Twitter-Diskussion Schule der Zukunft: Lernen statt pauken, Austausch statt Disziplin und keine Angst vor Noten

Schule sollte in Zukunft mehr sein als ein Ort, an dem man mit Wissen vollgestopft wird. Darin waren sich die Expertinnen und Experten am Dienstagabend in der Twitter-Spaces-Runde bei MDR SACHSEN-ANHALT einig. Auch die Ideen, die sie haben, um das zu schaffen gleichen sich zum Teil. Die vielleicht Radikalste: Noten abschaffen – denn als Bewertungsmittel taugen die eigentlich nicht.

Bildcollage. Fünf Menschen vor einer grauen Tafel. Im Hintergrund das Twitter-Symbol.
Expertinnen und Experten, Nutzerinnen und Nutzer haben am Dienstagabend über die Schule der Zukunft gesprochen. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT

Lernen, Schule und Bildung – gehören zu den wichtigsten gesellschaftlichen Themen unserer Zeit. Und irgendwie sind alle damit unzufrieden, wie Schule gerade läuft. Nicht nur wegen der Corona-Pandemie. Darum haben wir am Dienstagabend bei Twitter-Spaces Expertinnen und Experten zusammengeholt. Um einfach mal zu spinnen: Wie sollte die Schule der Zukunft aussehen? Was muss sie leisten? Und wer muss dort welche Verantwortung tragen? Und weil bei dem Thema jede und jeder mitreden kann, denn wir alle haben Schule irgendwann mal erlebt, haben wir auch die Nutzer eingeladen, mitzudiskutieren.

So sieht Schulrealität heute aus

Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir. Für Klausuren oder Prüfungen. So jedenfalls erlebt es Felix Schopf. Er ist der Vorsitzende des Landesschülerrat Sachsen-Anhalt.

In einigen Fächern, so Felix, müsse man "Bullemielernen" – sprich sich so viel wie möglich Wissen eintrichtern, um es dann beim Test oder der Klausur "auszukotzen". Das mache keinen Spaß und helfe einem nicht rauszufinden, was man nach der Schule mit seinem Leben anfangen will.

Felix Schopf

ist Vorsitzender des Landes-Schülerrats in Sachsen-Anhalt. Er ist nach seinem erweiterten Realschulabschluss auf die Berufsbildende Schule "Otto von Guericke" in Magdeburg gewechselt, um Abitur zu machen. Dort geht er jetzt in die 12. Klasse und will im kommenden Jahr seinen Abschluss machen.

Überhaupt sei der Druck in der Schule enorm hoch, sagt Felix Schopf. Jede und jeder lerne nur für die Zensuren. Auf den Alltag werde man nicht richtig vorbereitet.

Bildungsexperten fordern deshalb, Noten oder gar Prüfungen auf den Prüfstand zu stellen. Manche wollen sie sogar ganz abschaffen. Wie etwa Erziehungswissenschaftler Henning Schluß. Er sagt, wissenschaftlich betrachtet, seien Noten ein schlechtes Rückmeldesystem für Leistung. Oft würde mit Zensuren Motivation zerstört. Wenn sich etwa eine Schülerin oder ein Schüler extrem anstrenge und sich auch verbessere, aber nicht genug für eine bessere Note, dann sei die Rückmeldung: Anstrengung bringt Dir nichts.

Henning Schluß

Der Erziehungswissenschaftler ist Professor für Empirische Bildungsforschung und Bildungstheorie an der Universität Wien. Er lebt im brandenburgischen Oranienburg und ist in Dessau aufgewachsen.

Um Schule neu aufzustellen, glaubt Schluß, müssten wir uns nicht einmal neue Regeln ausdenken. In den meisten Schulgesetzen stehe schon alles drin. Leider würden die Instrumente derzeit vor allem dafür genutzt, den Druck auf die Schülerinnen und Schüler zu erhöhen. Viele Schulgesetze etwa ermöglichen die Ersetzung von Ziffernnoten durch verbale Bewertungen. Zensuren würden allerdings oft auch von den Eltern eingefordert. Sie bekommen so zwar eine Durchschnittsnote, aber kaum eine detaillierte Rückmeldung zu den Stärken und Schwächen ihrer Kinder gibt.

