Russischer Angriffskrieg Solidarität zwischen Ukrainern und Russen in Sachsen-Anhalt

MDR SACHSEN-ANHALT-Autor Hannes Leonard steht im Profil vor einer Wand
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Der Ukraine-Krieg hat in Sachsen-Anhalt eine riesige Solidaritätswelle ausgelöst. Auch Ukrainer und Russen im Land sind zusammengerückt und helfen gemeinsam den Neuankommenden. Selbst die Sicherheitsbehörden sind vorsichtig optimistisch: Derzeit könne keine erhöhte Gefährdungslage durch den Krieg in der Ukraine festgestellt werden.

Flüchtlinge aus der Ukraine werden nach ihrer Ankunft am Hauptbahnhof von Mitarbeitern der Caritas und freiwilligen Helfern mit Lebensmitteln und Getränken versorgt.
Deutsche, Ukrainer und Russen helfen in Sachsen-Anhalt gemeinsam Neuankommenden. Bildrechte: dpa

Es gibt sie: Anfeindungen gegenüber Russen in Sachsen-Anhalt. "Wir haben Meldungen, dass russischsprachige Organisation Hassmails erhalten haben. Auch haben russischsprachige Ausländer bei Behörden im Land diskriminierende Erfahrungen gemacht", erzählt Igor Matviyets im MDR-SACHSEN-ANHALT-Interview. Der Hallenser ist beim Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (Lamsa) verantwortlich für das Beratungstelefon für russischsprachige Menschen, die von Hetze, Anfeindungen und Diskriminierung betroffen sind.

"Ich habe schon gehört, dass Reservierungen in russischen Restaurants oder Cafés reihenweise abgesagt wurden. Und ich kenne auch eine Person, die auf offener Straße angefeindet worden ist", erzählt die 25-jährige Olga Tomyuk im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. Tomyuk absolviert derzeit an der Uni Halle ihr Masterstudium. Sie selbst hat einen russischen Pass, ihr Vater stammt aus der Ukraine, ihre Mutter aus Belarus.

Ukraine-Krieg und die Auswirkungen auf Sachsen-Anhalt

Der Krieg in der Ukraine ist mehrere Tausend Kilometer entfernt. Trotzdem sind die Auswirkungen auch hier zu spüren – nicht nur beim Tanken. "Wenn ich russisch spreche, bemerke ich seit Kriegsausbruch einen anderen Blick auf mich. Die Leute sind irgendwie irritiert und schauen befremdlich", erzählt die Studentin Tomyuk. Und der Lamsa-Geschäftsführer Mamad Mohamad sagte kürzlich, dass die russischsprachigen Mitglieder vermehrt "antirussischen Anfeindungen ausgesetzt" seien.

Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt Das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (Lamsa) bietet ein Melde- und Beratungstelefon für russischsprachige Menschen an, die von Hetze, Anfeindungen und Diskriminierung betroffen sind.

Erreichbar ist das Beratungstelefon von Montag bis Freitag in der Zeit von 8.00 bis 16.00 Uhr unter der Nummer 0391 - 99078887 und über WhatsApp unter 0152- 56034747.

Mohamad forderte die Gesamtgesellschaft auf, wachsam zu sein und bei Anfeindungen und Hetze gegen russischsprachige Mitbürger Zivilcourage zu zeigen. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Mitte März vor Anfeindungen gegen Russen in Deutschland gewarnt. Fakt ist: Die Kämpfe im Osten Europas haben auch in Sachsen-Anhalt eine gewaltige Solidaritätswelle ausgelöst. Doch hat der Krieg auch negative Auswirkungen für das Zusammenleben von Russen und Ukrainern bei uns im Land?

Mehr als 70 Straftaten seit Kriegsbeginn

In Sachsen-Anhalt sind im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine insgesamt 73 Straftaten registriert worden (Stand: 04. April). "Dabei handelt es sich meistens um Drohungen oder Beleidigungen", sagt Michael Klocke vom Landeskriminalamt in Magdeburg auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT. Darunter waren 19 Ukrainer und "vier russische Staatsangehörige, die Opfer einer Straftat wurden". Das zeigt deutlich: In der Summe sind also häufiger Ukrainer Opfer von kriminellen Übergriffen.

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine führt offenbar momentan nicht zu mehr Spannungen gegenüber russischsprachigen Menschen in Sachsen-Anhalt. Eine Einschätzung, die auch Igor Matviyets vom Lamsa teilt. Beispielsweise sei in Halle einer der größten Spendensammler für die Menschen in der Ukraine die deutsch-russische Gesellschaft.

Angesichts des Krieges zwischen beiden Nationen ist es schön zu sehen, dass das Ganze nicht hier rüber geschwappt ist und beide Gruppen den Neuankommenden helfen.

Igor Matviyets Lamsa Sachsen-Anhalt
Eine junge Frau im Portrait
Olga Tomyuk studiert in Halle. Bildrechte: Olga Tomyuk

Und auch die russische Studentin Tomyuk hat seit Kriegsbeginn in ihrem Privatleben noch keine konkreten negativen Erfahrungen machen müssen. "Das war aber auch nie etwas, wovor ich Angst hatte", erzählt Tomyuk. Andererseits bemerke sie aber auch komische Blicke, wenn sie russisch spreche.

Matviyets vom Lamsa hat die große Hilfsbereitschaft völlig unabhängig von der Nationalität besonders beeindruckt. Sowohl Russen als auch Ukrainer hätten sich in der Hilfe engagiert und damit ein indirektes Bekenntnis zum friedlichen Zusammenleben gezeigt, sagt Matviyets. Dazu passt auch die Einschätzung des Landeskriminalamtes: Eine erhöhte Gefährdung durch den Ukraine-Krieg könne gegenwärtig nicht festgestellt werden.

MDR (Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 05. April 2022 | 17:00 Uhr

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