Klimawandel Wie sich Hitze und Trockenheit auf die Trinkwasserversorgung in Sachsen-Anhalt auswirken

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Der Klimawandel lässt in Sachsen-Anhalt die Temperaturen steigen und verändert Art und Menge der Niederschläge. Eine Folge: steigender Wasserverbrauch und gleichzeitig sinkende Grundwasserspiegel. Droht Trinkwasser hierzulande deshalb ein knappes Gut zu werden?

Wasserwerk Lindau
Im Lindauer Wasserwerk wird Grundwasser aus rund 60 Meter Tiefe zu Trinkwasser aufbereitet. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Weite Teile von Sachsen-Anhalts Osten hängen buchstäblich am Tropf einer unscheinbaren Halle am Rande des Örtchens Lindau im Kreis Anhalt-Bitterfeld. Im Inneren des Zweckbaus rattern fünf riesige Pumpen, durch meterdicke Rohre rauscht Wasser. Grün leuchtende Lämpchen in der Betriebszentrale signalisieren, dass im Lindauer Wasserwerk alles nach Plan läuft.

Täglich werden hier 20.000 Kubikmeter Grundwasser, die rund 20 Brunnen in der Region aus bis zu 60 Meter Tiefe fördern, zu Trinkwasser aufbereitet und anschließend über ein weitverzweigtes Leitungsnetz in die Haushalte der Region transportiert. Selbst im mehr als 50 Kilometer entfernten Wittenberg stammt das Leitungswasser aus dem Lindauer Wasserwerk.

"Im Einzugsgebiet dieses Wasserwerkes leben rund 150.000 Menschen", sagt Christiane Wiesner. Sie ist die Leiterin der technischen Abteilung bei der Trinkwasserversorgung Magdeburg (TWM), die in Sachsen-Anhalt insgesamt 15 Wasserwerke betreibt. Das zweitgrößte davon ist das in Lindau.

Zahl der Wasserversorgungsanlagen schrumpft

Wasserwerk Lindau
Das Wasserwerk in Lindau versorgt rund 150.000 Menschen in Sachsen-Anhalt mit Trinkwasser. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Wasserwerke wie das in Lindau, die aus Grundwasservorkommen gespeist werden, sichern etwa zwei Drittel des Trinkwasserbedarfs in Sachsen-Anhalt. Ein Drittel stammt aus Oberflächenvorkommen wie etwa Talsperren. Rund 100 Anlagen zur Wassergewinnung, -aufbereitung und -speicherung sind landesweit in Betrieb. Im Jahr 1990 waren es noch fast 700. Vor allem kleinere Wasserwerke wurden in der Zwischenzeit geschlossen – auch, weil der Wasserverbrauch nach 1990 zunächst stetig sank.

Seit einiger Zeit hat sich dieser Trend jedoch umgekehrt. "Wir stellen in den letzten Jahren einen deutlich zunehmenden Wasserverbrauch fest", sagt Christiane Wiesner. Noch liege der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch in Sachsen-Anhalt mit rund 120 Litern zwar unter dem Bundesschnitt von 140 Litern pro Tag und Person. "Aber die Spitzenverbräuche nehmen zu", so Wiesner. Ein Grund dafür seien die immer heißeren Sommer.

So funktioniert die Wasseraufbereitung im Wasserwerk Lindau

Wasserwerk Lindau
Blick in das Innere der Kiesfilteranlage. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

• Das Rohwasser wird belüftet. Dadurch reichert es sich mit Sauerstoff an und wird von natürlich enthaltenem Schwefelwasserstoff und Kohlenstoffdioxid befreit. Gelöste Eisen- und Manganverbindungen oxidieren durch die Belüftung und werden in filtrierbare Stoffe umgewandelt.
• Die Eisen- und Manganverbindungen werden mithilfe von Kiesfiltern herausgefiltert. Dabei entsteht eisenhaltiger Schlamm, der entsorgt wird.
• Durch Zugabe von sogenannter Kalkmilch wird der pH-Wert des Wassers angehoben, damit es im Rohrleitungsnetz nicht zu Korrosion kommt. Ein Mitarbeitender überwacht den kompletten Aufbereitungsprozess, der ansonsten vollautomatisch abläuft.

Eine Entwicklung, die anhalten dürfte, denn Klimaforschende prognostizieren für Sachsen-Anhalt in den nächsten Jahren immer mehr Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad Celsius. Die Trinkwasserversorgung im Land sei deswegen nicht gefährdet, beruhigt Alexander Ruhland, der Geschäftsführer der TWM. "Wir können mit unseren Anlagen auch gestiegene Bedarfsgrößen decken." Und doch stellt der Klimawandel die Wasserversorger vor Herausforderungen. Man rechne damit, dass Wasser künftig knapper werde, so Ruhland. Dann seien Politik und Behörden gefragt, einen Interessensausgleich zwischen Landwirten, Naturschutz und öffentlicher Wasserversorgung zu gestalten, wobei die öffentliche Wasserversorgung Vorrang haben müsse.

Die Bundesregierung hat sich diesem Thema bereits angenommen. Kürzlich stellte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) den Entwurf einer nationalen Wasserstrategie vor. Sie sieht vor, dass Regelungen für potenzielle Wassernutzungskonflikte gefunden werden. Außerdem werden in dem Papier verschiedene Maßnahmen aufgeführt, mit denen das Bewusstsein für Wasser geschärft und eine Überlastung der Ressourcen verhindert werden sollen.

