Polnisch-ukrainische Grenze Von weinenden Müttern und gefassten Kindern

Seit Wochenbeginn ist Daniel Krüger als freiwilliger Helfer an der Grenze zwischen Polen und der Ukraine unterwegs. Er unterstützt Flüchtlinge, verteilt Spenden und berichtet auf seinem Twitterkanal über die Menschen, die er trifft. So ist eine beeindruckende Liste von Flüchtlingen und Helfern entstanden. Für MDR SACHSEN-ANHALT hat er seine Eindrücke in einem Gastbeitrag zusammengefasst.

Nina aus #Cherkasy. Und die 9 Monate alte Eleonora. Sie sind 4 Tage Auto gefahren bis hierher. Nun wollen sie weiter nach Genua.
Nina aus Cherkasy und die neun Monate alte Eleonora. Sie sind vier Tage Auto gefahren bis zum Grenzübergang. Nun wollen sie weiter nach Genua. Bildrechte: Daniel Krüger

Seit 4 Tagen bin ich nun in Przemyśl an der ukrainischen Grenze als Freiwilliger unterwegs. Ich fahre Menschen von A nach B, mache Einkäufe und sehr oft dolmetsche ich zwischen Polen und Menschen aus aller Welt, die Deutsch oder Englisch sprechen. Vor allem aber treffe ich viele Menschen und versuche, ihnen zuzuhören.

Ständig sehe ich hier Frauen und Kinder, die sich vor ein paar Stunden oder gar Minuten von ihren Männern und Vätern verabschiedet haben. Mit Tränen in den Augen kommen die Frauen an und drehen sich weg, um ihren Kindern nicht zu zeigen, dass sie weinen.

Unternehmer Daniel Krüger aus Magdeburg hilft Geflüchteten an der ukrainischen Grenze.
Bildrechte: Daniel Krüger

Daniel Krüger ... wohnt in Magdeburg und ist Chef einer Kommunikationsfirma. Seit Wochenbeginn ist Krüger als freiwilliger Helfer an der Grenze zwischen Polen und der Ukraine unterwegs.

Diese Ankünfte sind die intensivsten Momente hier, wenn die Frauen realisieren, dass sie nun raus sind aus dem Krieg, aber auch weg von zu Hause und den Männern. Diese Frauen beeindrucken mich sehr. Sie sind sehr stark und man kann sehen, dass viele der jungen Frauen mit dem russischen Angriff quasi über Nacht erwachsen und stark geworden sind.

Nach Grenzübertritt wird neues Leben organisiert

Sie organisieren eine Reise ins Ungewisse für sich und ihre Kinder. Die Verwandten in Polen und anderen Ländern müssen informiert werden und Geld muss transferiert werden. Die Kinder brauchen Schlafplätze und Essen und während der vielen Organisation müssen die Kinder beaufsichtigt werden, um nicht verloren zu gehen in Przemyśl, einer Art postmodernem Babylon.

Gleichzeitig bangen die Frauen um die Leben der Männer, die nun kämpfen. Oft höre ich Telefonate, die ich nicht wirklich verstehen muss, um zu wissen, dass es gerade eine schreckliche Nachricht gab. 

Geflüchtete Kinder sind sehr gefasst

Der achtjährige Flüchtling Bogdan isst sein Mittagessen.
Der achtjährige Flüchtling Bogdan: "Ganz normal, Krieg". Bildrechte: ARD.de

Wie in jedem Krieg sind zuerst Kinder die Opfer. Ich erlebe hier sehr gefasste Kinder. Wenn ich genau nachdenke, habe ich bisher weniger Kinder weinen gesehen, als Mütter. Ich habe den Eindruck, dass viele der Kleinen wissen, dass Krieg ist, aber nicht erfassen, was das bedeutet. Wie sollten sie auch!?!

