Ukraine-Krieg Wie uns Hilfsbereitschaft auch selbst hilft

MDR Aktuell-Redakteur Marvin Kalies
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Bundesweit bringen Menschen Spenden zu Sammelstellen, mehrere Landkreise in Sachsen-Anhalt haben eine Online-Plattform auf die Beine gestellt, um Unterkünfte für Geflüchtete zu suchen. Psychologin Dr. Annegret Wolf von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sieht ein großes Engagement bei den Menschen. Und dieses kann uns auch selbst helfen, mit der Situation zurechtzukommen.

Soldaten helfen am Bahnhof von Lwiw ein Kleinkind in den Zug zu setzen.
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Dieses Mal fühlen wir uns sehr nah

Während es Kriege auch in anderen Teilen der Welt auch in den vergangenen Jahren schon gab und weiter gibt, scheint der Krieg in der Ukraine den Menschen in Sachsen-Anhalt besonders nah zu gehen.

Annegret Wolf Psychologin Martin-Luther-Universität Halle
Psychologin Dr. Annegret Wolf von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg spricht über die Betroffenheit im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg. Bildrechte: Christine Reißing

Psychologin Dr. Annegret Wolf von der Uni Halle erklärt, dass dies an verschiedenen Faktoren liegt. Unter anderem die räumliche Nähe sorgt für eine erhöhte Betroffenheit. Der Krieg in Syrien zum Beispiel ist viel weiter weg, als die Gefechte in der Ukraine. Zudem sei eine gewisse Ähnlichkeit wahrzunehmen. Zum Beispiel Bilder von Schutzsuchenden in U-Bahn-Stationen in Kiew sehen so aus, als könnten sie auch irgendwo in Deutschland entstanden sein.

Auch die emotionale Nähe spiele eine Rolle, weil wir vielleicht Wurzeln in den betroffenen Ländern haben, Freunde und Bekannte. Nicht zuletzt gehe es auch um die persönlichen Ängste von Menschen hier. Wie wirkt sich die Situation auf unsere Wirtschaft aus? Ein Krieg in der Ukraine – wäre das auch hier vor Ort in Deutschland möglich? All diese Faktoren und Gedanken führten dazu, dass uns die aktuelle Situation viel stärker beschäftige.

Die Demo begann in Weimar am Bahnhofsvorplatz und endete am Theaterplatz. Es kamen rund 1000 Kinder, teilweise mit ihren Eltern. 2 min
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Was gerade in der Ukraine geschieht, beschäftigt uns nicht nur, es entsetzt und verstört uns. Unser Kinder spüren das und die Nachrichten über diesen Krieg verunsichern auch sie. Wir sprechen mit einer Kinderpsychologin.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 11.03.2022 07:10Uhr 02:21 min

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Krieg macht ohnmächtig

Krieg ist laut Wolf mit das Schlimmste, was wir uns vorstellen können. Der Krieg in der Ukraine sei plötzlich gekommen und wäre in seiner Eskalationsstufe nicht vorherzusehen gewesen, erklärt sie. Er wirke auf uns unkontrollierbar. Man selbst habe den Eindruck, nicht direkt eingreifen zu können, um die Auseinandersetzung dort zu beenden. Es ist laut Wolf für die meisten von uns eine unbekannte und neue Situation, die wir vielleicht aus Geschichtsbüchern und Erzählungen kennen, aber für die wir keinen Umgang gelernt haben.

Das alles ist ein sehr guter Nährboden für Angst, für ein Gedankenkarussell.

Psychologin Dr. Annegret Wolf
Mehrere hundert Menschne protestieren mit Ukraine-Flaggen auf dem Alten Markt in Magdeburg für Frieden.
Auf dem Alten Markt in Magdeburg haben sich am vergangenen Wochenende Menschen zu einer Friedensdemo versammelt. Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Die gefühlte Hilflosigkeit führe dazu, dass sich Menschen zusammenfinden, ein Gemeinschaftsgefühl entstehe und sich Gruppen organisierten. Ein Beispiel dafür sind die Demonstrationen, die es weltweit gegen den Krieg in der Ukraine gibt. Unter anderem in Halle und Magdeburg haben sich in den vergangenen Tagen und Wochen Menschen versammelt, um für den Frieden zu demonstrieren. In Köthen hat am vergangenen Wochenende eine Malaktion auf dem Marktplatz stattgefunden. Solche Aktionen seien ein wichtiges Symbol, auch für Menschen aus der Ukraine und sie würden vielen Menschen Mut machen.

