Sachsen-Anhalt und der Krieg gegen die Ukraine Helfen, auch direkt vor der eigenen Haustür

Ein Mann in blauem T-Shirt hält einen Stapel Papier im Arm
Bildrechte: MDR/Antonia Kaloff

Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sind Hunderttausende Menschen auf der Flucht und auf Hilfe angewiesen. MDR SACHSEN-ANHALT gibt Orientierung. Wo wird aktuell geholfen, was sind die neuesten Entwicklungen hierzulande – unser Überblick vom 4. März 2022.

Ein Demonstrantin zeigt die ukrainische Flagge. Dazu der Schriftzug: Sachsen-Anhalt und der Krieg gegen die Ukraine
Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Europa erlebt gerade eine beispiellose Welle der Hilfe und Solidarität mit Blick auf die Lage in der Ukraine und die Folgen der Menschen. Besonders krass ist die Lage an den Hotspots in Osteuropa – den Grenzübergängen, den Auffanglagern, den Knoten-Bahnhöfen. Auch Sachsen-Anhalter engagieren sich direkt vor Ort. Über diese aufopferungsvolle Arbeit haben wir in dieser Woche mehrfach berichtet.

Wie sich jeder auch zu Hause engagieren kann

Das Bedürfnis, mit anpacken zu wollen, sich einzubringen, Hilfe zu leisten – das ist ur-menschlich und das dominiert in diesen Tagen in Sachsen-Anhalt. Das Gute daran: Auch hierzulande in nahezu jedem Ort gibt es Initiativen und Projekte, bei denen sich jedermann beteiligen kann. Die Möglichkeiten sind so umfangreich, dass hier heute nur eine kleine Auswahl möglich ist:

Sachspenden – bitte nur koordiniert

Die Bereitschaft, Sachspenden abzugeben, ist in diesen Tagen besonders groß. Doch nicht alles wird benötigt und auch nicht überall. Das Bündnis "Aktion Deutschland Hilft" rät beispielsweise von Kleider-Spenden ab. Aus dem Landkreis Wittenberg haben wir erfahren, dass die Kleiderkammer in Coswig und das Sozialkaufhaus in Lutherstadt Wittenberg bereits aus allen Nähten platzen. Betten, Kühlschränke, Kleidung und Spielzeug gab es laut Landkreis zuhauf.

In Halle stehen viele Menschen in einer Schlange um Sachspenden für die Ukraine abzugeben.
In Halle standen in dieser Woche bereits Menschen an, um Sachspenden abzugeben. Nun sind auch andere Regionen Sachsen-Anhalts gefragt. Bildrechte: privat

Werden also gar keine Sachspenden mehr benötigt? – Das kommt drauf an. Der Landkreis Stendal etwa richtet gerade erst zentrale Sammelstellen für Sachspenden ein. In Tangerhütte geht es heute, um 15 Uhr los in der Straße der Jugend 1a. Osterburg öffnet das Depot morgen Früh um 9 Uhr – zu finden Am Bültgraben 12. Stendal soll in den nächsten Tagen folgen. Benötigt werden laut Landkreis vor allem Betten, Matratzen, Kleiderschränke und Möbel. Wichtig zu beachten: Wer spenden will, sollte sich zunächst kurz melden. Alle Kontaktdaten, Adressen und Öffnungszeiten der Sachspenden-Lager im Landkreis Stendal finden Sie hier.

Auch in Magdeburg werden beispielsweise noch an mehreren Stellen Sachspenden gern entgegengenommen. Die Stadt hat auf ihrer Webseite eine Übersicht veröffentlicht. Hier werden auch Hilfen und Angebote direkt vermittelt.

Die Europaschule in Dessau, das Gymnasium "Walter Gropius", startet ebenfalls eine Aktion für Sachspenden. In Zusammenarbeit mit der Deutsch-Ukrainischen Vereinigung Sachsen-Anhalt e.V. werden ab Montag, jeweils vor Schulbeginn, in der großen Mittagspause und am Nachmittag Sachspenden gesammelt – vor allem medizinisches Material, Lampen und Dauer-Lebensmittel sind gefragt.

