Fotomontage: Junge Menschen im Büro zeigen auf Kalender mit Vier-Tage-Woche
Viele Erwerbstätige würden gern weniger arbeiten, auch in Sachsen-Anhalt. Dier Vier-Tage-Woche kann das ermöglichen – aber nicht in jedem Fall. (Symbolbild) Bildrechte: imago/PhotoAlto/MDR

Arbeitszeitmodelle im Überblick Vier Tage arbeiten, drei Tage frei: Nischenthema oder Trend?

17. Juni 2023, 15:00 Uhr

Mehr Zeit für Familie und Hobbys, weniger arbeiten – das wünschen sich Studien zufolge viele Erwerbstätige. Die Vier-Tage-Woche wird seit einiger Zeit heiß diskutiert. Wir zeigen, wie die Situation in Sachsen-Anhalt ist.

Das Interesse an der Vier-Tage-Woche ist da, bestätigt Susanne Wiedemeyer. "Viele Beschäftigte wünschen sich kürzere und flexiblere Arbeitszeiten", sagte die Landeschefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) MDR SACHSEN-ANHALT, "weil sie mehr Zeit für Familie und Freizeit haben wollen oder die Pflege vom Angehörigen einen immer größeren Platz einnimmt." Und auch Studien zeigen das: Laut einer Umfrage der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sprechen sich 73 Prozent der Befragten für eine Arbeitszeitverkürzung aus – allerdings nur bei gleichem Lohn. 17 Prozent lehnen eine Vier-Tage-Woche ab. Zu ähnlichen Zahlen kommt auch eine repräsentative Umfrage des Versicherers HDI.

"Das Thema ist auf jeden Fall in der massenmedialen Debatte angekommen", sagt Philipp Frey, Arbeitsforscher am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. An der Forderung der Gewerkschaft IG-Metall nach der Vier-Tage-Woche für die Beschäftigten der Stahlindustrie könne man erkennen, dass das Thema ein Massenphänomen sei. "Zumindest für die 70.000 Beschäftigten dieser Branche", schränkt Frey augenzwinkernd ein.

Vier-Tage-Woche ist bereits Realität

Ein Dienstag Ende Mai in Magdeburg: Das Deutsche Rote Kreuz und die Gewerkschaft Verdi haben zu einer großen Pressekonferenz geladen. Stolz wird verkündet: Man werde die Vier-Tage-Woche vor allem in der Pflege einführen. Die Einigung sei bundesweit einmalig in der Sozialwirtschaft. Ab dem kommenden Jahr gelte der neue Tarifvertrag, der für die Beschäftigten beim Kreisverband Sangerhausen im Süden Sachsen-Anhalts nur noch vier Arbeitstage pro Woche vorsieht.

Bei dem Hoch- und Dachbauunternehmen Gorgas und Leinetaler aus Sangerhausen läuft der Versuch seit rund einem halben Jahr. Anfang des Jahres sei die Vier-Tage-Woche für alle Mitarbeiter eingeführt worden, die nicht im Büro arbeiteten. Statt 40 Stunden müssten sie nur 36 Stunden arbeiten. Freitags sei ohnehin meist nur ein halber Tag gewesen, das könne jetzt an den vier Tagen ausgeglichen werden. "Dadurch sparen wir uns auch zum Beispiel Sprit- und Fahrzeugkosten", sagte der Geschäftsführer Dustin Lichtenecker.

Wie viele Menschen in Sachsen-Anhalt arbeiten in einer Vier-Tage-Woche?

Konkrete Zahlen, in wie vielen Firmen in Sachsen-Anhalt eine Vier-Tage-Woche gilt, gibt es nicht. Eine solche Statistik führe man nicht, erklärte die Agentur für Arbeit auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT. Auch die Industrie- und Handelskammern in Halle und Magdeburg können dazu nichts liefern. Selbst die Wissenschaftler vom arbeitgebernahen Institut für angewandte Arbeitswissenschaft in Düsseldorf winken ab. Dazu liege kein Zahlenmaterial vor, heißt es.

Für den Großteil der Unternehmer im Land spielt diese Debatte keine Rolle.

Jan Pasemann, Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband Sachsen-Anhalt

"Es gibt immer wieder einzelne Betriebe, die die Vier-Tage-Woche eingeführt haben", sagte Martin Mandel, Sprecher des DGB Sachsen-Anhalt. Aber ein Massenphänomen sei dieses Arbeitszeitmodell hierzulande definitiv noch nicht. "Für den Großteil der Unternehmer im Land spielt diese Debatte keine Rolle", sagte Jan Pasemann, Sprecher der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände Sachsen-Anhalt.

Heißt Vier-Tage-Woche: Gleiches Geld für weniger Arbeit?

