Interview mit einer Reiseunternehmerin über Corona "Diese Krise ist etwas, das jeden Touristiker zutiefst erschüttert"

Ferienzeit ist Reisezeit, normalerweise. Diesmal wurde dazu geraten, Zuhause zu bleiben. Wie blicken Touristiker auf Reisen in Corona-Zeiten, die trotz der Probleme versuchen, ihr Geld damit zu verdienen? Ein Interview.

Busfahrer hat Hände am Lenkrad
Aus der Politik kamen zuletzt Warnungen, nicht auf Busreise zu gehen, weil es Coronvirusfälle gab. Touristiker wie Kristin Vetter sagen: Wir haben darauf reagiert. Bildrechte: imago images/Bernd März

Die Herbstferien werden vom Coronavirus bei vielen durcheinander gebracht. Das Infektionsgeschehen ist sehr dynamisch. Die Stadt Halle – im Moment mit den meisten dokumentierten Neuinfektionen im Land – hält deshalb wie bereits im Frühjahr wieder tägliche Pressekonferenzen ab. Die Landesregierung hat lange geplante weitere Lockerungen abgesagt – Clubs und Bars etwa bleiben vorerst doch dicht. Auch in den Landkreisen reagieren die politisch Verantwortlichen. So hat der Burgenlandkreis vor dem Wochenende neue, härtere Corona-Einschränkungen beschlossen, wonach nur noch 25 Menschen privat zusammen feiern dürfen, sofern nicht fachkundig organisiert.

Und: Wovon jetzt von einigen Seiten abgeraten wurde, ist, gerade in den Herbstferien zu verreisen – weil Neuinfektionen regelmäßig auch bei Reiserückkehrern festgestellt werden. Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) bat mit Blick auf die Ferien um Zurückhaltung, auch Kanzlerin Angela Merkel. Für Hotels und Reiseveranstalter gelten Auflagen, darunter in Sachsen-Anhalt die Vorgabe, Gäste aus Risikogebieten nur unter Vorlage eines negativen Corona-Tests übernachten lassen zu dürfen.

Doch wie viele Reisen werden überhaupt unternommen? Und wie blicken Touristiker auf das Reisen in Zeiten vorn Corona, die trotz all der Probleme versuchen, ihr Geld damit zu verdienen? MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Kristin Vetter von Vetter-Touristik darüber gesprochen.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wir haben Ferien in Sachsen-Anhalt und Sachsen – genau die Region, in der Sie viele Reisebüros haben. Spüren Sie den Ferienbeginn?

Kristin Vetter: Wir spüren so wenig wie nie, dass Ferien sind. Natürlich gibt es noch Kunden, die mit uns reisen. Im Vergleich zu anderen Jahren ist das aber marginal gering.

Eine Frau im Porträt.
Bildrechte: Vetter-Touristik/Spiegelbild Fotografie/Michael Stein

Zur Person Kristin Vetter ist Geschäftsführerin bei Vetter-Tourstik. Das Unternehmen betreibt 34 Reisebüros in Sachsen-Anhalt und Sachsen. Das Pauschalreisegeschäft ist ein wichtiges Feld für den Reiseveranstalter. Zudem hat das Unternehmen ursprünglich vor 30 Jahren mit Busreise-Touristik begonnen und hat auch heute noch eine Busflotte von 14 Fahrzeugen.

Wie sieht der Start der Herbstferien normalerweise für Ihr Geschäft aus?

Unsere Kleintransportfahrzeuge hätten die Kunden abgeholt, um sie von Zuhause zu den Flughäfen zu bringen. Bei nur einer Woche Ferien in Sachsen-Anhalt wären das eher Nahziele, bei den zweiwöchigen Ferien in Sachsen sähe das aber anders aus. Wir hätten im Herbstferiengeschäft wahrscheinlich zwischen 1.000 und 3.000 Buchungen in unseren Reisebüros. Wenn ich jetzt alles zusammen nehme, sind es wahrscheinlich 100, darunter sehr viele kleine Buchungen.

Bei den Buchungen, die Sie noch verzeichnen: Was ist da gefragt?

