Studie der Hochschule Merseburg Fast jede Frau erfährt sexuelle Belästigung

Sexualisierte Gewalt ist in Deutschland weitverbreitet. Fast jede Frau erfährt in ihrem Leben sexuelle Belästigung. Das zeigt eine nicht repräsentative Studie der Hochschule Merseburg. Die Studie soll helfen, die Beratung und Aufklärung sowie Maßnahmen zur Prävention des Landes zu verbessern.

Bild zur Kampagne Passt Auf Euch Auf. 7 min
Bildrechte: SPUTNIK

Flora wurde in einer Bahn sexuell belästigt. Ein Polizist nahm sie nicht ernst. Sie ist gerichtlich dagegen vorgegangen. Vor Gericht wurde sie gefragt, ob sie betrunken war und was sie anhatte.

MDR SPUTNIK Mi 19.08.2020 10:29Uhr 06:30 min

https://www.sputnik.de/home/passt-auf-euch-auf/video-passt-auf-euch-auf-sexuelle-belaestigung-interview-mit-flora-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Fast alle Frauen und Menschen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität in Deutschland haben schon einmal sexuelle Belästigung erfahren. Das hat eine Studie der Hochschule Merseburg im Auftrag des Innenministeriums von Sachsen-Anhalt ergeben. Demnach haben 97 Prozent aller Frauen und 95 Prozent aller diversgeschlechtlichen Personen Formen sexueller Belästigung erlebt oder sich belästigt gefühlt. Bei den Männern seien es 55 Prozent.

Verbale und visuelle Formen wie anzügliche Bemerkungen oder Blicke seien ebenso häufig wie körperliche Übergriffe. Die jüngeren Befragten haben der Studie zufolge Belästigungen häufiger erlebt als die älteren. Das sei auf die historisch gewachsene Sensibilität gegenüber sexuellen Grenzverletzungen zurückzuführen.

Hilfe für Betroffene

Wenn Sie von sexualisierter Gewalt betroffen sind oder sich mit dem Thema nicht gut fühlen, finden Sie Unterstützung beim Hilfetelefon für Gewalt gegen Frauen (Tel.: 08000 166 016) oder auch bei ProFamilia

Sexuelle Übergriffe passieren meist in der Freizeit

Ein Viertel aller beschriebenen Taten seien sexuelle Übergriffe im Kindesalter, ein weiteres Viertel im Jugendalter. Knapp zwei Drittel aller Taten seien durch bekannte Täter*innen verübt worden. Bei Übergriffen in der Kindheit seien es drei Viertel gewesen.

Der Studie zufolge ereignen sich die meisten sexuellen Übergriffe in der Freizeit im öffentlichen Raum. Mit deutlichem Abstand folgten Schule, Internet sowie berufliche Kontexte wie Arbeit, Ausbildung oder Studium. In der Familie komme es am seltensten zu Übergriffserfahrungen.

Symbolbild/Thumbnail für den Passt Auf Euch Auf-Schwerpunkt "Sexuelle Belästigung". 45 min
Bildrechte: MDR SPUTNIK

90 Prozent der Befragten gaben an, dass es in ihrer aktuellen Beziehung keine Gewalt gebe. Die Hälfte der Frauen und diversen Personen und ein Viertel der Männer hätten aber – meist in Vorbeziehungen – Formen partnerschaftlicher Gewalt (verbal, körperlich, sexuell) erlebt. Männer würden häufiger sexuellen Zwang ausüben, Frauen häufiger zuschlagen und verbale Gewalt ausüben.

42 Prozent der für die Studie befragten Frauen gaben an, bereits einen Vergewaltigungsversuch erlebt zu haben, 28 Prozent eine Vergewaltigung. 1990 gaben 17 Prozent der Frauen eine erlebte Vergewaltigung an. Die Zunahme wird in der Studie auf ein Anwachsen von Beziehungstaten zurückgeführt.

