Ruhestandswelle und fehlender Nachwuchs Zahnärztemangel in Sachsen-Anhalt – in welchen Landkreisen eine Unterversorgung droht

Elisa Sowieja-Stoffregen
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Sachsen-Anhalt erwartet eine Ruhestandswelle bei Zahnärzten und Kieferorthopäden. Doch schon jetzt findet sich für jede zweite Praxis kein Nachfolger. Die Regionen sind unterschiedlich stark betroffen. Gegengesteuert wird mit finanzieller Förderung und einer Studienplatzquote für Bewerber, die später in Sachsen-Anhalt auf dem Land arbeiten wollen.

Ein Zahnarzt begutachtet die Zähne einer Frau, während eine Zahnarzthelferin mit einem Absauger assistiert.
Künftig müssen sich wohl immer mehr Patienten einen neuen Zahnarzt suchen, weil ihrer in Rente geht und keinen Nachfolger findet. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

  • Christiane Schliephake aus Burg gehört zu den vielen Zahnärzten im Land, die kurz vor der Rente stehen und keinen Nachfolger für ihre Praxis finden.
  • Einen Grund für das Nachwuchsproblem sieht die Kassenzahnärztliche Vereinigung in der Anziehungskraft von Medizinischen Versorgungszentren in finanzstarken Großstädten.
  • Zur Bekämpfung des drohenden Zahnärztemangels sollen unter anderem finanzielle Anreize und ein enger Austausch zwischen Nachwuchs und älteren Zahnärzten beitragen.

Christiane Schliephake klingt, als hätte sie sich abgefunden. Keine Aufregung in ihrer Stimme, keine Appelle in ihren Worten. Verstehen kann sie es trotzdem nicht. Für ihre gut laufende Zahnarztpraxis in Burg im Jerichower Land, einen Katzensprung von Magdeburg und Berlin entfernt, findet sie keinen Nachfolger. Im Sommer will sie in den Ruhestand gehen. Was dann mit ihren Patienten passiert? "Ich weiß es leider nicht", sagt sie und schüttelt ratlos den Kopf.

Christiane Schliephake ist Zahnärztin in Burg. 1 min
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Zahnärztin Christiane Schliephake spricht über ihre erfolglose Nachfolgersuche

MDR SACHSEN-ANHALT Mi 17.11.2021 15:05Uhr 00:16 min

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Künftig werden sich wohl häufiger Patienten in Sachsen-Anhalt einen neuen Zahnarzt suchen müssen. Bis zum Jahr 2030 gehen voraussichtlich rund 800 der aktuell 1.400 niedergelassenen Zahnärzte und Kieferorthopäden im Land in Rente. Das besagt eine Prognose der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV), die für die Sicherstellung der Versorgung mit Zahnärzten zuständig ist. Doch schon jetzt findet sich für jede zweite Praxis kein Nachfolger. Der Versorgungsgrad sinkt laut Vorhersage in vielen Kreisen auf unter 70 Prozent. In der Börde und dem Jerichower Land sackt er demnach sogar auf unter 35 Prozent ab, denn dort sind schon jetzt viele Praxen dicht. Deutlich besser ist die Lage etwa in Dessau und im Landkreis Stendal. In diesen Regionen geht laut KZV erst später ein größerer Schwung Zahnärzte in Rente. Auch in Zukunft wird jeder einen Zahnarzt finden, versichert die Vereinigung. Der Weg wird wohl aber für viele weiter sein.

Das besagt der Versorgungsgrad

Wie viele Zahnärztinnen und -ärzte eine Region braucht, um versorgt zu sein, hängt davon ab, wie viele Menschen dort leben. Die KZV berechnet daraus den Versorgungsgrad. Bei 100 Prozent ist eine optimale Versorgung gewährleistet. Liegt der Wert bei mehr als 110 Prozent, spricht die Vereinigung von einer "Überversorgung". Ein Versorgungsgrad von unter 50 Prozent gilt als "Unterversorgung".

Kollegen in der Region sind ausgelastet

Am liebsten hätte Christiane Schliephake schon vor zehn Jahren jemanden in ihre Praxis geholt. "Das hätte zum Beispiel eine junge Frau sein können, die in der Übergangszeit noch ihre Kinder bekommt." Doch schon damals meldete sich auf ihre Anzeige auf dem Onlineportal der KZV nicht ein Mensch. Vor einigen Monaten begann die Zahnärztin, intensiver zu suchen – über mehrere Internetseiten und persönliche Kontakte. Die einzigen Rückmeldungen, erzählt sie, kamen von zwei Migranten. "Da hätte aber die Anerkennung der ärztlichen Ausbildung bis zu zwei Jahre gedauert." Ihren Ruhestand aufschieben will Christiane Schliephake jedoch nicht. "Ich bin 66, das reicht dann glaube ich."

Wenn sich bis zum Sommer kein Nachfolger findet, muss sie nicht nur auf eine Ablösesumme für ihre Praxis verzichten, sondern zahlt sogar noch für die Spezialentsorgung der Geräte. Aber der Verkaufserlös bereitet ihr bei der Nachfolgersuche am wenigsten Sorgen, sagt die Burgerin. "Es tut mir um meine Patienten leid." Für sie wird es schwierig, in der Stadt einen neuen Zahnarzt zu finden. "Hier sind alle Kollegen ausgelastet." Außerdem schließt eine Zahnärztin um die Ecke im Sommer ihre Praxis gleich mit ab.

Was mache ich, wenn ich keinen Zahnarzt finde?

