Störer in Videochats Alte Schule funktioniert nicht mehr

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Weil der Videounterricht gestört wird, verpflichtet mindestens ein Schulleiter in Sachsen-Anhalt seine Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr zu Videounterricht. Eine Bankrotterklärung. Aus gleich mehreren Gründen. Ein Kommentar.

Mädchen beim Homeschooling
Ein Mädchen lernt am Laptop. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/ Jochen Tack

Eines vorweg: als Technologiereporter bin ich kein Pädagoge. Aber als Technologiereporter sehe ich immer wieder, wie wichtig es ist, den Zweck eines digitalen Werkzeuges zu verstehen, bevor es irgendwo eingeführt wird. Experten sagen dazu oft: nicht Digitalisierung um der Digitalisierung willen. Oder: Digitalisierung ist keine Frage der Technik sondern der Einstellung. Oder: Man muss erst einen Prozess verstehen, bevor man ihn digitalisieren kann. Ein Ding, das analog schon nicht gut funktioniert, wird digital erst recht nicht funktionieren.

Deswegen ist die eigentliche und ganz große Frage derzeit: Wofür ist Schule da? Nur: Diese Frage will ich nicht beantworten, das muss die Gesellschaft – wir alle – beantworten. Eines allerdings ist klar: Schulen sind dafür verantwortlich, was auf dem Schulgelände oder im Unterricht passiert. Egal ob digital oder analog: Schulfremde Personen haben dort nichts verloren, um sich vor großem Publikum, vor einer Klasse oder Webcam zu produzieren, Klamauk zu machen, Obszönitäten zu verbreiten.

Schulleiter dürfen sich nicht schmollend zurückziehen

Taucht in einer Videokonferenz doch jemand auf, der dort nichts zu suchen hat, weil Schülerinnen und Schüler es als Sport sehen, Zugangsdaten zum Unterricht in sozialen Netzwerken zu teilen – dann darf sich eine Schulleitung nicht schmollend zurückziehen und ihren Lehrerinnen und Lehrern empfehlen, keinen Online-Unterricht mehr anzubieten. Kein Lehrender stellt doch den Unterricht ein, weil die Parallelklasse Wasserbomben an die Fenster wirft.

Eine schnelle Lösung ist: Jeder Schüler und jede Schülerin bekommt einen nur für ihn oder sie gültigen Zugang. Damit ist klar, wer verantwortlich ist und dass Schüler ihre Zugänge nicht weitergeben und entsprechend schützen müssen.

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Wie soll Online-Unterricht aussehen?

Aber ich glaube, das viel größere Problem ist ein anderes. Denn die Vorkommnisse zeigen, dass Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer sich nicht genügend darüber ausgetauscht haben, wie Online-Unterricht stattfinden und was sein Zweck sein soll. Erinnern Sie sich daran, dass Ihr Schulkind von einer solchen Diskussion aus der Schule berichtet hat? Oder von einer Einführung in die genutzten Tools?

Die Vorkommnisse zeigen vielleicht auch, wie wenig schultauglich die digitalen Werkzeuge sind oder wie wenig alltagstauglich manche Lehrer agieren: Warum können sie Störer nicht mit einem Klick aus dem digitalen Schul-Raum verweisen? Das sollte doch sogar einfacher sein als im echten Klassenzimmer.

Ich befürchte, es liegt daran, dass sich auch Schulen gerade durchwursteln. Und das halte ich für viel gefährlicher als die Probleme beim Impfen.

Schülerinnen und Schüler sind uns nicht wichtig genug

Es zeigt nämlich, wie wenig wichtig uns Schülerinnen und Schüler – die Zukunft unseres Landes – sind. Die mögen deswegen jetzt Schule und Lehrer vielleicht noch weniger ernst nehmen als bisher. Als Schüler würde ich auch austesten, was passiert, wenn meine Webcam während des Videounterrichts ausgeschaltet ist und ich mir als Name "...reconnecting" gebe.

Aber im schlimmsten Fall erschüttert das alles das Vertrauen der jungen Menschen in die Gemeinschaft und den Staat. Nämlich dann, wenn sie solche Vorkommnisse als absehbares Versagen werten. Als Versagen, weil sich Schule seit Jahren nicht darauf vorbereitet hat, im 21. Jahrhundert anzukommen. Als Versagen, weil es auch im vergangenen Jahr nicht geschehen ist. Und als Versagen, weil das System Schule sich nicht eingesteht, nicht allwissend, nicht ausreichend flexibel ist und sich nicht ausreichend beraten lässt. Beraten kann nicht das Bildungsministerium, sondern Experten unter Eltern, Schülern oder aus Vereinen.

