Verkehrswende Stiefkind Schiene: Erst stillgelegt, dann wiederbelebt?

Fast der gesamte Gütertransport wird mittlerweile über die Straße abgewickelt. Bahnstrecken dagegen in den vergangenen Jahren gerieten ins Abseits, wurden massiv zurück gebaut. Jetzt, wo die Bundesregierung eine Verkehrswende plant, könnte sich das ändern. Eine Chance für stillgelegte Strecken wie die "Kanonenbahn" über die Elbbrücke bei Barby? Exakt – Die Story nimmt das "Stiefkind Schiene" unter die Lupe.

Blick von oben auf die alte Eisenbahnbrücke über die Elbe bei Barby.
Die sogenannte "Kanonenbahn" verband einst Berlin mit dem heute in Frankreich liegenden Metz und führte auch über die Elbe bei Barby. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK/Andreas Weichold

Staus, Lärm und dicke Luft – Deutschland erstickt im Verkehr. Allein über die Autobahnen rollen täglich 1,3 Millionen Lkw. Dreiviertel des Gütertransports werden heute über die Straße abgewickelt. Politisch war das lange so gewollt. Viele Bahnstrecken dagegen – eigentlich umweltfreundliche Alternativen – wurden stillgelegt, manche sogar zugunsten der Straße regelrecht zerstört. Ein Fünftel des Streckennetzes samt Überhol- und Anschlussgleisen ist seit 1990 stillgelegt worden, fast 6.500 Kilometer. Als die Bahn an die Börse gebracht werden sollte, nach der Wiedervereinigung und der Bahnreform, galten viele Strecken als unwirtschaftlich. Für bessere Geschäftszahlen verordnete der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn einen Schrumpfkurs, insbesondere im Güterverkehr. Das traf auch Streckenabschnitte der sogenannten "Kanonenbahn", die bei Barby über die Elbe führte.

Von Berlin über die Elbe bei Barby nach Metz

Ein Mann mit weißem Haar, grauem Schnauzbart und Brille steht auf der alten Eisenbahnbrücke über die Elbe bei Barby.
Jürgen Krebs ist Verkehrsingenieur im Ruhestand und spricht sich für die Reaktivierung der Elbbrücke bei Barby aus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gebaut 1870 für das Militär führte die "Kanonenbahn" einst durchs deutsche Kaiserreich an Barby vorbei. Noch zu DDR-Zeiten hatte die Strecke fast überall zwei Gleise, sagt Jürgen Krebs. Der Verkehrsingenieur im Ruhestand kennt die frühere Bedeutung der "Kanonenbahn" für den Güterverkehr. "Wir lagen hier in dem mittleren Abschnitt bei ungefähr 30 bis 40 Güterzügen pro Tag und im Bereich um Hettstedt in Richtung Sangerhausen lagen wir sogar bei über 80 Güterzügen." Die Deutsche Reichsbahn hatte Pläne, die Strecke auszubauen und zu elektrifizieren. Kurz nach dem Ende der DDR wurde dies zwischen Barby und Güterglück auch vorbereitet, dann fallengelassen. 2004 wurde auch die Strecke zwischen Güterglück und Barby stillgelegt und damit endgültig der Zugverkehr über die Elbbrücke.

Für ihren Erhalt kämpfte jahrelang ein Verein, der auch an eine Wiederbelebung der alten Bahnstrecke für den Güterverkehr glaubt. "Ich muss die Frage stellen, warum man solche Anlagen nicht für den Schienengüterverkehr nutzt. Für den Verkehr von der Ostgrenze, Polen über Brandenburg nach Thüringen, Hessen, Südwestdeutschland, ist das hier eigentlich die klassische Strecke." Tatsächlich könnte die "Kanonenbahn" Strecken entlasten, auf denen jetzt schon dichter Verkehr herrscht – wie nach Halle, Leipzig, Magdeburg oder Hannover. "Es ist die kürzeste Verbindung zwischen Sankt Petersburg und Lissabon. Damals hat man europäischer gedacht als heute."

Grafik der aktuellen Schienenverbindungen von Berlin bis Erfurt, Hannover oder Leipzig.
Die alte Strecke der "Kanonenbahn" (rot) könnte Vieles schneller ans Ziel bringen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Verkehrswende: Chance für stillgelegte Strecken?

Viele Guterwagen stehen nebeneinander auf Wartegleisen am Bahnhof Halle.
Ein milliardenschweres Investitionsprogramm soll Deutschland die Verkehrswende bringen und den Güterverkehr auf der Schiene erhöhen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit dieser Sichtweise ist der Verkehrsingenieur im Ruhestand nicht allein. Auch Professor Gernot Liedtke, Mobilitätsforscher vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, sieht in der alten Strecke eine Chance, insbesondere für den Gütertransport zwischen Europa und China. "Wenn zum Beispiel die Transporte über die neue Seidenstraße anwachsen würden. Wir haben momentan 30 Züge am Tag, vielleicht sind das mal 60 und mal 100 und dann sind die nicht mehr zu vernachlässigen", sagt Liedkte. Tatsächlich sollen auf dem Teilstück bei Barby bald wieder Züge rollen. Nicht jedoch über die gesamte Strecke. Für Wiederaufbau beziehungsweise Reaktivierung der gesamten Strecke der "Kanonenbahn" wäre ein enormer Aufwand nötig.

Pläne gibt es dafür bislang nicht, noch nicht. Nachdem in den letzten Jahren vor allem der Güterverkehr auf der Straße subventioniert wurde, setzt die Bundesregierung jetzt auf eine Verkehrswende. Bis 2030 will sie die den Anteil der Güter auf der Schiene erhöhen – von derzeit 19 auf 25 Prozent. Etwas, das Umweltschützer schon lange fordern. 27.000 Mal pro Jahr allein in Deutschland Lkw in Unfälle verwickelt. Der stetig wachsend Verkehr verstopft selbst breite Autobahnen und Verbrennungsmotoren belasten die Umwelt mit CO², Stickoxiden und Feinstaub. Allein ein Güterzug könnte auf bestimmten Transportwegen bis zu 52 Lkw ersetzen. Voraussetzung: Es sind ausreichend Güterwaggons, Gleisanschlüsse und ein gut ausgebautes Streckennetz vorhanden.

Quelle: MDR/Sven Stephan/mkl

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - die Story | 11. August 2021 | 20:45 Uhr

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