Viel ist ja kaum noch möglich. (Wegen des Infektionsgeschehens in anderen Ländern und den damit verbundenen zahlreichen Reisewarnungen, Anm. der Redaktion) Unsere Busse fahren noch an die polnische Ostsee, das ist für die ältere Generation sehr aktuell. Viele Familien fliegen nach Griechenland, wenn sie denn fliegen wollen. Ansonsten ist bei uns gefragt: Ostsee, Mecklenburgische Seenplatte, Ferienparks in der Lüneburger Heide oder Nordsee.

Wie sicher ist denn das Reisen aus Ihrer Sicht als Veranstalter?

Für mich ist das Reisen genauso sicher wie der Aufenthalt Zuhause, sofern man sich daheim nicht einschließt. Die Hotels haben unheimlich gute Hygienekonzepte. Es gibt kontaktfreie Desinfektionsmittelspender, Reinigungen nach jeder Behandlung zum Beispiel im Kurbereich, Konzepte für die Rezeptionen und für das Personal, das die Zimmer reinigt. Das ist viel besser als das, was ich teilweise in deutschen Großstädten beobachte, wo man eng an eng sitzt.

Mittlerweile ist man so gut vorbereitet, dass es kaum Fälle gibt. Die Kreuzfahrer testen bereits per Schnelltest, bevor man das Schiff betritt. Das ist für mich die Zukunft von sicherem Reisen. Mir ist wichtig, dass unsere Kunden Sicherheit haben. Uns ist nicht geholfen, wenn wir uns nicht an Standards halten.

Wovon wir in diesen Tagen hören, zeigt ein anderes Bild: Zuletzt wurde speziell vor Busreisen gewarnt, es gab in Sachsen-Anhalt Infektionsfälle von Reisen nach Tschechien und RKI-Chef Prof. Lothar Wieler bezeichnete Mobilität als einen "Treiber in dieser Pandemie". Wie nehmen Sie das wahr, wenn Sie als Reisebranche einerseits sagen, wir machen ganz viel, während aber das Reisen und Mobilität als Problem in dieser Pandemie auffallen.

Natürlich ist Mobilität ein Treiber. Aber es ist auch ein Treiber, essen zu gehen. Es ist ein Treiber, zu Familienfeiern zu gehen – und da halte ich Reisen für weniger gefährlich, weil sich hier deutlich mehr an Standards gehalten wird. Sie sprechen mit Tschechien den Fall eines Reisebusunternehmens an, den ich natürlich kenne. Das ist nicht weit von unserem Zielgebiet gewesen. Wir haben darauf reagiert, indem wir unsere Busfahrer erneut geschult haben, dass sie die Pflicht haben, die Kunden auf die Maske hinzuweisen und das Tragen durchzusetzen. Wir reagieren auch mit technischen Erneuerungen und haben bei unseren Busreisen aufgerüstet: Ab November haben wir einen Luftreinigungsfilter, der soll 99 Prozent aller Viren und Bakterien aus der Luft filtern und 92 Prozent aller Viren und Bakterien von den Oberflächen. Das sehen wir, neben dem Desinfektionsmittelspender, der kontaktlos ist, als gutes Statement für sicheres Busreisen. Das war uns auch aufgrund der aktuellen Debatte ganz wichtig. In Flugzeugen gibt es eine solche Technik übrigens schon über die Klimaanlagen.

Bei den Hotels gucken wir uns alle an und gehen wirklich auf Nummer sicher, dass die Partner sich an die Konzepte halten.

Bei Hotels, sagen Sie, Standards seien höher, als etwa beim Besuch einer Privatfeier. Aktuell haben wir eine große Debatte zur Beherbergungsfrage: Sofern man aus einem Risikogebiet anreist, ist fürs Übernachten in Sachsen-Anhalt beispielsweise ein negativer Corona-Test erforderlich. Wie wirkt sich das, aber auch der bundesweite Regelungs-Flickenteppich auf Sie aus?

