Neues Bundesgesetz Warum der Schutz von Insekten in Sachsen-Anhalt für Streit sorgt

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Kurz vor der Sommerpause hat der Bundesrat einem Gesetz zum Schutz von Insekten zugestimmt. Damit reagierte die Bundesrepublik auf einen immer wieder beschriebenen Verlust der Artenvielfalt. Kritik kommt allerdings von den Landwirten. Wie lebenswert ist Sachsen-Anhalt für Insekten? MDR SACHSEN-ANHALT hat einen Feldversuch im Grünen gestartet – und ist in einem Paragraphenstreit gelandet.

Detailaufnahme einer Pflanze, auf der ein Insekt sitzt.
Auf dieser Bienenweide in Magdeburg wird das Gras bewusst stehen gelassen. Insekten sollen sich wohlfühlen. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

In der Erinnerung waren in früheren Sommern die Windschutzscheiben der Autos stärker von toten Insekten übersät, als das heute der Fall ist. Die Erkenntnis ist nicht neu, und so legen seit Jahren Städte und Gemeinden, aber auch Landwirte, sogenannte Blühstreifen an. Was hier wächst und gedeiht, soll all das Getier anlocken, was von Blüte zu Blüte schwebt, um sie zu bestäuben.

Wenn man einen Blühstreifen jedoch genauer beobachtet, dann zeigt sich schnell, dass so ein Insektenleben ziemlich anstrengend sein kann. Der Begriff "Bienenfleiß" ist sicherlich nicht zufällig entstanden.

Dabei spielen Insekten für Ökosysteme eine wichtige Rolle. Fast drei Viertel aller Tierarten in Deutschland sind Bienen, Hummeln, Käfer, Schrecken, Wanzen, Schaben oder Zikaden – und sie sind unverzichtbar, zum Beispiel für die Bestäubung von Pflanzen. Die Bestäubungsleistung durch Insekten allein in Deutschland wird auf einem durchschnittlichen Jahresgesamtwert von etwa 1,1 Milliarden Euro geschätzt. Es geht also bei Insektenschutz auch um Geld.

Auch in Sachsen-Anhalt bedroht

Was vom Aussterben bedroht ist, wird auf einer sogenannten "Roten Liste" erfasst, die für jedes Bundesland aufwändig erstellt wird. Für Sachsen-Anhalt wurde diese Zusammenstellung im vergangenen Jahr aktualisiert. Und es zeigte sich, dass die Abnahme der Insektenpopulation nicht nur eine gefühlte Wahrheit ist: Von den 9.443 Insektenarten, die untersucht wurden, gelten fast 40 Prozent in Sachsen-Anhalt als bedroht.

Insektenschutz Es summt und brummt: Eindrücke von der Bienenweide in Magdeburg

In Deutschland soll ein neues Gesetz Insekten besser schützen. Unumstritten sind die neuen Regeln aber nicht. Sie kosten nämlich auch Geld. Bienenweiden wie die in Magdeburg zeigen aber, dass es schon Projekte gibt.

Detailaufnahme einer Pflanze, auf der ein Insekt sitzt.
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Detailaufnahme einer Pflanze, auf der ein Insekt sitzt.
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Vor einer Wiese steht ein Schild, auf dem Fotos und Text zu sehen sind.
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Detailaufnahme einer Pflanze, auf der ein Insekt sitzt.
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Verbot von Glyphosat

Und so stellt sich die Frage, wie ein weiteres Artensterben aufgehalten werden kann. Das neue Insektenschutzgesetz hat dabei vor allem die Landwirtschaft im Blick, denn die intensive Bewirtschaftung der Flächen hat zur Folge, dass alles, was im landwirtschaftlichen Sinn als "Unkraut" gilt, von den Äckern getilgt wird. Damit verkleinert sich die Nahrungsgrundlage der Insekten erheblich.

Deshalb sieht das neue Gesetz Einschränkungen vor. So wird es unter anderem ein Verbot des umstrittenen Pflanzenschutzmittels Glyphosat geben. Ab 2024 werden in Deutschland keine Zulassungen für glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel mehr erteilt, und damit dürfen diese Mittel auch nicht mehr angewendet werden.

Landwirte sind dagegen

Viele Landwirte halten die Maßnahmen für übertrieben, konnten sich jedoch nicht durchsetzen. Wohl auch deshalb stimmte Kees de Vries, Landwirt und CDU-Bundestagsabgeordneter aus Deetz bei Zerbst, gegen das Gesetz seiner eigenen Partei.

Auch im Landesbauernverband sieht man die Entwicklung kritisch. Sven Borchert, Vizepräsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt, stellt fest: "Ohne die Möglichkeit, die Pflanzen fachgerecht zu schützen, müssen die Landwirte ein immer größeres finanzielles Risiko eingehen." Vor allem Obst- und Gemüsebauern sowie Betriebe des Kräuteranbaus würden damit unter hohen Druck gesetzt. Aus Borcherts Sicht setzt der Insektenschutz maßgeblich auf pauschale Verbote.

Umweltministerin Dalbert zeigt Verständnis

Noch sind in Sachsen-Anhalt Landwirtschaft und Umwelt unter einem Ministeriumsdach zusammengefasst, und bis zur Bildung einer neuen Landesregierung ist die grüne Ministerin Claudia Dalbert geschäftsführend im Amt. Das Verbot von Glyphosat ist eine alte Forderung der Naturschützer. Insofern zeigt sich die Ministerin zufrieden.

Andererseits versteht sie auch die Kritik der Landwirte: "Weniger Pflanzenschutzmittel heißt aber, dass die Landwirte nicht mehr so ertragreich wirtschaften können wie bisher, was gesellschaftlich gewollt und auch richtig ist. Aber irgendjemand muss ja den Ertragsausfall der Landwirte bezahlen. Und da macht sich der Bund einen schlanken Fuß."

Allerdings sei das Thema Insektenschutz kein neues für Sachsen-Anhalt. Programme für die Einrichtung von Blühstreifen oder Streuobstwiesen zeigten durchaus Erfolg, sagt die Ministerin: "Also das, was jeder Landwirt machen kann, sind Blühstreifen. Und wir haben ein richtig gutes Blühstreifen-Programm. Das ist deswegen gut, weil das funktioniert für die Insekten. Aber es funktioniert auch für die Landwirte und Landwirtinnen. Und die Anwendung dieser mehrjährigen Blühstreifen konnten wir in den letzten Jahren vervierfachen."

Jeder kann etwas tun

Aber auch Eigenheimbesitzer und Gartenfreunde können etwas für Insekten tun. Steingärten, raspelkurzer Tennisrasen, Mähroboter im Dauereinsatz: All das dient nicht der Artenvielfalt. Auch deswegen hat das Umweltministerium sogenannte Insektenwiesen-Pakete entwickelt, also Samenmischungen, mit denen man Insektenwiesen anlegen kann. Gedacht ist das ist als Mitmach-Aktion für Schulen oder Kitas, aber auch für Vereine. In den vergangenen drei Jahren wurden immerhin 840 solcher Pakete verschickt, damit es auch in Zukunft in Sachsen-Anhalt krabbelt, summt und hummelt.

Quelle: MDR/Uli Wittstock, Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. Juli 2021 | 12:00 Uhr

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