Informationen zur Studie der Hochschule Merseburg Für die Studie waren von Juni bis Oktober 2020 insgesamt 3.466 Personen zwischen 18 und 84 Jahren online befragt worden. Die 1.892 Frauen, 1.433 Männer sowie 141 Personen mit diverser Geschlechtsidentität wohnten in allen Bundesländern, 502 in Sachsen-Anhalt. Die Studie ist nicht repräsentativ. Sie soll helfen, die Interventions- und Präventionsmaßnahmen des Landes weiterzuentwickeln und zu verbessern.

Betroffene wenden sich häufiger an Vertraute

Bei der Wahrnehmung der Taten kommt die Studie zu folgenden Ergebnissen: Nur in der Hälfte der Fälle wurden die sexuellen Übergriffe sofort als solche erkannt – von jüngeren Kindern bis 10 Jahre nur in einem Drittel der Fälle, von Erwachsenen in zwei Dritteln der Fälle. Opfer sexueller Gewalt teilten sich heutzutage häufiger einer Vertrauensperson mit als früher. Seien vor 20 Jahren in weniger als der Hälfte der Fälle Personen ins Vertrauen gezogen worden, seien es mittlerweile über 90 Prozent.

Private oder professionelle Hilfsangebote nutzten Frauen (45 Prozent) und diverse Personen  (61 Prozent) häufiger als Männer. Nur ein Viertel der von sexueller Gewalt betroffenen Männer nimmt laut der Studie Hilfe in Anspruch.

Der Umgang mit sexualisierter Gewalt

Unter den Folgen sexualisierter Gewalt leiden die Betroffen häufig jahrelang. Zu ihrem Leidensdruck befragt, gaben in der Studie ein Drittel der Frauen (36 Prozent) und 20 Prozent der diversgeschlechtlichen Personen an, beschwerdefrei zu sein. Bei den Männern waren es 61 Prozent. Erlebte Vergewaltigungen wurden am nachhaltigsten als Belastung erlebt, die Bekanntheit der Täter und das Alter zum Zeitpunkt der Tat sind weitere verstärkende Faktoren.

MDR, Marcel Knop-Schieback, Sarah Peinelt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. Februar 2021 | 10:00 Uhr

6 Kommentare

W.Merseburger vor 29 Wochen

Die Studie ist nicht repräsentativ, steht oben geschrieben. Damit wird die Überschrift "Fast jede Frau erfährt sexuelle Belästigung" nichts mehr als ein Allgemeinplatz. Die FH Merseburg mit ihrem "Sexprofessor" muss sich mal wieder bemerkbar machen, um ihre Nützlichkeit in die Öffentlichkeit zu tragen!

Magdeburg1963 vor 29 Wochen

…“Formen sexueller Belästigung erlebt oder sich belästigt gefühlt“…unter Beachtung der Höhe der Umfragewerte stellt sich die Frage, wie Formen sexueller Belästigung aus Sicht der definiert werden. Ich habe relative viele Frauen in meinem privaten und beruflichen Umfeld. Von denen konnte sich keine erinnern, sexuell belästigt worden zu sein.
„Verbale und visuelle Formen wie anzügliche Bemerkungen oder Blicke“…ist der Blick ins Dekolleté beim Oktoberfest bereits eine Belästigung?

Ingenieurin vor 29 Wochen

Leider macht dies die Sache nicht besser. Die Zahl der Frauen, mit denen ich ein solches Verhältnis habe, dass ich mich über solche Themen mit ihnen unterhalte beträgt vielleicht eine Handvoll.
Mehr als die Hälfte von Ihnen hat sexuelle Übergriffe erlebt. Eine ist über Jahre hinweg als Kind von mehreren Männern sexuell missbraucht worden. Eine weitere ist als Jugendliche vom Fahrrad gerissen worden und wurde vergewaltigt (die Sprüche der Polizisten bei der Anzeige zählen dann wohl eher zu sexueller Belästigung). Eine weitere wurde als Kleines Kind in einen Hinterhof entführt und zu Oralsex gezwungen - dies ist übrigens der einzige Fall, der Juristische Konsequenzen hatte.
Ja, da bin ich mit ein bisschen Begrapschen durch einen Lehrer und ein paar blöden Sprüchen wirklich privilegiert.

Mehr aus Sachsen-Anhalt