Lieferengpässe für Geschenke "Nicht lieferbar": Wie ein Ascherslebener Spielzeugladen die Vorweihnachtszeit erlebt

Stefan Bernschein
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Das Computerspiel, die Couch, das neue Mobiltelefon: immer häufiger sind Waren nicht lieferbar. Was Automobilherstellern und Bauindustrie schon länger Sorgen bereitet, trifft nun auch zunehmend die Verbraucher. Grund sind gestiegene Rohstoffpreise, höhere Frachtkosten und vor allem Corona. Das bekommen auch kleine Händler um die Ecke zu spüren. Was das für Weihnachten bedeutet? Ein Beispiel aus Aschersleben.

Immer wieder schüttelt Ulrike Bormann den Kopf: "Nein, tut mir leid. Ist alles rot." Bormann sitzt in einer winzigen Nische – hinter ihr bunte Ordner und grell verpacktes Spielzeug. Auf dem Monitor vor sich scrollt sie mit der Maus durch lange Listen. Bei fast allen ist ein roter Punkt zu sehen: ausverkauft, derzeit nicht lieferbar.

Ulrike Bormann, Mitarbeiterin in einem Spielzeugladen in Aschersleben
Ulrike Bormann erlebt, dass aktuell einige Spielzeuge nicht lieferbar sind und sucht mit ihren Kunden nach Alternativen. Bildrechte: MDR/Stefan Bernschein

Ulrike Bormann arbeitet in einem Spielzeugladen in Aschersleben. Ein Traditionsgeschäft seit 1953. Auch sie ist schon viele Jahre dabei, doch an solche Lieferprobleme wie derzeit kann sie sich nicht erinnern. Eine Ursache für die roten Punkte auf dem Bildschirm: die extrem gestiegenen Frachtkosten für Schiffe, denn fast 90 Prozent der in Europa verkauften Spielwaren stammen aus China.

"Die Container aus Asien sind wahnsinnig teuer geworden. Nicht mehr 2.000 Euro ein Container, sondern 12.000 Euro! Damit wird alles weniger, Vieles ist dann einfach nicht mehr da", so Bormann. Obwohl niemand wusste, wie sich die Pandemie entwickelt und ob die Geschäfte überhaupt öffnen dürfen, haben sie und ihre Chefin optimistisch vorgesorgt:

Wir haben schon im Sommer für Weihnachten eingekauft – und zwar so, als wenn es ‚normale‘ Weihnachten wären. Unser Vertreter hat uns vorgewarnt, dass viele Sachen vorm Fest dann nicht mehr lieferbar sind.

Ulrike Bormann, Mitarbeiterin im Spielzeugladen in Aschersleben

Probleme der Spielwaren-Industrie

Die Tür geht auf. Ein Kunde fragt nach dem ‚Bauernhof mit Pferd‘ eines bekannten deutschen Spielzeugherstellers. Erneut muss Ulrike Bormann den Kopf schütteln: "Tut mir leid. Wir haben zwar noch ein Exemplar, aber das ist schon reserviert." Der Mann zieht besorgt die Brauen hoch, dann beginnt die Suche nach einer Alternative.

Bormann erzählt, dass es der Spielwaren-Industrie an Kunststoffen fehle – und das sei nicht das Einzige. "Solche interaktiven Spielzeuge sind auch knapp." Bormann holt aus einem Regal eine große plastikverpackte Puppe hervor: "Das ist die singende Elsa. Die haben wir jetzt noch einmal besorgen können – aber jetzt ist die auch nicht mehr lieferbar." Elsa kann singen, weil sie Elektronik verbaut hat, doch die winzigen elektronischen Bauteile dafür sind ebenfalls knapp.

Ulrike Bormann, Mitarbeiterin in einem Spielzeugladen in Aschersleben, mit der singenden Puppe Elsa.
Zum Beispiel ist die singende Puppe Elsa nicht lieferbar, weil ihre elektronischen Bauteile knapp sind. Bildrechte: MDR/Stefan Bernschein

Ifo-Institut: Händler sind pessimistisch

Was die Betreiber des Spielzeugladens schildern, deckt sich mit den Angaben des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München (Ifo). Dort hatte man in einer Umfrage ermittelt, dass die Firmen noch bis zum kommenden Sommer mit Lieferengpässen rechnen. "Die Produktauswahl wird zu Weihnachten und lange danach eingeschränkt sein", sagt der Leiter der Ifo-Umfragen, Klaus Wohlrabe. Die Fahrradhändler sind demnach am pessimistischsten, sie erwarten 18 Monate Lieferprobleme, die Möbelhändler 12,5 Monate. Die Spielzeug-Einzelhändler gehen von rund elf Monaten aus, die Baumärkte von 10,3 Monaten.