Ich erinnere mich an den kleinen Bogdan aus Lviv, der auf meine Frage, wie es ihm ginge, meinte: "Normal, Krieg." Dabei lächelte er vergnügt und nahm noch etwas Kartoffelbrei. Er vermisst die Schule nicht, aber seine Freunde sehr. Bogdan ist acht Jahre alt.

Männer bleiben zum Kämpfen in der Ukraine

Auf der anderen Seite der Grenze lassen die Ukrainer keine Männer zwischen 18 und 60 Jahren raus. Darum kommt Roman aus Lviv regelmäßig mit seinem Kleinbus, um Sachen für sein Wohnviertel zu holen. Er ist etwa Mitte 60. Das Auto ist komplett überladen und er kann kaum vorne hinaus schauen, weil auch in der letzten Ecke der Windschutzscheibe noch Lebensmittel gestapelt werden.

Unter Tränen sagt mir Roman, dass er seine Stadt nicht verlässt. "Wir gehen nicht weg, keiner. Sie sollen kommen, wir sind da." Sein Sohn und zwei Enkel kämpfen nun in der Armee und verteidigen Lviv. Ich klopfe ihm auf die Schulter und weiß doch, dass ihm das nicht hilft.

Hilfe für Geflüchtete muss gut organisiert werden

Der Ukrainer Iwan hilft Geflüchteten an der polnisch-ukrainischen Grenze.
Iwan aus der Ukraine hilft in Polen Geflüchteten: Putin hat geschafft, dass wir alle zusammenstehen. Bildrechte: Daniel Krüger

Und dann erinnere mich an Iwan. Er kommt aus Odessa und hat bis vor Kurzem in Polen studiert. Er ist 21. Seine ganze Familie ist noch in der Ukraine. Er hat Angst um sie, ist aber überwältigt von der Welle der Hilfsbereitschaft, die ganz Polen überrollt. Nun hilft er selber mit. Er sagt, dass die Polen seiner Meinung nach oft etwas herablassend waren zu den Ukrainern. "Aber Putin hat geschafft, dass wir nun alle zusammenstehen."

Hilfe ist überhaupt ein großes Thema. Es gibt einerseits sehr viel Bedarf in der Ukraine und andererseits sehr viel Hilfe in Polen und anderen Ländern, auch in Deutschland. Nun müssen die beiden Dinge zusammen gebracht werden. Das ist ein  Nadelöhr, das im Moment niemand durchdringt, aber es wird. Mit Przemyśl ist eine Stadt mit 65.000 Einwohnern quasi über Nacht zum Drehkreuz der Weltpolitik geworden. Die Behörden sind nun dabei, das zu ordnen, aber das dauert ein paar Tage.

Gebraucht werden Medikamente, haltbare Lebensmittel

Was hier nicht mehr gebraucht wird, sind Klamotten. Hier liegen Berge an Altkleidern herum. Wirklich wichtig sind Arzneimittel und medizinische Geräte. Dazu Konserven, Suppenpulver, Wasser und Gaskocher. Die Russen zerstören zuerst die Infrastruktur und die Menschen haben kein Wasser und Gas zu Hause.

Wer so etwas hat, soll es bitte sortiert verpacken und gut beschriften. Oder gleich kartonweise kaufen. Aber natürlich bleibt immer auch der Weg einer Spende an professionelle Organisationen.

Menschen sortieren Spenden. 11 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Ende bleibt die Frage: Warum das Ganze. So viel Leid, Tod und Trauma. Die Sinnlosigkeit ist himmelschreiend, denn es ist klar, dass auch in diesem Krieg niemand gewinnt. Darum sei mir ein drastiches Ende erlaubt. Ich beende hier in Przemyśl diesen Kommentar mit den Worten von Oleksandra, der Mutter des kleinen Bogdan aus Lviv. Sie sagte mir: "Fuck Putin."

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MDR (Daniel Krüger, Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 03. März 2022 | 10:10 Uhr

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