Wo die Trockenheit messbar ist

Ein Symptom der Trockenheit sind sinkende Grundwasserspiegel. "Die Pegel kommen heute nicht mehr auf das frühere Niveau", sagt Ruhland – weil sich immer weniger Grundwasser von selbst neu bildet. "Für das Wasserwerk in Colbitz, das ebenfalls zur TWM gehört, hat sich die natürliche Grundwasserneubildung seit 1932 beispielsweise von 35.000 Kubikmeter täglich auf 23.000 bis 25.000 Kubikmeter verringert", erklärt Christiane Wiesner.

Das liege vor allem an veränderten Niederschlägen und der Landnutzung. Hinzu komme, dass durch die längeren Sommer auch die Vegetationsperioden länger dauern und Pflanzen entsprechend mehr Wasser bräuchten, das dann nicht mehr im Untergrund ankomme.

Mehr Starkregen bringt keine Entlastung

Da hilft es wenig, dass Klimaforschende künftig mit mehr Niederschlägen in Sachsen-Anhalt rechnen. Denn bei höheren Temperaturen verdunstet der Regen schneller, und auch Pflanzen verbrauchen mehr Wasser, wenn es wärmer ist. Außerdem kommen die gestiegenen Niederschlagsmengen den Prognosen zufolge vor allem durch mehr Starkregentage zustande. Doch Starkregen hilft kaum dabei, die Grundwasserspeicher wieder aufzufüllen.

Was wir bräuchten, sind langanhaltender Landregen und im Winter Schnee.

Christiane Wiesner, technische Leiterin der Trinkwasserversorgung Magdeburg

"Dadurch wird der Boden langsam durchfeuchtet, das ist gut für die Grundwasserbildung", sagt Christiane Wiesner. Starkniederschläge, wie sie künftig zunehmen sollen, flössen dagegen einfach ab und kämen nie im Grundwasser an.

Schon heute ist eine Folge der sinkenden Grundwasserpegel absehbar: Die Einzugsgebiete, aus denen die Wasserwerke das Wasser gewinnen, werden sich vergrößern. "Es könnte passieren, dass wir dadurch bis in Bereiche vordringen müssen, die aktuell nicht durch Trinkwasserschutzgebiete geschützt sind und in denen das Wasser möglicherweise nicht die gewünschte Qualität hat", sagt Christiane Wiesner.

Tiefer bohren und alte Wasserwerke reaktivieren?

Auch die Bohrtiefe müsse künftig wohl angepasst werden. Allerdings könne man nicht endlos tief bohren, sagt Wiesner. Die Beschaffenheit des Wassers ändere sich mit zunehmender Tiefe. Irgendwann könnte es dann nicht mehr so einfach und naturnah zu Trinkwasser aufbereitet werden, wie es bei den heutigen Bohrtiefen der Fall ist.

Eine weitere Möglichkeit bringt TWM-Geschäftsführer Alexander Ruhland ins Spiel: Ältere Brunnen und Wasserwerke, die in der Vergangenheit geschlossen wurden, könnten reaktiviert werden, um die Wasserversorgung zu sichern. Angesichts der schrumpfenden Bevölkerung in Sachsen-Anhalt sei aber noch unklar, ob das wirklich nötig werde.

Christiane Wiesner appelliert derweil an die Eigenverantwortung der Bevölkerung. "Während längerer Trockenperioden sollte sich jeder überlegen, ob es wirklich sein muss, das Poolwasser zu wechseln, Getränke unter dem laufenden Hahn zu kühlen oder den Rasen zu sprengen", sagt Wiesner. Werde Trinkwasser aber "sinnvoll" genutzt, sei die Versorgung langfristig gesichert – und die Lämpchen in der Lindauer Betriebszentrale leuchten auch in Zukunft grün.

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

Quelle: MDR/Lucas Riemer

8 Kommentare

nicht vergessen vor 5 Wochen

Und da haben wir schon einen der Fehler,die Meloration .
Es wurde auf teufelkomm raus trockengelegt und natürliche Speicher
beseitigt .
Heute landet das Oberflächenwasser im Klärwerk und auf dem Acker fehlst . Flutgräben gabs in jeder Gemeinde, heute Fehpanzeige.

W.Merseburger vor 5 Wochen

Ich nicht,
ich vermute Sie meinen mich mit der Meinung zur Panikmache. Wenn Sie hier beim MDR.de dieses Thema Klima, Trockenheit, Waldsterben, Missernten die ständigen Beiträge sich zu Gemüte führen, dann würden Sie vielleicht verstehen, dass nur negativ berichtet (also lamentiert) wird. Das wäre nicht so dramatisch, wenn nicht erstarkte politische Kräfte sofort die richtigen Lösungen für die Veränderungen anpreisen und Abenteuerliches durchsetzen möchten. Die Forderungen sofortige Stillegung aller AKW und Kohlekraftwerke; sofortige Trennung vom Verbrennungsmotor zu Elektroautos; auf alle Dächer Stromerzeuger durch Sonnennergie sind sind doch Utopie. Und gerade in Mitteldeutschland haben wir ein umfangreiches Netz an Wasserspeichern. vieleicht müssen wir uns daran gewöhnen, dass Talsperren als Hochwasserschutz, als Trinkwasserspeicher und für Flussregulierungen angelegt sind. Leider "missbrauchen" wir diese Wassespeicher zu viel für Naherholung und Tourismus.

Graf von Henneberg vor 5 Wochen

Sehr veehrter "Part", nach 1990 wurde die Talsperre Leibis (Trinkwasser) fertiggestellt.
Und Meloration heißt Ackerflächen enstwässern, da braucht es kein Reservoir, vielmehr eine Vorflut.

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20.09.2021 | 14:05 Uhr

Mo 20.09.2021 12:32Uhr 00:57 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/video-unfall-a-zwei-burg-100.html

Rechte: Matthias Strauss

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