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IslamFragen und Anworten zu muslimischem Leben in Sachsen-Anhalt

von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 22. Februar 2020, 10:03 Uhr

In Sachsen-Anhalt ist die Frage, wieviele Muslime hier leben, gar nicht so einfach zu beantworten. Was schätzen Sie? Die Auflösung gibt es im ersten Teil unserer Reihe zu muslimischem Leben.

Angefangen hat meine Recherche zu muslimischem Leben in Sachsen-Anhalt mit einer einfachen Frage: Wie viele Menschen hier sind denn überhaupt Muslime? Einfache Frage, einfache Antwort – dachte ich. So war es aber nicht.

Das Problem bei der Suche nach einer Antwort: Die Zugehörigkeit zu einer Religion wird von keiner Behörde erfasst. Das gilt für den muslimischen Glauben ebenso wie etwa für Buddhisten. Das Statistische Landesamt Sachsen-Anhalt teilte mir auf Nachfrage mit, dass keine Angaben zur muslimischen Religionszugehörigkeit erhoben werden. Auch im letzten Zensus von 2011 war eine Angabe der Religion freiwillig.

Trotzdem ist es bei Christen möglich, die Zahl der Gläubigen in Sachsen-Anhalt herauszufinden. Christliche Kirchen führen Kirchenbücher, in denen zum Beispiel Taufen und Todesfälle verzeichnet werden. Außerdem müssen Kirchenmitglieder Steuern zahlen. Auch die Finanzämter wissen demnach, wie viele Christen es gibt.

Unter fünf Millionen Muslime in Deutschland

Solche Anlaufstellen gibt es für Zahlen zu Muslimen nicht. Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ist daher auf Hochrechnungen angewiesen. Für Ende 2015 geht das BAMF in der Studie "Wie viele Muslime leben in Deutschland?" von 4,4 bis 4,7 Millionen Muslimen in Deutschland aus. Das entspricht zwischen 5,4 und 5,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Berücksichtigt sind dabei auch Geflüchtete, die bis einschließlich 2015 nach Deutschland gekommen sind. Die Hochrechnung kombiniert dafür freiwillige Angaben zur Religion aus dem Zensus 2011 mit Daten der Asylgeschäftsstatistik. Denn beim Asylantrag wird auch die Religionszugehörigkeit der Geflüchteten erhoben.

Zahlen zu den einzelnen Bundesländer enthält die Studie aber nicht. Ich rufe deshalb die Autorin der Studie an, Anja Stichs und frage sie nach den Zahlen für Sachsen-Anhalt. Anja Stichs erklärt mir aber, dass es nicht möglich sei, auf Grundlage dieser Hochrechnung für ganz Deutschland auf die Zahl der Muslime in einem Bundesland zu schließen. Allerdings sei davon auszugehen, dass der Anteil der Muslime an der Bevölkerung Sachsen-Anhalts niedriger sei als der von ganz Deutschland. Das heißt: Weniger als 5,7 Prozent der Sachsen-Anhalter – also weniger als 125.000 Menschen – sind Muslime. Genaueres lasse sich aus einer bundesweiten Hochrechnung aber nicht ableiten, sagt Stichs. Für mich geht die Suche nach einer Zahl also weiter.

Schätzungsweise 25.000 Muslime in Sachsen-Anhalt

Die Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" gibt ebenfalls geschätzte, aber regional spezifischere Zahlen her. Demnach wohnten nur etwa zwei Prozent aller deutschen Muslime in den ostdeutschen Bundesländern (ohne Berlin). Das sind weniger als 100.000 Muslime in ganz Ostdeutschland. Aber diese Angaben sind von 2008. Sie berücksichtigen also nicht die Zuwanderung von Geflüchteten um 2015, unter denen auch Muslime waren.

Schließlich finde ich auf der Webseite von Salam Sachsen-Anhalt eine Zahl. Salam Sachsen-Anhalt ist eine Beratungsstelle, die mit Präventionsarbeit Kinder- und Jugendliche vor islamistischer sowie islamfeindlicher Radikalisierung schützt. Dort heißt es zu Muslimen in Sachsen-Anhalt:

Schätzungen gingen zuletzt von mehr als 25.000 Menschen mit muslimischem Hintergrund, davon bis zu 4.000 in Moscheegemeinden aktiven Gläubigen aus.

Salam Sachsen-Anhalt

Der Projektleiter von Salam Sachsen-Anhalt, Hans Goldenbaum, sagte mir, dass die 4.000 aktiven Gläubigen aus Schätzungen der islamischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt hervorgehen. Dabei gehe es um die Zahl derer, die regelmäßig zum Freitagsgebet oder aber zu den wichtigen Feiertagen wie dem Zuckerfest in die Gemeinden kämen.

Wer ist Muslim?

Muslimische Frauen in Magdeburg beim Gebet (Archivbild) Bildrechte: MDR/ Jana Merkel

Überhaupt sei nicht klar, wer genau denn als Muslim gezählt werden solle. "Wen meinen wir damit?", fragt Goldenbaum. Gehe es um alle Menschen, die sich selbst als Muslime begreifen? Oder nur um diejenigen, die regelmäßig eine islamische Gemeinde besuchen?

Da es in Sachsen-Anhalt nur wenige Gebetsräume gebe, würden manche Muslime wegen weiter Anreisen vielleicht aber gar nicht in die Gemeinde kommen, gibt Goldenbaum zu bedenken. Außerdem sei der Islam eher informell strukturiert und individuell. Manche, gerade religiöse Frauen, lebten ihre Gläubigkeit im Privaten. Hinzu kämen Menschen, die sich selbst zwar etwa wegen ihrer Herkunft oder Familie als Muslime bezeichnen – für die Religion im Alltag aber keine große Rolle spiele, so Goldenbaum. Diese Gruppe gebe es im Islam genauso wie etwa im Christentum.

Aktuellere Zahlen für Deutschland erst 2021

Die geschätzten 25.000 Muslime umfassen all diese Menschen in Sachsen-Anhalt. 25.000 Menschen, das entspricht nur etwas mehr als einem Prozent aller Sachsen-Anhalter. "Manche schätzen die Zahl mittlerweile auch auf etwa 30.000", sagte Goldenbaum. Doch davon geht er nicht aus. Zum einen gebe es derzeit weniger Zuwanderung von Geflüchteten als etwa 2015. Zum anderen würden einige Geflüchtete, die in Sachsen-Anhalt angekommen seien, in andere Bundesländer abwandern.

Aktuellere Daten dazu, wie viele Muslime in Deutschland leben, lassen noch ein wenig auf sich warten. Im April 2021 soll eine neue Studie mit dem Titel "Muslimisches Leben in Deutschland 2019" erscheinen. Unter anderem soll es darin dann eine neue Hochrechnung zur Zahl der Muslime geben.

Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die AutorinMaria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

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Quelle: MDR/mh

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