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Erneuerbare EnergienHart am Wind: Sachsen-Anhalts Windbranche fordert mehr Standorte für Windräder

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 29. August 2021, 14:10 Uhr

Bei den erneuerbaren Energien spielt die Windenergie in Sachsen-Anhalt derzeit eine zentrale Rolle. Verglichen mit anderen Bundesländern liegt Sachsen-Anhalt bei der Windkraft sogar an der Spitze. Allerdings müssen in den nächsten Jahren die Standorte für Windkraft erweitert werden. Das dürfte nicht ohne Widerspruch bleiben.

Ist man unterwegs auf der A9 oder der A2 und passiert die Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt, dann bräuchte man eigentlich kein Hinweisschild. An den großen Windparks, die sich am Horizont entlang ziehen, wird deutlich, dass man durch Sachsen-Anhalt fährt. Die Rotorblätter gehören inzwischen zur Landschaft, so wie einst die rauchenden Schlote von Buna und Leuna.

Doch während in den meisten Industriebereichen Sachsen-Anhalt im Bundesvergleich eher abgehängt ist, so liegt das Land bei der Windkraft in der Spitzengruppe. Zwar gingen in den letzten Jahren bei der Produktion der Windräder rund zweitausend Jobs im Land verloren, doch Dank der installierten Windkraft kann Sachsen-Anhalt derzeit rund 58 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien beziehen – das ist bundesweit ein Spitzenwert.

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Alte Anlagen werden ersetzt

Allerdings drehen sich Windräder auch bei guter Wartung nur rund zwanzig Jahre. Dann ist nämlich der TÜV fällig und es stellt sich die Frage, wie bei einem alten Auto: Lohnt sich der Aufwand noch, oder sollte man das Windrad lieber verschrotten und stattdessen ein modernes in Betrieb nehmen? Im Fachdeutsch wird das als "repowering" bezeichnet. "Die neuen Anlagen sind in der Regel höher und haben eine deutlich bessere Effizienz" sagt Felix Langner, Geschäftsführer von Sachsen-Anhalts Landesverband Erneuerbare Energie.

Der Verband ist ein Lobbyverein, der sich für den Ausbau der erneuerbaren Energie stark macht. Aus Sicht des Verbandes wird sich die Frage nach einer Umrüstung in den nächsten Jahren für jedes dritte Windrad in Sachsen-Anhalt stellen, denn zahlreiche Rotoren drehen ihre letzten Runden und werden demnächst ausgemustert.

#MDRklärt Darum passen Sachsen-Anhalt und Windkraftwerke gut zusammen

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Quelle: MDR/Max Schörm Bildrechte: MDR/Max Schörm

Zu wenige Flächen

Doch es gibt ein Problem, denn nicht nur die Windräder könnten verschwinden, sondern mit ihnen auch die Standorte. In den ersten Jahren waren nämlich die Vorgaben zum Aufbau der Windräder nicht sehr streng. Das hat sich inzwischen jedoch geändert, so Felix Langner: "Es gibt nun sogenannte Windvorranggebiete, die der Gesetzgeber festgelegt hat. Nur an diesen Stellen darf man ein Windrad errichten und an anderen eben nicht. Viele der Bestandsanlagen stehen allerdings in Gebieten, die nicht mehr als Windvorranggebiete ausgewiesen sind." Dort also werden keine neuen Windräder mehr in Betrieb gehen.

Zwei-Prozent-Ziel

Derzeit ist in Sachsen-Anhalt etwa ein Prozent der Landesfläche als Windvorranggebiet ausgewiesen und nur dort darf die Aufstellung von Windrädern überhaupt geplant werden. Felix Langner fordert nun mehr solcher Vorrangflächen für die Windkraft: "Ein Prozent der Landesfläche reicht nicht aus, um unseren Bestand an Anlagen zu sichern. Und deswegen lautet unsere Forderung, dass man zwei Prozent der Landesfläche für Windkraftanlagen bereitstellt und dies auch entsprechend gesetzlich festlegt." Das scheint in Sachsen-Anhalts Politik als Forderung inzwischen auch angekommen zu sein, denn im Koalitionsvertrag von CDU, SPD und FDP ist von einem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energie die Rede.

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Kritik an Ausbauplänen

Doch in vielen Regionen des Landes ist mit Kritik zu rechnen, denn die Windkraft sorgt vor Ort, dort also, wo sich die Räder drehen, zunehmend für Unmut. Es sind nahezu ausnahmslos westdeutsche Investoren, die in Sachsen-Anhalts Windparks investieren, sodass die Gewinne auch in den Westen fließen. Zugleich jedoch sperren sich viele westdeutsche Regionen gegen einen Ausbau der Windkraft, mit dem Verweis auf Beeinträchtigung der Lebensqualität. Dass aber ohne einen weiteren Ausbau der Windenergie die deutschen Klimaziele nicht eingehalten werden können, steht außer Frage. Doch vor allem im Süden der Republik sind Windräder ausgesprochen selten im Landschaftsbild.

Auch Felix Langner kennt dieses Problem und die Vorbehalte gegen einen weiteren Ausbau. Die Politik habe darauf reagiert: "Inzwischen können die betroffenen Gemeinden mit 0,2 Cent pro Kilowattstunde an den Einnahmen der Windparks beteiligt werden. Da wird also ein finanzieller Anreiz geschaffen."

Mehr Bürgerbeteiligung

Eines der großen Versprechen der Energiewende hat sich bislang aber nicht erfüllt, nämlich die Idee der dezentralen Versorgung, unter Umgehung der Konzerne. Denn wenn keine Kohle- und Atomkraftwerke mehr gebraucht werden, braucht man eigentlich auch keine Großkonzerne mehr zur Stromproduktion.

Die Idee von Energiegenossenschaften, die sich vor Ort zusammenschließen ist nicht neu, bekommt nun aber auch politische Rückendeckung: "Bürgerbeteiligung ist die beste Möglichkeit, dass Menschen direkt mitgenommen werden. Wenn ich selbst Teil des Projekts bin, werde ich informiert, bin in den Entscheidungsprozess eingebunden und habe Mitspracherecht", sagt Felix Langner. Solche Projekte würden wenig bis gar keinen Widerstand mehr produzieren.

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Energiegenossenschaften sind Thema der Koalitionsgespräche

Auch bei den Koalitionsverhandlungen von CDU, SPD und FDP spielte das Thema eine Rolle. In Zukunft sollen solche Energiegenossenschaften besonders gefördert werden. Im Koalitionsvertrag findet sich auf Seite 67 folgender Hinweis:

Wir wollen Projekte unterstützen, bei denen die örtliche Bevölkerung direkt von einem Ausbau an erneuerbaren Energien profitiert. Um die Akzeptanz für die Anlagen der erneuerbaren Energien zu erhöhen werden wir Anreize für Bürgerenergie schaffen. Damit erhöhen wir auch die regionale Wertschöpfung und schaffen Transparenz bei der Errichtung und Planung von Anlagen.

Auszug aus dem Koalitionvertrag von CDU, SPD und FDP

Wohnungsbaugenossenschaften erfreuen sich ja hierzulande großer Beliebtheit, warum also sollte dieses Genossenschaftsmodell nicht auch im Energiebereich erfolgreich sein.

Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den AutorGeboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und kommentiert die politische Entwicklung in Sachsen-Anhalt.

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Quelle: MDR/Uli Wittstock, Sarah Peinelt

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT | 26. August 2021 | 12:00 Uhr

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