Menschen wollen helfen

Das Gefühl, ein Zeichen zu setzen, aufzustehen und etwas auch gegen die eigene Angst zu unternehmen, führe zu Hilfsbereitschaft und zeige, was für soziale Wesen Menschen sind. "Menschen wollen eine Gemeinschaft, sie brauchen sie", erklärt Wolf. Wenn wir dann noch Ähnlichkeiten zu anderen wahrnehmen würden, dann würden wir auch intensiver mitfühlen. Und das alles führe dazu, sich für andere Menschen einsetzen zu wollen.

Evolutionär gesehen ist es immer wichtig gewesen, wenn wir uns um unsere Gruppenmitglieder gekümmert haben, weil das natürlich auch das Überleben in der Gruppe gesichert hat.

Psychologin Dr. Annegret Wolf

Grundlage für das Helfen sei aber, dass man auch selbst stabil genug dafür sei. Dafür rät Wolf, sich auch immer wieder Pausen von dem tagesaktuellen Geschehen zu ermöglichen, keine Nachrichtenticker von früh nach dem Aufstehen bis zum Einschlafen zu nutzen. Damit man selbst einen kühlen Kopf bewahren, Informationen verarbeiten und mit anderen Menschen darüber sprechen kann. Es gelte dabei das gleiche Vorgehen wie im Flugzeug, wenn die Sauerstoffmasken von der Decke fallen: Nur wer sich selbst helfe, auf seine Gesundheit achte, könne auch anderen Menschen helfen, die auf Hilfe angewiesen sind.

Helfen hilft uns auch selbst

Helfen hilft laut Wolf aber nicht nur anderen Menschen, sondern auch uns selbst. Grundlegend könne man schon sagen, wenn man hilft, dann tue man auch sich selbst etwas Gutes.

Es mag egoistisch klingen - aber helfen hilft uns auch selbst, aus der Ohnmacht herauszukommen.

Psychologin Dr. Annegret Wolf

Wenn man hilft und sich selbstlos verhält, wird demnach das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert, der Selbstwert gesteigert und man fühlt sich einfach wohl. Das haben laut Wolf auch Studien bereits belegt. Diese Hilfsbereitschaft könne dann auch eine Win-Win-Situation für beide Seiten sein. Man könne sich selbst in einer beängstigenden Zeit helfen, indem man die eigene Angst überwindet, einer Situation ausgeliefert zu sein. Und durch den eigenen Mut und Tatendrang könne man dann anderen etwas Gutes tun. 

In Halle stehen viele Menschen in einer Schlange um Sachspenden für die Ukraine abzugeben.
Annahmestelle für Sachspenden in Halle Ende Februar. Bildrechte: privat

Wer plant, Geflüchtete aufzunehmen, könne sich an Beratungsstellen wenden und dort alle Informationen einholen, um ein eigenes Hilfsangebot in die Wege zu leiten. Aber auch kleinere Sachen im Alltag, wie eine kleine Spende, oder das Posten einer ukrainischen Flagge als Zeichen der Solidarität – das alles helfe dabei, aktiv zu bleiben und die Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft auch aufrecht zu erhalten.Außerdem solle das Helfen kein Wettbewerb sein. Jeder könne etwas tun, aber in seinem Rahmen. Nicht jeder könne ein Zimmer zur Verfügung stellen und viel Geld spenden, aber dafür könne man vielleicht in einer Sammelstelle aushelfen und dort sein Organisationstalent einbringen.

Wir brauchen Zusammenhalt. Und deswegen sollten wir immer weiterhelfen.

Psychologin Dr. Annegret Wolf

Selbst etwas zu unternehmen und sich für andere Menschen einzusetzen, bedeute eben auch, dass man lernt, etwas gegen die eigenen Sorgen und Ängste zu unternehmen. Weil man den Krieg nicht auf eigene Faust beenden könne, aber Betroffenen zur Seite stehen kann.

MDR (Marvin Kalies)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt Ist! Aus Magdeburg | 14. März 2022 | 22:10 Uhr

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