Tausende Kinder und Jugendliche So viele Mitglieder haben Sachsen-Anhalts Sportvereine in der Corona-Krise verloren

Daniel George
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An Sport im Verein war im vergangenen Jahr aufgrund der Corona-Pandemie kaum zu denken. Einige Sportarten leiden besonders unter den Einschränkungen – andere jedoch konnten sogar Mitglieder gewinnen.

Vorstandsvorsitzender LSB Sachsen-Anhalt: Tobias Knoch 7 min
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Fr 12.03.2021 11:30Uhr 06:56 min

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Zwar dürfen Vereinsmitglieder in Sachsen-Anhalt seit dieser Woche wieder Sport treiben – kontaktlos, mit begrenzter Personenanzahl und ausschließlich im Freien. Doch die monatelangen Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie haben Auswirkungen auf das Vereinsleben: Tobias Knoch, der Vorstandsvorsitzende des Landessportbundes Sachsen-Anhalt (LSB), sagte dem MDR, dass Sachsen-Anhalts Sportvereine im vergangenen Jahr insgesamt etwa 11.000 Mitglieder verloren hätten.

"Wir hatten 357.000 Mitglieder, jetzt haben wir noch 346.000. Es zeigt sich, dass wir damit im Vergleich zu anderen Bundesländern mit drei Prozent Verlust bislang relativ gut durch die Corona-Krise gekommen sind", so Knoch, aber: "Jeder weiß, wie schwer es wird, Mitglieder zurückzugewinnen. Dass jemand austritt, geht schnell. Aber ihn zu überzeugen, zurückzukommen – da liegt eine große Aufgabe vor uns."

Treue Mitglieder auf dem Land

Warum Sachsen-Anhalt im Vergleich zu anderen Bundesländern vergleichsweise wenige Mitglieder verloren hat? In Thüringen waren es beispielsweise 16.500 Mitglieder und damit 4,5 Prozent. "Das liegt unter anderem an der Struktur", erklärt Knoch. "Wir haben viele kleinere und wenige Großvereine, die beispielsweise ein Kurssystem haben, das ausfallen musste. Den kleineren Vereinen haben die Mitglieder die Treue gehalten – besonders im ländlichen Raum."

Der Unterschied zwischen Stadt und Land sei signifikant: "Beispielsweise in der Altmark gibt es kaum Veränderungen, was die Mitgliederanzahl angeht", so Knoch. "In größeren Städten wie Magdeburg, Dessau oder Halle sieht es natürlich anders aus. Allein in Halle sind 2.000 Mitglieder weniger zu verzeichnen, in Dessau rund 1.400 und in Magdeburg ungefähr 1.200 weniger."

Junge Nachwuchsfussballer auf dem Trainingsplatz 1 min
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MDR aktuell 17:45 Uhr Fr 05.03.2021 17:45Uhr 01:11 min

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Diese Sportarten haben am meisten Mitglieder verloren

Auch zwischen den Sportarten gibt es Unterschiede. Knoch sagt: "Am meisten betroffen von Mitgliederverlusten sind die zehn größten Verbände. Und dort besonders der Behinderten- und Rehasportbereich. Dort sind mehr als 3.000 Mitglieder verloren gegangen. Wahrscheinlich auch, weil es dort eben viele Kursangebote gibt." Das heißt: immer wieder zeitlich begrenzte Mitgliedschaften und keine große Identifikation mit dem Verein, die einen zum Bleiben auch in der Pandemie bewegt. Die Hoffnung aber: Diese Mitglieder kehren auch schnell wieder in die Vereine zurück, sobald die Kurse wieder angeboten werden dürfen.

Und ansonsten? "Der Turnverband hat sehr viele Mitglieder verloren", sagt der LSB-Vorsitzende Knoch." Dort sind es 1.500 Mitglieder." Auch der Schwimmverband habe etwa 1.000 Mitglieder verloren. Aber: "Es gibt auch Gewinner in der Krise. Der Tennisverband zum Beispiel hat sogar Mitglieder hinzugewonnen." Weil Tennis mit großer Distanz im Freien gespielt werden kann. 137 Mitglieder kamen in den Vereinen hinzu.

"Das hängt eng mit der Verordnung zusammen, wie lange ein Sport im letzten Jahr durchführbar war", sagt Knoch. "Und auch damit, wie weit Online-Angebote stattgefunden haben. In manchen Sportarten wie zum Beispiel Schach oder im Radsport sind die Vereine dadurch gut mit den Mitgliedern in Kontakt geblieben." Ein weiterer Gewinner: der Landeswanderbund. Die Zahl der Neu-Mitglieder: 384.

