Chancen und Risiken Suchtexperte: Cannabis-Legalisierung nur mit mehr Aufklärung

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Die neue Bundesregierung will den Konsum von Cannabis legalisieren. Doch es gibt Kritik: Drogentherapeuten warnen vor einer Verharmlosung von Marihuana. Vor allem für Jugendliche habe regelmäßiger Cannabis-Konsum negative Folgen. Zudem seien inzwischen Neuzüchtungen mit hohem Wirkstoffanteil auf dem Markt. Das erleichtere den Einstieg in eine Abhängigkeit. Ein Suchtmediziner aus Magdeburg spricht über Risiken und Chancen.

Frau raucht einen Joint
Ein Magdeburger Suchtmediziner fordert, mit der Legalisierung von Cannabis auch die Aufklärung zu verstärken. Bildrechte: imago/ZUMA Press

"Legalize It" – legalisier' es. So sang 1976 der Reggea-Musiker Peter Tosh und landete damit einen Hit. Als T-Shirt oder Sticker kann man dieser Forderung nahezu täglich begegnen. Die Ampelkoalition scheint die Forderung ernst zu nehmen – und will Cannabis freigeben. Und zwar "zu Genusszwecken", wie es im Papier heißt.

Bislang darf Cannabis in Deutschland nur zu medizinischen Zwecken gehandelt und verkauft werden. Das hat offenbar nicht zu einer neuen Drogenwelle geführt, die noch vor Jahren befürchtet wurde. Auch Fälle kiffender, nichtsnütziger Tagediebe, die sich ihre Drogensucht von der Krankenkasse finanzieren lassen, sind bislang nicht bekannt geworden.

Stattdessen steigen in Sachsen-Anhalt die von der Polizei festgestellten Drogenstraftaten weiter. Im vergangenen Jahr waren es 10.000 Fälle, bei mehr als einem Drittel davon geht es um Cannabis. Ob es allerdings durch eine Entkriminalisierung von Cannabis gelingt, den Schwarzmarkt auszutrocknen, ist umstritten.

Cannabis als Teil der Popkultur

Festzuhalten ist aber auch, dass Cannabis inzwischen ein fester Bestandteil der Jugendkultur geworden ist. Vor allem im Rap spielt die Droge eine bedeutende Rolle, aber auch andere Bereiche der Popkultur sind mit Cannabis eng verbunden. Und wer mit wacher Nase unterwegs ist, der wird selbst in Sachsen-Anhalts Kleinstädten am helllichten Tage gelegentlich den Geruch eines Joints wahrnehmen.

Ein Mann sieht an einem Schreibtisch
Suchttherapeut Achim Kramer behandelt seit einigen Jahren immer mehr Cannabis-Patienten. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Diesen Wandel sehen auch Drogentherapeuten in Sachsen-Anhalt. Einer von ihnen ist Achim Kramer, leitender Therapeut in der Magdeburger Tagesklinik an der Sternbrücke. Die Klinik hat sich auf die Behandlungen von Suchterkrankungen spezialisiert. In den letzten Jahren zeichne sich eine deutliche Veränderung bei den Abhängigkeiten ab.

Kramer sagt: "Wir hatten im Jahr 2014 ein Verhältnis von Alkohol- zu Drogenpatienten von ungefähr zehn zu fünf. Also auf zehn Alkoholiker kamen fünf Drogenpatienten." Seit 2019 näherten sich die Zahlen an: "Jetzt sind wir bei neun zu zehn, also neun Drogenpatienten kommen auf zehn Alkoholpatienten. Es ist also nahezu angeglichen."

Risiken von Cannabis unterschätzt

Alkohol bleibt in Deutschland weiterhin Volksdroge Nummer eins. Auch, weil er kulturell verwurzelt ist und vielfältig im Alltag konsumiert wird. Allerdings scheint sich Cannabis in einigen Bereichen inzwischen ebenfalls als Alltagsdroge etabliert zu haben. Und das nicht nur bei jungen Leuten: In der Magdeburger Tagesklinik werden Menschen behandelt, die zum Teil seit 30 Jahren kiffen.

Je jünger die Menschen sind, die regelmäßig Cannabis konsumieren, desto häufiger treten dann auch massive Schwierigkeiten auf. Gesundheitlich kann man zum Beispiel sagen, dass das Psychose-Risiko bei Cannabis-Konsumenten um das Fünffache erhöht ist im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.

Achim Kramer Suchttherapeut

Lange Zeit galt ja Cannabis als "weiche" Droge im Vergleich zu Heroin oder Kokain, mit vergleichsweise milden Folgen für die Gesundheit. Das galt wohl vor allem deshalb, weil eine Überdosis Cannabis nicht zum Tod führt.

Allerdings hat sich der Blick auf die Droge gewandelt. Vor allem die Folgen für junge Menschen würden viel zu wenig in den Blick genommen, kritisiert Suchttherapeut Kramer.

Probleme in der Pubertät

Für die Folgen bei jungen Menschen verantwortlich ist der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol, abgekürzt THC, den die Hanfpflanze produziert. Dessen Wirkung im Gehirn ist noch nicht vollständig erforscht, doch die Folgen sind bekannt.

