "Man kann in Ruhe im Wald spazieren gehen. Man braucht keine Angst zu haben", sagt Berbig. Gleichwohl müsse der Respekt da sein. "Es ist ein Raubtier." Im Übrigen sei der Wolf auch nie ganz aus Deutschland verschwunden gewesen, wie immer behauptet werde. "Zu DDR-Zeiten gab es rund 35 bekanntgewordene Fälle mit Wölfen", so Berbig. Das Tier habe im Jagdrecht gestanden und sei entsprechend abgeschossen worden, so dass es sich nicht weiter ausbreiten konnte. Einzelne Tiere kamen immer wieder von Polen rüber. Erst mit dem Beitritt von Polen in die EU im Jahre 2004 verbreitete der Wolf sich in größerer Zahl. "Da galt auch für Polen das europäische Jagdrecht und damit das Verbot zur Jagd auf den Wolf", so Berbig.

Stichwort Problemwolf

Nicht jeder Wolf, der ein Nutztier reißt, ist ein Problemwolf. Im Leitfaden "Leben mit Wölfen“, der vom Bundesamt für Naturschutz herausgegeben wurde, wird problematisches Wolfsverhalten klar definiert. Ein solcher Wolf zeigt notorisches, unerwünschtes und dreistes Verhalten beim Erbeuten von Nutztieren, das auch Menschen gefährdet. Wölfe haben ein breites natürliches Verhaltensspektrum, innerhalb dessen unter Umständen solche abweichenden Verhaltensweisen vorkommen können. Sie treten relativ selten auf. Charakteristisch für wildlebende Wölfe ist das scheue Wildtierverhalten mit einer relativ großen Fluchtdistanz.       

Über ihre Spurensuche bei den Wölfen berichtet Julia Kamp übrigens gerne in Schulen. Dabei spüre sie durchaus die Faszination, die von dem Tier ausgeht: "Die Kinder sind sehr aufgeschlossen und stellen viele Fragen", hat sie festgestellt. Teilweise gebe es aber auch Kinder mit einem sehr großen Fachwissen zum Wolf. "Da kann ich fast einpacken", so Kamp.

Ein Mann steht in einem Garten
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

Über den Autor Bernd-Volker Brahms wurde in Leer/Ostfriesland geboren und hat in Göttingen Deutsch und Geschichte studiert. Er hat 18 Jahre lang für verschiedene Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Er ist politischer Reporter mit Leidenschaft. Brahms arbeitet im MDR-Regionalstudio Stendal.

MDR/ Olga Patlan

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 05. Februar 2021 | 17:00 Uhr

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