Unter dem Schlagwort "Vier-Tage-Woche" werden ganz unterschiedliche Arbeitszeitmodelle zusammengefasst und meist ist nicht klar, was genau gemeint ist. "In Belgien zum Beispiel wurde ein Gesetz erlassen, dass man seine reguläre Arbeitszeit, rund vierzig Stunden pro Fünf-Tage-Woche, auch in vier Tagen erledigen darf", erläutert Arbeitsforscher Philipp Frey. Vollzeit-Arbeitnehmer dürfen dort am Tag länger arbeiten, damit alle erforderlichen Stunden in vier Tagen geleistet werden können.

So etwas finde auch in Deutschland schon recht häufig statt, sagt Wissenschaftler Frey. "Da wird dann beispielsweise vier mal neun Stunden gearbeitet und stellt damit auch schon eine kleine Arbeitszeitverkürzung dar." Anders beim "80/100-Modell": Für achtzig Prozent der Arbeitszeit gibt es 100 Prozent Lohn. "Das scheint mir auch international der Goldstandard zu sein", so Frey.

Welche Erfahrungen gibt es mit der Vier-Tage-Woche?

Vier Tage arbeiten und drei Tage Wochenende bei gleichem Lohn – darüber konnten sich zuletzt in Großbritannien über 3.300 Beschäftigten zunächst für sechs Monate freuen. Nach dieser Testphase war der Großteil der beteiligten Firmen nachhaltig davon überzeugt. 56 von 61 Arbeitgebern gaben an, die Vier-Tage-Woche beibehalten zu wollen, wie die Forscher mitteilten. Die Ergebnisse beruhen allerdings auf der Auswertung von Unternehmen, die sich freiwillig zur Teilnahme gemeldet hatten. Eine zufällige Auswahl gab es nicht.

Bei dem britischen Projekt machten sowohl Unternehmen aus dem Finanzsektor, der IT- und Baubranche sowie der Gastronomie oder dem Gesundheitswesen mit. Darunter waren auch welche mit Schichtbetrieb. Auch in anderen Ländern wird mit der Vier-Tage-Woche experimentiert, darunter Irland, Island, Belgien oder Australien.

Kann die Vier-Tage-Woche funktionieren?

In Island zeigte eine Studie unter 2.500 Beschäftigten, dass die Produktivität bei einer Vier-Tage-Woche und meist reduzierter Arbeitszeit größtenteils gleich blieb oder besser wurde. Die Forschenden in Großbritannien registrierten bei den beteiligten Unternehmen, dass die Krankheitstage während des Testzeitraums um rund zwei Drittel (65 Prozent) zurückgegangen sind. Dazu ist die Zahl der Angestellten, die in dieser Zeit das Unternehmen verlassen haben, um mehr als die Hälfte (57 Prozent) gefallen. Etwa vier von zehn Beschäftigten geben an, sich weniger gestresst zu fühlen als vor Beginn des Projektes. Durchschnittlich sei der Umsatz der beteiligten Firmen um 1,4 Prozent gestiegen, so die Forschenden. "Die Vier-Tage-Woche kann man überall einführen", ist Arbeitsforscher Philipp Frey überzeugt.

Was halten Gewerkschaften und Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt von der Vier-Tage-Woche?

Bei den Gewerkschaften in Sachsen-Anhalt hat man den Wunsch vieler Beschäftigter vernommen, weniger zu arbeiten. "Das gelingt aber nur, wenn die Vier-Tage-Woche eine tatsächliche Arbeitszeitverkürzung vorsieht und nicht nur die überschüssigen Stunden auf die restlichen Arbeitstage umschichtet", macht Sachsen-Anhalts DGB-Chefin Susanne Wiedemeyer.

Nur vier Tage arbeiten, bei vollem Lohnausgleich kann nicht funktionieren, meint Jan Pasemann von den Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden Sachsen-Anhalt. Das gleiche einer Lohnerhöhung von zwanzig Prozent. Aber solche Argumente gab es schon, als es die Forderung nach einem arbeitsfreien Samstag aufgekommen ist. Damals hat es "Samstags gehört Vati mir" geheißen. Und das ist ja inzwischen Realität.

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MDR (Hannes Leonard), dpa

19 Kommentare

nasowasaberauch vor 25 Wochen

Die 4-Tage Woche ist pseudo. Weniger Arbeit für das gleiche Geld gibt es nicht. Jeden Tag 2 Stunden mehr arbeiten mag gehen, wenn man jung ist und auch da ist es fraglich, ob die gleiche Leistung einer 5-Tage Woche erzielt wird. Einzig der Arbeitgeber spart dabei am 5. Tag die Energie und hat Mitarbeiter, die an diesem Tag einen Sonderauftrag abarbeiten. Kannst du nicht mal morgen...?

wuff vor 25 Wochen

Wenn man sich darauf konzentriert hätte, mehr in die Menschen zu investieren, die für ein Unternehmen arbeiten, anstatt hohe Renditen an unternehmensfremde zu zahlen, wäre sicher heute alles besser.

Arbeitende Rentnerin vor 25 Wochen

Doch, z.B. Rentner und zwar um es anderen ein bisschen schön zu machen und die voll Berufstätigen zu entlasten. Dafür bin ich im Forum schon als gierig beschimpft worden, wie man es macht, macht mans verkehrt

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