Podiumsdiskussion in Halle Welche Auswirkungen der Klimawandel auf Sachsen-Anhalt hat

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Hitzewellen, Starkregen, Waldbrände: Der Klimawandel hat auch für Sachsen-Anhalt gravierende Folgen. Klima-Experten und Sachsen-Anhalts Umweltministerin haben online darüber diskutiert. Die wichtigsten Fragen und Antworten aus der Debatte.

Autos und Menschen auf überschwemmter Straße
Extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen und Starkregen können durch den Klimawandel öfter und heftiger auftreten. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Hanns-Georg Unger

Die Erde erwärmt sich, das Klima verändert sich. Sachsen-Anhalt hat das dritte Dürrejahr in Folge hinter sich. Was kommt durch den Klimawandel noch auf Sachsen-Anhalt zu? Diese Frage diskutierten am Freitag Sachsen-Anhalts Umweltministerin Claudia Dalbert (Die Grünen), Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Josef Settele, Departmentleiter Naturschutzforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und Ernst Rauch vom Rückversicherungsunternehmen Munich RE.

Welche Wetterereignisse sind Folgen des Klimawandels?

Aufgrund der Erderwärmung können extreme Wetterereignisse häufiger werden. Das sei für Hitzewellen bereits belegt, erklärt Klimaforscher Stefan Rahmstorf in einem Youtube-Video. So lagen die fünf heißesten Sommer Europas alle in den vergangenen 20 Jahren. Hitzewellen seien "stille Killer". Bei Hitzewellen sterben überdurchschnittlich viele Menschen.

Ebenfalls gut belegt ist laut Rahmstorf, dass extreme Regenfälle durch Klimawandel zunehmen. Der Grund dafür: Warme Luft kann mehr Wasser aufnehmen, dass sich dann aber auch wieder abregnen muss. Starkregen kann zu Überschwemmungen führen. Auch tropische Wirbelstürme und eine höhere Waldbrandgefahr ließen sich auf den Klimawandel zurückführen. Zudem habe der Klimawandel Einfluss darauf, dass Extremwetter-Situationen, etwa Hitzewellen, länger anhielten, sagt Rahmstorf.

Sachsen-Anhalts Umweltministerin Claudia Dalbert sagt bei der Diskussionsrunde am Freitag: "Unser Erleben in Sachsen-Anhalt ist schon, dass wir mitten in der Klimakrise leben." Allein in diesem Jahrhundert habe es in Sachsen-Anhalt bereits drei "Jahrhundert-Hochwasser" mit starken Überschwemmungen gegeben. Sie verweist zudem auf die Winterstürme 2017/2018 und die Trockenheit und Hitze der vergangenen zwei Jahre. Auch 2020 sei zu warm und zu trocken gewesen.

Welche Kosten verursacht der Klimawandel?

Extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen hinterlassen Schäden – und damit auch hohe Kosten. Ernst Rauch, Klima-Experte eines Versicherungsunternehmens, berichtet, dass die Schadenshöhe, die deutschlandweit durch Naturkatastrophen verursacht wurde, seit 1980 zugenommen habe. Dabei gebe es einige Spitzen, etwa die Überschwemmungen der Jahre 2002 und 2013. Diese beiden Ereignisse hätten jeweils volkswirtschaftliche Schäden von mehr als zehn Milliarden Euro verursacht. Auf Sachsen-Anhalt könne er die Schadenssummen jedoch nicht herunterbrechen, da diese Daten nur auf nationaler Ebene erhoben würden.

Der Anstieg der Schäden durch extreme Wetterereignisse ließen sich nicht nur auf den Klimawandel zurückführen, erklärt Rauch. Die absoluten Summen stiegen auch etwa wegen der Inflation. Zudem sei Wohnen am Wasser beliebt, sodass in Wassernähe eher immer mehr Häuser stehen. Heißt bei einem Hochwasser: mehr betroffene Häuser, höherer Gesamtschaden.

Gegen Schäden durch Überschwemmungen oder Stürme kann man sich versichern. Rauch zufolge sind aber vor allem gegen Überflutung bisher nur wenige versichert. Bei steigendem Schadensrisiko müssten aber Versicherungsprämien steigen. Und dann werde die Versicherung zu einer sozialen Frage: "Man muss sich Versicherung leisten können", fasst Rauch zusammen. "Es ist nicht hilfreich, ein Problem zu lösen, wenn Sie damit ein neues Problem generieren.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die Natur in Sachsen-Anhalt?