"Ganzer Jahrgang" verloren

Eine erschreckende Zahl: 6.000 Kinder und Jugendliche haben die Sportvereine Sachsen-Anhalts verlassen. Prozentual keine sonderlich große Anzahl, absolut gesehen aber schon. "Und es ist ja nicht nur das", sagt Knoch. "Außerdem konnte ein ganzer Jahrgang nicht gewonnen werden. Kinder, die man sonst an das Schwimmen heranführt, die man an die Sportvereine heranführt. Das ging ja alles nicht, weil zum Beispiel auch keine Veranstaltungen stattfinden konnten."

Gerade beim Nachwuchs sei das fehlende Vereinsleben gefährlich: "Da ist auf der einen Seite der Bewegungsmangel. Wir beschweren uns ja so schon, dass die Kinder viel zu viel Zeit vor dem Rechner verbringen. Das ist jetzt durch Homeschooling natürlich noch verstärkt worden in der Pandemie", sagt Knoch. "Auf der anderen Seite steht der soziale Faktor: Für viele Kinder, auch aus sozial schwachen Familien, ist der Sportverein total wichtig, damit sie sich mit anderen treffen können und Werte lernen."

Forderung: "Auch wieder Sport in der Halle"

Die große Herausforderung nun: Mitglieder zurückzugewinnen. "Das ist ein viel längerer Weg als der Verlust", weiß Tobias Knoch. Wie das dennoch gelingen soll? Planungen laufen bereits: "Wir möchten verschiedene Kampagnen fahren, gerne auch mit dem Ministerium des Inneren und der Landesregierung zusammen, damit wir die Kinder und Jugendlichen wieder in Bewegung bekommen", sagt der LSB-Vorsitzende. Und: "Wir müssen den Vereinen wieder ein Ziel geben."

Beinahe täglich war der LSB in den vergangenen Monaten mit seinen Vereinen im Austausch. "Man merkt natürlich, wie lange der Lockdown nun schon dauert", sagt Knoch. "Gerade in den letzten Monaten merkt man, dass die Stimmung leicht kippt. Umso wichtiger ist, dass wir eine Perspektive haben, wieder einzusteigen. Die Unzufriedenheit ist da und gerade Eltern wollen für ihre Kinder eine Perspektive, dass sie wieder Sport treiben können."

Denn: "Wir haben für jede Sportart genaue Hygienekonzepte vorliegen. Wir haben Vereine, die auf den Startschuss warten, dass sie wieder loslegen können. Wir warten nur darauf, dass wir mehr dürfen", sagt Knoch. "Die Forderung muss auch ganz klar sein, dass man auch in der Halle wieder Sport treiben darf, dass Schwimmbäder wieder geöffnet werden. Damit man sich auch wieder in festen Gruppen treffen kann. Auch eine Teststrategie muss dabei sein, wie wir uns schnell testen können, damit wir wieder gemeinsam Sport treiben können."

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er seitdem als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur arbeitet, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

MDR, Daniel George

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 12. März 2021 | 11:30 Uhr

2 Kommentare

peterhau vor 31 Wochen

Ich drei Mädels die gerne Rhythmische Sportgymnastik machen und tanzen wollen. Seid einem Jahr werden diese durvh Haseloff und Co. ausgebremst, mit Beschlüsse wo man sich wirklich fragen muss, ob sie noch zur Krabbelgruppe gehören. Das schlimmste, sie versuchen in jeder Talkshow ihre völlige Unfähigkeit zu begründen, dass diese Unfähigkeit der richtige Weg sei!

pit vor 31 Wochen

Es ist sehr traurig für die Gesellschaft und wird noch mehr Mitglieder in den Vereinen kosten, weil die Pandemie nicht vorbei und die Regierungsleute immer weiter verkehrte Beschlüsse fassen. Und das trifft nicht nur den Sport, sondern alle anderen Bereiche genauso hart. Wer will den klick und meet, wer will sich Tage vorher im Geschäft anmelden,wer will so Kunden generieren,wer will überall eine Test machen der nichts bringt. Aber in Deutschland ist alles sehr gut gelaufen.Es gab und gibt keine unfähigen Politiker es gibt nur nörgeln de Bürger, die mit über 80 jahren stundenlang vor Impfcentren stehen wegen der gefragten spritze.

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