Über die Lieferengpässe diskutieren diese Expertinnen und Experten am Montag, 6. Dezember, bei FAKT IST! ab 20:30 Uhr im Livestream und ab 22:10 Uhr im MDR FERNSEHEN:

Ein Mann vor einem Spielzeugregal
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Ist Weihnachten damit in Gefahr?

Was also, wenn der gewünschte Artikel in der aktuellen Situation nicht zu haben ist? Professor Georg Felser, Experte für Wirtschafts-Psychologie und Konsumenten-Verhalten an der Hochschule Harz, rät zu Ehrlichkeit:

Professor Georg Felser, Experte für Wirtschafts-Psychologie und Konsumenten-Verhalten an der Hochschule Harz
Professor Georg Felser Bildrechte: MDR/Stefan Bernschein

Ich würde die Leute, die ich beschenke, an Heiligabend nicht enttäuschen wollen. Die Erwartungen sind mitunter so konkret – vor allem bei Kindern. Deshalb würde ich schon vorab durchscheinen lassen, was man bekommen hat und was nicht.

Professor Georg Felser, Experte für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Harz

Für manche Kinder sei es ein Trost, dass es auch den Altersgenossen so ergehe, weil viele Dinge derzeit nicht zu haben sind. Außerdem verweist Felser darauf, in solchen Zeiten die starke Ritualisierung des Festes zu durchbrechen. "Indem man Weihnachten vielleicht irgendwie anders feiert, also zum Beispiel an einem anderen Ort. Das kann ja schon im Haus ein anderer Ort sein. Das kann natürlich bei Oma, Opa, Tante sein. Die Kinder merken dann, dass diesmal nicht alles genau so ist wie immer. Das kann es ein bisschen durchbrechen."

Playmobilfigur von Martin Luther mit Feder in der Hand 1099 min
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MDR JUMP Mi 24.11.2021 05:20Uhr 1098:48 min

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Stichprobe: Kunden trotz Lieferschwierigkeiten gelassen

Bedeuten die Lieferketten-Probleme jetzt, dass die Menschen nervös werden? MDR SACHSEN-ANHALT macht in Wernigerode eine Straßenumfrage: "Ich bin der Meinung, wir kriegen alles. Und wenn nicht, kriegt mein Freund etwas Selbstgemachtes“, sagt eine junge Frau mit Brille. Ein Mann mit Kinderwagen kommt uns entgegen: "Also ich mache mir da nicht so Gedanken drüber." Und wenn es nicht klappt mit den Geschenken? "Ich glaube keiner in meiner Familie wäre ernsthaft böse."

Das sehen auch zwei Freundinnen so, die ganz in der Nähe stehen: "Nein, da mache ich mir eigentlich keinen Gedanken", sagt eine von ihnen. "Ich schenke sowieso eigentlich lieber was Persönliches. Irgendwas, das man zusammen machen kann. Momentan ist es zwar schwierig mit Aktivitäten, aber dann vielleicht im nächsten Jahr. Vielleicht wird es wieder besser."

Dass es wieder besser wird, darauf hofft auch Ulrike Bormann aus Aschersleben. Der Laden ist bis unter die Decke voll mit Spielzeug. "Wir haben so viele Artikel hier. Und wenn etwas aus ist, dann gucken wir nach Alternativen. Unsere Kunden sind uns treu. Statt im Netz zu shoppen, kaufen sie lieber bei uns. Wir können uns hier ja noch richtig Zeit nehmen und beraten. Und die meisten sind dann flexibel. Eine Puppe Elsa, die nicht singen kann, die gibt es zum Beispiel noch."

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Dieses Thema im Programm: MDR FAKT IST! | 06. Dezember 2021 | 22:10 Uhr

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