Krieg in der Ukraine Von Odessa nach Halle – drei Tage hochschwanger auf Flucht

MDR SACHSEN-ANHALT-Autor Hannes Leonard steht im Profil vor einer Wand
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Als die hochschwangere Tamara und ihr Mann Alexander aus Odessa am Schwarzen Meer von Raketen geweckt werden, beschließen sie zu fliehen. Drei Tage sind sie unterwegs, bis sie endlich in Halle angekommen. Beide sind überglücklich: Entgegen ihren Befürchtungen hat das Baby die Flucht gut überstanden – so die Ärzte am halleschen Elisabeth-Krankenhaus.

Die schwangere Tamara und Alexander aus der Ukraine stehen in einem Krankenhausflur und blicken in die Kamera.
Die Ukrainer Tamara und Alexander: Auf der Flucht vor russischen Soldaten sind die beiden bis nach Halle gefahren. Bildrechte: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle (Saale)

Tamara und ihr Mann Alexander werden am Donnerstag, den 24. Februar um fünf Uhr morgens durch einen Raketeneinschlag geweckt. Nur ein Tag später, am 25. Februar, soll eigentlich ihr Kind im ukrainischen Odessa am Schwarzen Meer das Licht der Welt erblicken. So haben es die Ärzte errechnet. "Meine Mutter hat mich angerufen und gesagt, wir sollen fliehen. Sie war sich sicher: Die Russen werden nicht stehen bleiben, die werden weiter ins Landesinnere gehen", erzählt Tamara im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT.

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Schon einmal musste Tamara vor russischen Truppen fliehen

Ihr einziger Gedanke: Wie schützen wir das noch nicht einmal begonnene Leben unseres Kindes. "Es wird ein Mädchen", erzählt Tamara im halleschen Elisabeth-Krankenhaus. Damit ist klar: Im Leben von Tamara steht die zweite Flucht vor der russischen Armee an. Bereits als sie Kind war, hat sie ihre georgische Heimat verlassen müssen, weil russische Truppen einmarschiert sind. "Als die ersten Bomben auf Odessa gefallen sind, haben wir beschlossen zu fliehen", erzählt Tamara.

Dass sich die Situation in Odessa immer weiter zuspitzt, ist für Tamara und Alexander schon in den Tagen zuvor absehbar. Schon lange haben sie befürchtet, dass Russland auch in die Schwarzmeer-Stadt Odessa einmarschiert. Deshalb hat Unternehmer Alexander in den Tagen vor dem Raketeneinschlag alles zu Geld gemacht, was er konnte.

Baby soll nicht ohne Schutz auf die Welt kommen

Damit hat er die Angestellten seiner Firma ausgezahlt, den Verwandten das restliche Geld, was die beiden entbehren konnten, gegeben und dann sind sie ins Auto in Richtung Deutschland gestiegen. "Drei Tage waren sie unterwegs", erzählt Elfie Hünert, ihre Betreuerin im Elisabeth Krankenhaus in Halle. "Die größte Sorge von Tamara war, dass das Kind noch im Bauch bleibt, damit es nicht ungeschützt auf dem freien Feld geboren wird, ohne Schutz", erzählt Hünert weiter.

Die Fluchtroute führt die beiden durch die Republik Moldau, Rumänien, Slowenien und Österreich. Eine Strecke von knapp 2.000 Kilometer, für die die beiden drei Tage brauchen. Sie fahren teilweise über kleine Ausweichrouten, weil auf den Hauptverkehrsstraßen viele andere Ukrainer unterwegs sind und dadurch schwer durchzukommen ist. Auch an den Grenzübergängen kommt es deshalb immer wieder zu großen Verzögerungen.

Ärzte versichern: Baby hat die Flucht gut überstanden

Ihr Ziel: Halle an der Saale. Dort kennen sie den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Max Privorozki, der ebenfalls aus der Ukraine kommt. Nur Stunden nach der Ankunft in der Saalestadt meldet sich der Ärztliche Direktor des Elisabeth-Krankenhauses, Chefarzt Hendrik Liedtke, in der jüdischen Gemeinde und fragt, ob er angesichts der Ereignisse in der Ukraine irgendwie helfen könne.

Er kann: Tamara und Alexander bekommen ein Zimmer im Krankenhaus und werden medizinisch versorgt. "Tamara hatte große Sorgen, dass das Kind während der Flucht möglicherweise zu Schaden gekommen ist. Insofern war es sehr schön, dass wir wenige Stunden nach Ankunft Erleichterung schaffen konnten", sagt Chefarzt Hendrik Liedtke im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. Das Baby sei gesund und habe vom Stress der Eltern hoffentlich wenig mitbekommen, so der Liedtke weiter.

Tamara und Alexander wollen schnellstmöglich zurück

"Tamara macht das wirklich toll", sagt Betreuerin Hünert, "dafür, dass sie unter so großem Stress und Anspannung steht." Normalerweise konzentriere man sich in den Tagen vor der Geburt nur noch darauf. Tamara und Alexander haben dazu noch ihre Flucht organisieren müssen. Jetzt versuche sie Ruhe zu bewahren und sich auf das Baby zu konzentrieren. Auch ihr Mann unterstütze sie hervorragend, erzählt Hünert.

Aber klar sei auch, dass das Herz momentan in der Ukraine sei, sagt die Betreuerin. "Sie machen sich sekündlich Sorgen um ihre Familien", erzählt Hünert. Für Tamara und Alexander ist auch klar: Sie werden sobald es geht in ihre Heimat zurückkehren. "Es ist wichtig, dass die Ukraine weiter jede erdenkliche Hilfe bekommt", sagt Alexander. Geld könne man an dieses Konto spenden: Ministry of Social Policy of Ukraine, DE85 5000 0000 0050 0021 37. Unter Tränen ergänzt Tamara: "Wir brauchen jede Hilfe – unsere Frauen und Kinder sterben auf grausamste Weise."

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MDR (Hannes Leonard, Stefan Bringezu)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 03. März 2022 | 16:10 Uhr

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