Patienten mit akuten Schmerzen müssen in jeder Praxis behandelt werden. Das ist gesetzlich geregelt.

Alle anderen Patienten, die in ihrer näheren Umgebung keinen Zahnarzt finden, können sich an die Kassenzahnärztliche Vereinigung wenden. Sie hilft bei der Suche in der weiteren Umgebung. Erreichbar ist sie per Telefon unter 0391/629 30 00 und über ein Kontaktformular.

Weshalb sie keinen Nachfolger findet, kann Christiane Schliephake nur mutmaßen. "Vielleicht schreckt einige ja die Selbständigkeit ab. Aber da müssen Sie die jungen Leute selbst fragen." Die Kassenzahnärztliche Vereinigung hat schon nachgefragt – und zwar bei den Zahnmedizin-Absolventen an der Martin-Luther-Universität Halle. Dort werden 40 Studierende im Jahr fertig, im Schnitt bleiben aber nur zehn von ihnen im Land. In einer Umfrage wollte die Vereinigung unter anderem die Gründe wissen, die gegen Sachsen-Anhalt sprechen. Neben der Infrastruktur und mangelnden Jobperspektiven für den Partner führten die Absolventen vor allem eine schlechtere Bezahlung an.

Das Geld ist auch aus Sicht der Kassenzahnärztlichen Vereinigung ein wichtiger Grund, weshalb viele junge Zahnärzte lieber in eine andere Region gehen. Nicht nur, dass es hierzulande weniger Privatpatienten gibt als zum Beispiel in Niedersachsen. "Da Sachsen-Anhalt weniger finanzkräftig ist als andere Gegenden, nehmen sowohl Kassen- als auch Privatpatienten weniger Zusatzleistungen in Anspruch", erklärt Dr. Jochen Schmidt, Vorstand der KZV.

Ein Hörsaal voller Studierender mit Maske.
In Halle werden jährlich 40 Zahnmedizin-Studenten fertig. Doch im Schnitt bleiben nur 10 in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Medizinische Versorgungszentren ziehen Nachwuchs in Großstädte

Verschärft wird dieser Nachteil ihm zufolge durch Medizinische Versorgungszentren (MVZ). Sie vereinen mehrere Ärzte unter einem Dach, ähnlich den Polikliniken zu DDR-Zeiten. In wirtschaftlich starken Großstädten gibt es besonders häufig MVZ, dort arbeiten teils Dutzende Zahnärzte. "Für viele junge Menschen ist eine Anstellung in solch einer Region besonders attraktiv", erklärt Schmidt. "Dadurch wird die Verteilung der Zahnärzte in Deutschland immer ungleicher. Diese Entwicklung ist tödlich für den ländlichen Raum." Seiner Meinung nach sollte der Bund die Zentren weiter einschränken.

Praxislotsen und eine Landarztquote bei Studienplätzen sollen helfen

Um das Nachwuchsproblem in Sachsen-Anhalt in kleinen Schritten zu lösen, haben die KZV und die Zahnärztekammer im Land eine lange Liste an Maßnahmen zusammengestellt: Dazu gehören eine finanzielle Förderung für Praxis-Neugründungen und -Übernahmen, Foren für den Austausch zwischen alten und jungen Zahnärzten oder auch Praxislotsen, die sowohl den Nachwuchs zu Selbständigkeit und Festanstellung beraten als auch Zahnärzte bei der Nachfolgersuche.

Hinzu kommen Angebote im Studium, etwa Praktika bei Zahnärzten oder Seminare zur Praxisübergabe. Auch das Sozialministerium hat das Problem erkannt. So ist im Koalitionsvertrag festgehalten, dass man ähnliche Anreize wie die Landarztquote im Medizinstudium plant. Dabei werden Studienplätze für Bewerber reserviert, die nach dem Abschluss in der ländlichen Region Sachsen-Anhalts bleiben.

#MDRklärt Sachsen-Anhalt droht ein Zahnärztemangel: Das wird dagegen unternommen

In den kommenden Jahren werden viele Zahnärzte und Zahnärztinnen in Sachsen-Anhalt in Rente gehen. Außerdem gibt es nur wenig Nachwuchs. Mit diesen Maßnahmen soll der Abwärtstrend gestoppt werden.

Der Zahnarzt beginnt mit der Arbeit
Bildrechte: IMAGO / Westend61
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Texttafel: "Mehr Erklärgrafiken und -videos auf Instagram @mdrklaert"
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Zahnärztepaar übernimmt Praxis in Magdeburg aus Liebe zur Heimat

Einen Rest Hoffnung hat Christiane Schliephake noch, dass sie bis zum Sommer einen Nachfolger findet. Schließlich gibt es auch junge Zahnärzte wie Julia und Steffen Busse. Die beiden sind 35 Jahre alt, haben in Leipzig studiert und vor vier Jahren eine Praxis in Magdeburg übernommen. Für das Paar stand immer fest, dass es sich einmal selbständig machen würde. Bei der Standortwahl spielte Geld keineswegs die wichtigste Rolle, sagt Julia Busse: "Wir kommen beide aus der Altmark und sind sehr heimatverbunden, deshalb wollten wir zurück nach Sachsen-Anhalt." Dass es eine Praxis in Magdeburg und nicht in der Altmark geworden ist, sagt sie, lag an der besseren Infrastruktur, aber noch an etwas anderem: "In dieser Praxis war alles in einem sehr modernen Zustand, das hat uns letztlich überzeugt."

Themenschwerpunkte

Quelle: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 21. November 2021 | 12:00 Uhr

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