Auf die Straße gehen

Flagge zeigen gegen Krieg und für Solidarität: Nicht nur in den Metropolen der Welt wird für den Frieden demonstriert. Mindestens genauso eindrucksvoll ist es, wenn sich auch in Sachsen-Anhalt regional Menschen zusammenfinden und auf die Straße gehen. Vorgemacht haben es in dieser Woche Halle, Magdeburg und auch Naumburg – wo am Dienstagabend eine Friedenstaube aus Kerzen auf dem Marktplatz leuchtete.

In Halle wird seit Anfang der Woche auf dem Marktplatz jeden Abend eine Mahnwache für Frieden und Solidarität mit der Ukraine abgehalten, so auch heute Abend. Beginn ist um 18 Uhr, anschließend soll es auch wieder ein Friedensgebet in der Marktkirche geben. Der Gang auf die Straße ist auch eine gute Gelegenheit, mit anderen ins Gespräch zu kommen und die drückenden Gedanken über den Krieg in der Ukraine zur Sprache zu bringen. So haben wir in dieser Woche in Halle beispielsweise diese Meinung gehört:

Ich glaube, dass die NATO langsam krassere Schritte ergreifen muss.

Demo-Teilnehmer in Halle

Auch mit Kultur Gutes tun

Die Kunstszene leistet in diesen Tagen ebenfalls ihren Beitrag. Erstes Beispiel: Das Kurt Weill Fest, das noch bis nächsten Sonntag läuft, und das Anhaltische Theater in Dessau. Gestern Abend gab es dort ein erstes Benefizkonzert im großen Haus. Heute. um 19:30 Uhr findet die nächste Veranstaltung statt: Aufgeführt werden Werke des in der Ukraine geborenen Komponisten Nikolai Kapustin. Im Anschluss gibt es einen CD-Verkauf. Diese Einnahmen sowie die Erlöse der Eintrittskarten fließen an die Ukraine-Hilfe. Infos und Tickets gibt es hier.

In Magdeburg steht am Sonntag ein Benefizkonzert für die Ukraine an. Im Rathaus können ab 16 Uhr 150 Menschen daran teilhaben. Die ukrainische Pianistin Elena Kolesnitschenko wird zusammen mit dem Rossini-Quartett in der Ratsdiele "Ernst Reuter" das "Forellenquinett" in A-Dur von Franz Schubert präsentieren. Der Eintritt ist frei. Darüber hinaus kann gespendet werden, übrigens auch auf ein Spendenkonto, das die Landeshauptstadt eingerichtet hat. Alle Infos dazu gibt es hier.

Selbst vom heimischen Sofa aus kann heute Gutes getan werden. Die ARD hat ihr Fernsehprogramm geändert. Ab 20:15 Uhr läuft im Ersten "Wir helfen – Gemeinsam für die Ukraine". In der Spendensendung wird Ingo Zamperoni mit Betroffenen und mit Menschen sprechen, die einen besonderen Bezug zur Ukraine haben. Und er zeigt berührende Geschichten von Helferinnen und Helfern, die sich für die vielen Not leidenden Menschen in der Ukraine einsetzen.

Mitmachen kann jeder und da zählt wirklich jeder Cent.

Ingo Zamperoni

Wie es Geflüchteten in Sachsen-Anhalt geht

Mindestens 250 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine sind mittlerweile in Sachsen-Anhalt angekommen. Sie erzählen erschütternde Geschichten und geben einen Eindruck, welche Last aktuell auf ihren Seelen lastet. Auch hier zwei Beispiele:

Tamara und Alexander sind aus der Millionenstadt Odessa am Schwarzen Meer per Auto bis nach Halle geflüchtet. Dabei ist Tamara hochschwanger. Vor ihrer Abreise haben sie alles zu Geld gemacht, was ging. Ihre Gedanken kreisen nun um das kommende Baby und um ihre Heimat – in die sie zurück wollen. Beide haben uns ihre Geschichte erzählt:

In Roitzsch bei Bitterfeld ist in dieser Woche Mila Buschujewa angekommen. Von Chmelnizki, einer Stadt, 350 Kilometer westlich von Kiew, ist sie mit ihrem 10-jährigen Sohn per Bahn nach Polen geflohen. Ihr Glück: Mila, sie hat als Übersetzerin in der Ukraine gearbeitet, kennt den Oberbürgermeister von Roitzsch, Mario Willer. Er hat nicht gezögert, sie nach Sachsen-Anhalt zu holen. Milas Gedanken und Sorgen sind nun bei der Familie. Bei MDR SACHSEN-ANHALT hat sie offen darüber gesprochen, was sie bewegt.