Der macht das Arbeiten sehr schwer. Ich möchte nicht in der Haut der Hoteliers stecken, die erst volle Betten hatten – und jetzt wieder Absagen. In der Tat geht es bei uns noch, weil es die Pauschalreisen wenig betrifft. Das größte Problem für uns waren die Grenzschließungen (die es im Frühjahr zum Lockdown gab, Anm. der Redaktion). Das Aktuelle verstärkt die Unsicherheit, ist aber nur das i-Tüpfelchen. Auch wir haben erneut Absagen. Die Lösung können nur Schnelltests sein. Da es sie flächendeckend noch nicht gibt, kann man das jedoch schwer als Bedingung setzen.

Aber der Einsatz von Schnelltests wäre aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Ich kann mir das als ein Weg für das nächste Jahr sehr gut vorstellen – auch für Busreisen. Sicherlich muss noch getüftelt werden, daran arbeiten wir. Jetzt ist es noch zu verfrüht. Doch bis wir einen Impfstoff haben, und selbst in der Anfangszeit des Impfstoffs, ist aus meiner Sicht eine Kombination wichtig: aus Schnelltests, aus Selbstverantwortung, aus guten Hygienekonzepten, aus Vernunft und natürlich auch aus den Grundregeln Masken, Abstand und so weiter.

Lassen Sie uns einmal auf das große Bild schauen, auf den Verlauf der Pandemie seit dem Frühjahr, als es die Reisebranche mit als Erstes traf – wie ist es Ihnen ergangen?

Diese Krise ist etwas, das die Reisebranche, jeden Touristiker, zutiefst erschüttert hat. Wir leben in einer Welt, die fernab ist von unserer Normalität. Wir sind alle sehr emotional betroffen, viele Kollegen sind in Kurzarbeit. In dem Moment, als die Krise aufgetreten ist, haben wir zum Beispiel alle Kollegen – auch aufgrund des Lockdowns – in Kurzarbeit geschickt, dann langsam wieder in die Reisebüros zurückgeholt. Unsere Reisebüros haben derzeit eingeschränkte Öffnungszeiten. Drei bis fünf Stunden am Tag, die wir über die Kurzarbeit abdecken.

Ich denke, wir haben insgesamt 30 Prozent der Einnahmen, die wir sonst in einem guten Jahr hatten. Corona-Hilfen vom Staat haben wir in der Touristik bekommen, so dass wir, beziehungsweise die meisten, davon ausgehen, mit guten Konzepten auch die nächsten Jahre zu überstehen. Wir hatten ein sehr gutes erstes Quartal, das hat geholfen. Es folgte der ganz große Einbruch, dann gab es zwischen August und September wieder ganz gute Zahlen. Und jetzt? Ist nahezu Lockdown für die Touristik. Doch wir sind noch guten Mutes, auch wenn es nicht leicht ist.

Sie haben viel darüber gesagt, was Sie alles tun, um zu versuchen, das Reisen sicherer zu machen: Können Sie verstehen, wenn Leute trotzdem sagen, sie lassen lieber die Finger davon?

Natürlich. Da kommt der Punkt Selbstverantwortung. Jeder muss für sich selbst einschätzen, was ihm wichtig ist – und wo er sich seine Freiräume trotz Covid-Zeiten nimmt.

Die Fragen stellten Mandy Ganske-Zapf und Uta Kroemer

Quelle: MDR/mg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 19. Oktober 2020 | 07:40 Uhr

2 Kommentare

wer auch immer vor 49 Wochen

In dieser Gesellschaftsordnung leben wir nur wenn sich Jeder etwas leistet.
Ob Urlaub, Möbel, Kredite, Elektronik, Autos, einfach ALLES
In dieser Situation sind viele dieser Dinge unwichtig. Das der Staat davon aber lebt, Steuern fließen wenn konsumiert wird, ist ein Desaster für uns Alle.
Keine Einnahmen, kein Geld für soziale Dinge. Irgendwann ist das Geld verbraucht.
Ob da die Goldreserven helfen ist fraglich wenn es die Menschen der ganze Erde betrifft.

Die Frage ist doch : hält sich diese Gesellschaftsform oder gibt es einen Wechsel?
Aber zu was ?


jackblack vor 49 Wochen

Panikmache- war Ende September auf Kos- Hygiene wurde dort eingehalten- es gab keinen SAUFTOURISMUS und ich habe Wärme und Entspannung genossen.

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