Weltweit habe das Artensterben in den vergangenen Jahren stark zugenommen, sagt der Agrarwissenschaftler Settele. Ein Auslöser des Artensterbens sei der Klimawandel. Als ein Beispiel nennt Settele in Sachsen-Anhalt den Auwald in der Region bei Halle und Leipzig. Dort würden viele Eschen wachsen. Diese seien durch die Trockenheit der vergangenen zwei Jahre, die mit dem Klimawandel zusammenhänge, und Käferbefall sehr geschädigt worden. Settele zufolge kann es sein, dass die Esche in dieser Region bald nicht mehr wachsen könnte. Mit dem Sterben der Eschen sei auch eine Schmetterlingsart bedroht, die vor allem in Auwald verbreitet sei: der Eschen-Scheckenfalter.

Durch den Klimawandel verschieben sich auch die Jahreszeiten. So beginnen etwa die Schneeglöckchen in Sachsen-Anhalt immer früher zu blühen. Diese Verschiebung kann problematisch sein. Wenn zum Beispiel Obstbäume früher zu blühen beginnen, als die Bienen ausfliegen, könne es zu Problemen bei der Bestäubung kommen. Das wiederum wirkt sich auf die Ernte aus.

Deutlich sichtbar werden die Folgen des Klimawandels auch bei den Wäldern in Sachsen-Anhalt. Im Harz hat die seit 2018 anhaltende Trockenheit großflächig Fichten absterben lassen, erinnert Umweltministerin Dalbert. Fünf Prozent der Waldfläche in Sachsen-Anhalt sei derzeit kahl. Bei der Wiederaufforstung setze das Land auf eine Fünf-Baumarten-Strategie, erklärt Dalbert. Das bedeutet, dass mehrere Baumarten unterschiedlichen Alters gepflanzt werden. Statt Monokulturen entstehen also klimastabilere Mischwälder. Bei der Wiederaufforstung auf verschiedene Baumarten zu setzen, sei eine gute Lösungsstrategie, sagt auch Settele. Denn Diversität sei wünschenswert.

Was ist das Worst-Case-Szenario: Wie könnte Sachsen-Anhalt ohne Klimaschutz 2050 aussehen?

Claudia Dalbert beschreibt, welche Probleme Sachsen-Anhalt bekommen könnte, sollte in den nächsten 30 Jahren nichts gegen die Erderwärmung getan werden: Die Städte würden aufgrund zunehmender Hitze weniger lebenswert sein. Es würde in Sachsen-Anhalt Konflikte um Wasser geben. Es sei unklar, wie sich die Landwirtschaft entwickeln würde, was überhaupt noch angepflanzt werden könnte. Denn der Niederschlag im Sommer würde wohl ausbleiben und sich in die kühleren Monate verschieben, so Dalbert.

Rauch ergänzt, dass Schäden durch Hitze, Flut oder Dürre zunehmen könnten. Dabei müsse diese Zunahme nicht linear sein. Die Schäden könnten auch exponentiell ansteigen.

Wie können wir die Erderwärmung stoppen?

Damit sich die Durchschnittstemperatur der Erde nur um etwa zwei Grad erwärmt, müssen die CO2-Emissionen gesenkt werden – und zwar mittelfristig auf null. Da waren sich die Diskutierenden einig. Denn CO2, Kohlenstoffdioxid, ist ein Treibhausgas, das die Erderwärmung maßgeblich verursacht.

CO2 entsteht zum Beispiel in den Sektoren Energie und Verkehr. Die wichtigste Maßnahme, um die CO2-Emission zu reduzieren, ist aus Sicht von Rahmstorf ein "realistischer CO2-Preis". Das Umweltbundesamt habe ausgerechnet, dass eine Tonne CO2 eigentlich 180 Euro kosten müsste, so Rahmstorf. Dieser Preis müsse nach dem Verursacherprinzip gezahlt werden, sodass nicht die Allgemeinheit alle Kosten tragen müsse, sondern diejenigen, die das CO2 ausgestoßen haben.

Rahmstorf betont außerdem: Auch wenn die CO2-Emissionen irgendwann auf null gesenkt seien – Deutschland will das laut Klimaschutzplan bis 2050 schaffen – sei das bereits ausgestoßene Kohlenstoffdioxid dann noch nicht weg. CO2 habe eine lange Halbwertszeit, es werde noch zehntausende Jahre in der Atmosphäre bleiben. Die Folgen der Erderwärmung würden also noch lange spürbar sein. Darum sieht Rahmstorf im Klimawandel eine ernstere Krise als in der Corona-Pandemie. Der Klimawandel solle daher auch als Krise behandelt werden, aber ohne zu verzagen, "denn wir kennen eigentlich die Lösungsmöglichkeiten".