Vor allem in reifenden Gehirnen, also während der Pubertät, kann Cannabis bestimmte Entwicklungen unterbinden. Die Langzeitwirkung sieht Suchtmediziner Kramer dann bei seinen Patienten: "Wenn wir mit jemandem zu tun haben, der in jungen Jahren regelmäßig konsumiert hat und dann als junger Erwachsener zu uns kommt, dann hat der oftmals viele soziale Defizite. Der wirkt dann zwar wie ein 20-Jähriger, verhält sich aber wie ein 14-Jähriger. Und das bringt dann natürlich massive Probleme."

Es scheine so zu sein, dass Cannabis in der Pubertät Entwicklungen verhindere, die man zum Erwachsenwerden brauche, und andere verstärke, die eigentlich in der Pubertät verschwinden sollten.

Warnung vor erhöhtem THC-Anteil

Achim Kramer warnt vor einem weiteren Missverständnis in Bezug auf Cannabiskonsum: Die Droge erzeuge keine körperlichen Abhängigkeiten. In den vergangenen Jahrzehnten gab es nämlich offenbar einige Zuchterfolge beim Hanfanbau, sodass der THC-Anteil der Pflanzen sich erhöht hat. Das merke man nun auch in der Therapie, sagt Kramer.

Cannabis hat sich verändert. Wir sehen es an unseren Patienten. Inzwischen haben die Betroffenen körperliche Symptome vom Cannabis-Entzug.

Achim Kramer Suchttherapeut

Dies sei in den 1960er oder 1970er Jahren nicht vorstellbar gewesen, erzählt Kramer weiter: "Da wurden nur psychische Entzugserscheinungen festgestellt, Schlafstörungen zum Beispiel. Aber jetzt haben die Leute schwitzige Hände, Zittern, Kopfschmerzen und so weiter." Der erhöhte THC-Anteil führe zu einer stärkeren Abhängigkeit. Hinzu komme, dass der Körper sich an die Droge gewöhne, die Dosis sich also erhöhen müsste, um den entsprechenden Kick zu liefern.

Das sind internationale Erfahrungen mit der Legalisierung

Allerdings könnte eine Legalisierung der Droge für mehr Transparenz sorgen. Denn wer seinen Joint an der Straßenecke kauft, weiß nicht, was er da in den Händen hält. Deshalb haben SPD, Grüne und FDP in ihrem Thesenpapier formuliert: "Wir führen die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein."

International gibt es inzwischen einige Erfahrungen mit der Legalisierung von Cannabis. In den Niederlanden, wo nur der Verkauf von Hanf zugelassen ist, aber nicht der Anbau, hat das eher zu einer Belebung des Drogenhandels geführt. Denn weiterhin gelangt Hanf auf illegalem Weg zu den legalen Läden.

Mehr Steuereinnahmen durch Cannabis-Verkauf

In den USA, wo in einigen Bundesstaaten der Anbau und Verkauf von Hanf legalisiert wurde, zeigen sich nur in einem Bereich deutliche Veränderungen – bei den Steuereinnahmen. Im sonnigen Kalifornien kommen so 50 Millionen Dollar zusätzlich in die Kasse, und zwar monatlich. Das ist Geld, das der organisierten Kriminalität nun fehlt.

Zu einer Änderung in der Kriminalitätsstatistik hat das bislang aber noch nicht geführt. Und auch die Entwicklung einer neuen Hanfindustrie hat nicht, wie von so manchem erhofft, zu einem Jobwunder geführt. An den Börsen starteten einige Hanfaktien zunächst mit steigenden Kursen, doch so mancher Investor braucht wohl nunmehr selbst einen Joint, wenn er den Fall der Kurven verfolgt.

Risiken der Legalisierung

Und so fallen derzeit auch hierzulande die Erzählungen von einer bevorstehenden "Hanfrevolution" deutlich zurückhaltender aus als noch vor Jahren. Achim Kramer fordert, dass mit der Legalisierung auch die Aufklärung verstärkt werden müsse, insbesondere an Schulen. Dass sich in Zukunft die Zahl der Hilfesuchenden in der Magdeburger Suchtklinik deutlich erhöht, erwartet er zwar nicht. Das Risiko könne aber steigen.

Natürlich wird nicht automatisch jeder gleich zum Kiffer, der einen Joint probiert. Aber je mehr das probieren, umso höher ist statistisch die Wahrscheinlichkeit, dass es Schwierigkeiten geben kann.

Achim Kramer Suchttherapeut

"Wenn man den Zugang zu bestimmten Substanzen erleichtert, dann kann man davon ausgehen, dass in der Fläche mehr konsumiert wird. Und weil das alles Substanzen sind, die auch gefährlich sein können, ist zu erwarten, dass es mehr Problemfälle gibt", sagt Kramer.

Hanfpflanze 5 min
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Das Interesse der Forschung

Möglicherweise wird sich in Sachsen-Anhalt die Hanfrevolution ganz anders vollziehen als von vielen erwartet. An der Hochschule Merseburg entstand ein Netzwerk, das den Hanf als Nutzpflanze wieder stärker in den Blick nehmen will. Das wäre dann eine Bewusstseinserweiterung ohne Drogeneffekt. So planen die Forscher, Hanf als Baustoff zu verwenden. In weniger als einem halben Jahr wächst auf einem Hektar Hanf so viel Biomasse, dass damit ein Einfamilienhaus errichtet werden kann.

MDR (Uli Wittstock, Fabienne von der Eltz)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 24. November 2021 | 16:00 Uhr

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