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Schule, ein Anachronismus und Verschwendung von Ressourcen

Und dieses Beraten würde vielleicht eines zutage fördern: Schule, Lehrerinnen und Lehrer müssen lernen, sich und ihr Wissen mehr zu hinterfragen. Denn eine Frage, die sich auf jeden Fall stellt, wenn Schul- oder Klassenfremde den Videounterricht stören: Sind Videokonferenzen das richtige Werkzeug, um zu unterrichten, um Wissen zu verbreiten? Ich glaube nämlich nicht.

Wenn nämlich deutschlandweit Schüler so unterrichtet werden, heißt das: Deutschlandweit vermitteln auch viele Lehrer die gleichen Inhalte. Zur gleichen Zeit. Das ist im digitalen Zeitalter ein Anachronismus, eine Verschwendung von Ressourcen.

Das, was Lehrer ihren Schülern präsentieren, sollte abrufbar bereitstehen. Aufgaben besprechen, Feedback geben – das ist doch das eigentlich Wichtige in den Schulen. Und das sollte in kleinen, weniger Störer-anfälligen Videokonferenzen passieren. Aber das muss nur der Anfang für die neue Art der Schule, des Lernens und der Bildung sein.

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gernelernen E10  T:\TeleMedien\MTA\02_Februar_2021\1.Februar\01.02\wissen\gernelernen_E10  Das Vorschaubild liegt wieder in zwei Varianten (mit und ohne GBS-Logo) und je drei Formaten vor. Die Grafik ist aus einem Stockbild von Panthermedia gestaltet.  Vielen lieben Dank und liebe Grüße Tobi, 7984 57 min
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gernelernen mit MDR Wissen Fr 29.01.2021 11:00Uhr 57:06 min

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P.S. Ein Lesetipp

Noch schärfer formuliert das Christoph Schmitt aus Leipzig. Er ist ein ehemaliger Lehrer und will das Lernen neu erfinden: "Die Schule ist als System zu Ende. Sie ist in jeder Hinsicht dysfunktional geworden. Schule reproduziert weder Gesellschaft noch Kultur, sondern nur noch sich selbst."

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

MDR, Marcel Roth, Oliver Leiste

9 Kommentare

Ernst678 vor 9 Wochen

Hallo Herr Schmitt, würden sie bitte mal auf den Punkt kommen? Sie sagen: "Schule selbst sorgt dafür das wir nicht die Frage stellen wozu Schule eigentlich da ist". Diese Frage ist längst beantwortet, Schule ist zur Wissensaneignung und zum Erwerb des Rüstzeug da um vorrangig das eigene Leben meistern zu können. Und schauen Sie sich doch mal in den Schulen um was tatsächlich gelehrt wird. Die Schule selbst ist keine selbständige Einheit sondern immer Machinstrument der Herschaftsform und wird auch durch die bestimmt. Deshalb gibt es in islamischen Ländern Koranschulen und bei uns anstatt ausreichend Deutsch, Mathematik, Physik und andere Wissenschaften sowas wie Religion und Gesellschaftskunde wo dem Kinder vorgetäuscht wird alle Menschen wären gleich (alle Einstein oder saublöd, arm oder reich?) und natürlich Staatsdoktrin eingebläut wird. Ich kann das an meine Enkeln genau beobachten. Ändere das System, setze Regierenden unüberwindbare Schranken, dann änderst du auch Schule.

Ernst678 vor 9 Wochen

Bessere Lehrer, ja, anstatt die Jagt nach Geld, viel Freizeit und Beamtenstatus. Bessere Lehrer, ja, die sich gegen die ständigen Experimente mit unseren Kinder stemmen. Übrigens, "Schreiben nach Gehör" haben sie vergessen, das schlimmste wie ich finden. Ich kriege regelrechte Gehirnkrämpfe wenn ich sehe was meine Enkel zusammenkritzel, z.B. "Schisel", raten sie mal was das sein soll.

Ernst678 vor 9 Wochen

Gleich mal voran gestellt, alles was zum "Fernunterricht" fabuliert wird läuft auf eins hinaus "Dumme Kinder braucht das Land"! Bislang diente der Präsenzunterrichtum den Kindern auch die Staatsdoktrin, genau wie in der DDR, einzubläuen. Jetzt in Coronazeiten, ein Gottesgeschenk für diktatorisch veranlagte Politiker, wird das gar übers Internet beschleunigt. Allerdings bleibt dieser Versuch kläglich stecken, denn so gut wie im Präsenzunterricht lernt man Zuhause am Bildschirm nicht, genauso wie Homeoffice im Durchschnitt Ineffizient ist, ich habe das jahrelang miterleben müssen! Gruppen von Kindern am Bildschirm zusammenzufassen mit einer zuweilen schon fiktiven Lehrkraft, zumeist persönliche unerreichbar, reicht nicht um ein Kollektiv zu bilden und Persönlichkeiten zu entwickeln. Und solche Leute wie Christoph Schmitt denken sicher daran das die Lehrer mit Laptop auf Teneriffa am Strand liegen und die Kinder Zuhause am PC schwitzen oder gleich "Candy Cruch" wie Ramelow spielen.

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