Wie kann sich Sachsen-Anhalt an den Klimawandel anpassen?

Eben weil die Klimakrise noch länger anhalten wird, geht es nicht nur darum, die Erderwärmung aufzuhalten. Wir müssen uns auch an den Klimawandel anpassen.

Dalbert zählt dazu mehrere Maßnahmen aus dem Klima- und Energiekonzept auf, die das Land Sachsen-Anhalt ergreifen will. Dazu gehört der Umbau der Wälder zu klimastabilen Mischwäldern. Dazu gehört auch eine Umstellung der Landwirtschaft: Landwirte hätten den vergangenen drei Jahren massiv gelitten. Dalbert rät Landwirtinnen zur Versicherung gegen Dürre und zu Diversifizierung. Zum Beispiel könnten sich Bauern durch einen Hofladen oder eine Biogasanlage ein zweites Standbein schaffen.

Darüber hinaus müsse sich die Stadtplanung ändern, so Dalbert. In Städten sei es heißer als im Umland. Dagegen würden Begrünung und Frischluftschneisen helfen. Zudem habe das Land vom Bund 4.000 Hektar gekauft, die für den Hochwasserschutz eingesetzt werden sollen. Rauch fügt hinzu, dass im Hochwasserschutz in Deutschland regional bereits viel getan worden sei, wodurch Schäden nach einer Überschwemmung zurückgegangen seien. Zudem sei eine schnell wirkende Form der Anpassung, das eigene Haus hochwasser- und hagelfester zu machen.

Die Podiumsdiskussion zum Nachschauen

Die Diskussionsrunde, die online stattgefunden hat, haben Fridays for Future Halle und die Wissenschaftsakademie Leopoldina gemeinsam organisiert. Hier können Sie die Debatte noch einmal ansehen:

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT – in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Mehr zum Thema

Trockener Kartoffel-Acker  (einzelne Kartoffeln liegen auf trockenem Boden)
Trockener Kartoffel-Acker Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs

Quelle: MDR/mh

6 Kommentare

Denkschnecke vor 49 Wochen

"Für den flyover state Sachsen-Anhalt ist der Klimawandel eigentlich unerheblich."
Wenn Sie das meinen - ich habe die Bilder von der Elbe 2013 noch vor Augen.

Denkschnecke vor 49 Wochen

Ihr Argument scheint trotz komplett anderer Faktenlage wirklich unausrottbar zu sein: Die Rolle der Überbevölkerung wird massiv überschätzt. Schauen Sie im Global Carbon Atlas nach: Mit Ausnahme von Indien haben alle Länder mit besonders hohem Bevölkerungszuwachs CO2-Emissionen, die weit unter dem europäischer Länder liegt. Zentralafrikanische Familien müssten Geburtenraten von deutlich über 10 haben, um auch nur ansatzweise in die Größenordnung Westeuropas zu kommen. (Haben Sie aber nciht, um gewissen Legenden vorzubeugen.) Und im Vergleich zu Indien generieren Sie und ich pro Kopf immer noch viereinhalb mal so viel CO2.
Warum also schieben gewisse Kreise alles auf die Überbevölkerung? Einfach weil es eine so bequeme Ausrede ist. (Außerdem bleiben SIe den Beweis schuldig, dass Sie sich in der Klimaforschung besser auskennen als Prof. Rahmsdorf.)

Michael Stein vor 49 Wochen

Sie haben in Ihrer Aufzählung der „Kernprobleme beim Kampf gegen den Klimawandel“ den Lebensstil der reichen und wohlhabenden x Prozent bei uns und auf diesem Planeten großzügig unter „etc“ zusammengefaßt.
Eine nette Geste, aber wenn in 30 Jahren meine kleine Enkeltochter nicht mehr wissen sollte, wie sie ihr Leben auf einem „verbrannten“ Planeten leben soll, wird nicht die bis dahin hinzugekommene Bevölkerung in vornehmlich armen und bitterarmen Staaten dafür verantwortlich sein, sondern eben die wenigen x Prozent reicher und wohlhabender Menschen - zum Beispiel auch wir und unser offensichtlicher Unwillen, unseren absurd konsumorientierten Lebensstil zugunsten unserer Kinder und Enkel zu ändern.

Mehr aus Sachsen-Anhalt