Bildung Immer mehr Einser-Schüler: Inflation bei den Abiturnoten?

In ganz Deutschland machen heute deutlich mehr junge Menschen Abitur als noch vor einigen Jahren. Und auch die Noten scheinen immer besser zu werden: Allein in Sachsen haben 538 der rund 11.2000 Abiturientinnen und Abiturienten in diesem Jahr eine 1,0 im Abitur oder in der Fachhochschulreife erreicht.

Urkunden, Buchgutscheine und eine Ehrenplakette: Am Freitag sind die Absolventinnen und Absolventen in Sachsen ausgezeichnet worden, die ihr Abitur mit einer 1,0 abgelegt haben. In diesem Jahr sind es 538, die einen Abschluss mit dieser Note in der Tasche haben. Und die Tendenz steigt: Im letzten Jahr waren es 487 Eins-Nuller, im Jahr davor 379. Ist das Abitur einfacher geworden oder die Schülerinnen und Schüler immer besser? Wird das 1,0-Abi langsam entwertet?

Zahl der Eins-Nuller-Abis hat sich seit 2013 verfünffacht

Den Zahlen der Kultusministerkonferenz zufolge lag der Durchschnitt der Abiturnoten in Deutschland im Jahr 2011 bei 2,3; zehn Jahre später bei 2,27. Eine 1,0 gibt es heute bundesweit öfter als noch vor einigen Jahren. Auch in Sachsen ist die Zahl der Absolventinnen und Absolventen mit dieser Note gestiegen, seit 2013 hat sie sich von 101 auf 538 mehr als verfünffacht.

Anteil der Abiturienten mit einem Durchschnitt von 1,0 in Prozent.
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Nach Angaben des sächsischen Kultusministeriums ist dieser Anstieg auf ein rechnerisches Phänomen zurückzuführen: Während Schülerinnen und Schüler zuvor alle Fächer in die Abiturnote hatten einbringen müssen, können sie mittlerweile 12 davon abwählen. Das mache allgemein eine Verbesserung von einem Zehntel aus. Schüler, die zuvor die Note 1,1 erreicht hätten, erlangten nun ein glattes Einser-Abitur.

Die Inflation der Noten führt zu allmählicher Entwertung, aber solang das nicht sehr schnell geht, ist das unproblematisch.

Robert Kreitz Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Chemnitz

"Ob das Abi leichter wird, ist schwer zu beurteilen, dazu fehlen die Vergleichsmaßstäbe“, so Robert Kreitz, Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Chemnitz. Der Wissenschaftler spricht zwar von einer leichten Entwertung der Topnoten, diese sei aber unproblematisch: „Wichtiger ist, dass die Maßstäbe der Bewertung zwischen den Schulen und den Bundesländern einigermaßen gleich bleiben.“ Im letzten Jahr war der Abinotendurchschnitt mit 2,06 in Thüringen am besten. Am schlechtesten war der Schnitt in Rheinland-Pfalz mit der Durchschnittsnote 2,48.

Durchschnittliche Abiturnoten im Vergleich: 2011 und 2021
Bundesland ⌀ Note 2011 ⌀ Note 2021
Thüringen 2,20 2,06
Sachsen 2,48 2,12
Brandenburg 2,38 2,17
Bayern 2,37 2,18
Mecklenburg-Vorpommern 2,42 2,21
Berlin 2,45 2,24
Hessen 2,49 2,25
Sachsen-Anhalt 2,52 2,25
Saarland 2,44 2,26
Hamburg 2,47 2,27
Bremen 2,47 2,32
Nordrhein-Westfalen 2,54 2,35
Niedersachsen 2,59 2,38
Baden-Württemberg 2,44 2,38
Schleswig-Holstein 2,52 2,4
Rheinland-Pfalz 2,6 2,48

Quelle: Kultusministerkonferenz

Unsere Leistungsansprüche in Sachsen sind schon größer als in anderen Bundesländern.

Thomas Langer Sächsischer Philologenverband

Ist das Abi in manchen Bundesländern leichter als in anderen? Laut sächsischem Philologenverband kann die je nach Bundesland unterschiedliche verpflichtende Fächerkombination einen Unterschied machen. Was bedeutet das für die bundesweite Vergleichbarkeit? "Wir streben keine Vereinheitlichung des Abiturs an, sondern größere Vergleichbarkeit und hätten natürlich gern, dass man sich da an den sächsischen Maßstäben orientiert“, so Thomas Langer, Landesvorsitzender des Vereins. Die Leistungsansprüche im Freistaat schätzt Langer höher ein als in anderen Bundesländern. Seine These: Durch Corona gab es für die Schüler weniger Ablenkung während der Prüfungsphase.

Sächsischer Lehrerverband: "Leistung ist Leistung"

Gerade im Hinblick auf die vergangenen Corona-Schuljahre stellt sich manchem die Frage nach der Schwierigkeit der diesjährigen Abiturprüfungen in Sachsen. „Aufgrund von Corona sind die Anforderungen vielleicht nicht ganz oben angesetzt“, so Michael Jung, Oberschullehrer in Freiberg und stellvertretender Landesvorsitzender des sächsischen Lehrerverbandes. Aus seiner Sicht habe in Sachsen aber vor allem die Abiturvorbereitung in diesem Jahr den Unterschied gemacht: Pandemiebedingt hätten sich die Schülerinnen und Schüler individueller und spezifischer auf die Prüfungen vorbereiten können.

Der Hinweis "Ruhe bitte, Heute: Abiturprüfungen" steht auf einem Schild vor den Prüfungsräumen eines Gymnasiums.
Topnoten gibt es nicht nur an den Gymnasien: Für 56 Realschulabschlüsse ist in Sachsen die Note 1,0 vergeben worden. Bildrechte: dpa

Gute Noten auch an den Oberschulen

Sollte sich die Situation normalisieren, könnte ich mir vorstellen, dass wieder weniger Einser durchs Ziel gehen“, so Jung. Entwicklungen an den sächsischen Oberschulen schätzt er ähnlich ein. Gute Noten gab es nämlich nicht nur an den Gymnasien: Von den 16.550 Schülerinnen und Schülern, die in diesem Jahr Prüfungen an den Ober- und Förderschulen für den Realschulabschluss abgelegt haben, haben 56 die Note 1 erlangt. Im Verhältnis gibt es damit weniger 1,0-Realschulabschlüsse als 1,0-Abiture. Auch für die Realschulabsolventinnen und -absolventen hat es eine Ehrung gegeben, am vergangenen Montag überreichte Kultusminister Christian Piwarz ihnen in der Dresdener Frauenkirche eine Anerkennungsurkunde.

MDR (dpa/lst)

Dieses Thema im Programm: 15. Juli 2022 | 14:00 Uhr

25 Kommentare

Fakt vor 9 Wochen

@Britta.Weber:

Rotwolf meinte vermutlich die "Querschwurbler" oder "Quarkdenker", welche sich den Namen der ursprünglichen Querdenker fälschlicherweise für ihr krudes Denken zu eigen gemacht haben.

goffman vor 9 Wochen

@ Rain Man: Und? Vielleicht bekommen die Schüler dort den Stoff besser/ anders erklärt oder eine individuellere Betreuung? Ich kenne vergleichbare Fälle, manchmal liegt es halt nicht am Schüler.

Britta.Weber vor 9 Wochen

@Gerald, völlig richtig. Der "normale" Beruf als Arbeiter, Handwerker etc verdient mehr Wertschätzung! Viele Studenten, vor allem aus gesellschaftswissenschafltichen Richtungen, finden keine für die Gesellschaft nötigen Jobs.

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