Bildungsexpetrin Nele Hirsch aus Gräfenhainichen wünscht sich, dass Lehrerinnen und Lehrer mehr Freiräume in ihrem Beruf bekommen. Viele seien in den letzten Monaten extrem überlastet gewesen, so dass sie für individuelles Feedback gar keine Zeit gehabt hätten.

Nele Hirsch

Nele Hirsch aus Gräfenhainichen ist Bildungswissenschaftlerin und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Prozess des Lernens. Mit dem von ihr gegründeten eBildungslabor macht sie Lehrerinnen und Lehrer fit für das digitale Zeitalter.

Schule anders zu denken, dass ist der Ansatz von Nele Hirsch. Statt Wissen zu pauken oder einfach abzuschreiben, plädiert sie für das Denkmodel des "Rauskriegens". Bei dem Schülerinnen und Schüler dazu angehalten werden erst einmal rauszukriegen, wo das Problem liegt und sich dann Lösungen mit anderen zusammen erarbeiten.

Ob Schulen bereit sind, sich für solche Änderungen zu öffnen, hängt für die Lehrerin Ines Bieler aber auch davon ab, wie am Ende abgerechnet wird.

Ines Bieler

Ines Bieler ist Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Englisch am Gymnasium. Seit 2018 arbeitet sie am Zentrum für Lehrer:innenbildung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und ist seit März 2020 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Initiative: Lehramt@digital.
Sie ist Mitbegründerin der @Bildungspunks, einer Plattform, die Lehrende und Lernende im Umgang und beim Einsatz von digitalen Medien im Unterricht unterstützt und vernetzt.

Solange am Schluss eine Prüfung steht, hätten sowohl Lehrende als auch Lernende keine Chance. Ines Bieler sagt: "Für mich fängt eine Änderung auch mit der Änderung der Prüfungskultur an."

So sei es etwa für Lehramtsstudierende zwar wichtig fachlich fit zu sein, aber ein Abiturschnitt von 1 vielleicht nicht nötig, um später an einer Grundschule arbeiten zu können. In anderen Ländern gäbe es Eignungstest, die verhindern sollen, dass jemand erst in der Praxis merkt, dass Mathe zwar toll ist, aber es zu unterrichten nicht.

Mehr Praxis schon in der Ausbildung

Darum wünscht sich Bieler schon in der Lehrer:innen-Ausbildung eine deutlich bessere Verzahnung von Theorie und Praxis. Zwar sei in Sachsen-Anhalt der praktische Anteil beim Studium im Vergleich zu anderen Bundesländern schon recht hoch, reiche aber längst nicht aus.

Stattfinden könnte Schule, so Bieler, überall und mit jedem. Das sollte nicht auf ein Gebäude und Lehrerinnen und Lehrer begrenzt sein. Lernen könne man auch mit Mitschülerinnen und -schülern oder mit besonderen Personen aus der Region. Auch die Schulzeit müsse nicht immer feststehen.

In der Runde war auch Kindheitsforscherin Ilona Weißenfels. Sie wünscht sich eine komplette Änderung des Ortes Schule. Hin zu "Schullandschaften", bei denen Architektur, Infrastruktur und Personal aufeinander abgestimmt sind.

Ilona Weißenfels

Prof. Dr. Ilona Weißenfels ist Kindheitsforscherin an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Davor bildete sie in Rostock Grundschulehrer:innen aus.

Für Ilona Weißenfels wäre es wichtig die Schule der Zukunft ganz neu zu denken. Kleinigkeiten zu ändern, bringe nicht viel, denn wenn man an einem Faden ziehe, komme gleich ein ganzes Netz hinterher.

Am Ende war die Runde offen

Tolle Reaktionen kamen in der Runde auch vom Publikum. Viele Twitter-Nutzer waren als Zuhörer dabei und brachten sich ein. So wurde ein Schulmodel aus Bremen vorgestellt, bei dem es bis zur Oberstufe keine Noten gibt. Ein IT-Experte aus Berlin berichtete von seiner Erfahrung beim digitalen Aufrüsten von Schulen. Außerdem wurde diskutiert, ob sich vielleicht der Lehrerinnen- und Lehrermangel beheben ließe, wenn das Erlebnis Schule schon in der eigenen Schulzeit mit weniger Druck und positiven Erlebnissen geprägt wäre.

Quelle: MDR/Katja Luniak

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 26. Mai 2021 | 06:40 Uhr

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