Wir sind ohne Ticket in den Zug nach Lwiw gesprungen. Dort war es dann am schlimmsten.

Mila Buschujewa

Wie sich unser Alltag gerade verändert

Die täglichen Bilder und Berichte aus den angegriffenen Orten in Kiew belasten das Gemüt. Jede Stunde ohne Nachrichten wirkt wie Urlaub. Was Erwachsene reflektieren und mit etwas Übung verarbeiten können – fällt bei Kindern schwer. Sie sind schließlich in einer Welt aufgewachsen, die keinen Krieg in Europa kennt. Wie aber kann mit ihnen über den Krieg reden? Dazu Einblicke aus einer Schule in Schönebeck:

Wagen wir abschließend noch einen globalen Blick: In Magdeburg war gestern der US-Generalkonsul für Mitteldeutschland, Ken Toko. Er hat im MDR ein Interview gegeben, und darin wurde ganz schnell klar: Aus seiner Sicht zählen im Moment Hilfe und Zusammenhalt. Für ihn nimmt Deutschland eine führende Rolle in Europa ein, weshalb eine enge Zusammenarbeit unausweichlich ist. Was Sorgen über ein mögliches Versorgungs-Problem angeht, falls russisches Gas und Öl eines Tages ausbleiben, bleibt Toko gelassen: Um die Energiesicherheit in Europa zu gewährleisten, gebe es auch Quellen in Afrika und dem Nahen Osten. Hier gibt es das vollständige Interview:

MDR (André Plaul)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 04. März 2022 | 05:00 Uhr

5 Kommentare

kleiner.klaus77 vor 29 Wochen

Zum Thema Ukraine-Krieg: Es ist ja Fastenzeit, und da geht es immer auch um kritische Selbstbesinnung. Zum Beispiel hinsichtlich der Frage, warum es nicht gelungen ist, das wirklich göttliche Geschenk von 1989/90 zu einer dauerhaften europäischen Friedensordnung zu nutzen, sondern man wieder alles verspielt hat. Die Gründe sind wie üblich in den sieben Todsünden zu suchen: die Eitelkeit, die Gier, die Wollust, der Zorn, die Maßlosigkeit, der Neid, die Trägheit und immer an das Wort vom Splitter und vom Balken denken, sprich: zuerst vor der eigenen Tür kehren!

Frau K. vor 29 Wochen

@Klaus77
Es wurde in den letzten Monaten genügend auch die Rolle des Westens beleuchtet. Auf den öffentlich rechtlichen Kanälen liefen verschiedene Dokus und auch Gesprächsrunden,
Man findet bestimmt noch einiges in den Mediatheken (Arte z.B,)
Aber trotz aller Selbstkritik ist das Verhalten des Imperialisten Putin mit
NICHTS zu rechtfertigen! Es ist eine Aggression und es wird der russischen Bevölkerung wie zu Hitler-Zeiten jegliche freie Berichterstattung entzogen. Eigentlich müssten wir langsam Flugblätter über dem Land abwerfen, denn mit der Schuld, die sie sich durch Wegschauen aufladen, werden noch Generationen leben müssen. So wie in Deutschland auch.

kleiner.klaus77 vor 29 Wochen

Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie eine Seite eines Konfliktes für Eskalationen verantwortlich gemacht und dabei tunlichst die Frage gemieden wird, welchen Anteil die eigene Seite daran hatte. Ich habe jedenfalls noch nicht die öffentliche Fragestellung gelesen, was die Medien, Politik und Politikberater (wie z. B. ein Wilfried Jilge) unternommen hätten, um diesen Konflikt abzukühlen und es nicht zu weiteren Eskalationen kommen zu lassen.
Es ist richtig, in diesem Krieg ist Russland der Aggressor - in einem Krieg, den es ohne die giftigen Zutaten des Westens nie gegeben hätte!

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