Abtreibungsdebatte 5.000 Frauen brechen jährlich in Sachsen ihre Schwangerschaft ab

In der DDR waren Schwangerschaftsabbrüche legal. Heute sind Abtreibungen mit dem Paragraf 218 grundsätzlich strafbar, werden aber unter bestimmten Voraussetzungen nicht verfolgt. Die Diskussionen um das Recht auf Abtreibung nehmen wieder zu. Erst kürzlich wurden die Regeln im Nachbarland Polen verschärft, Frauen müssen dort auch todkranke Kinder gebären. Doch auch in Deutschland verklagen Abtreibungsgegner Ärztinnen und Ärzte. Frauen warnen bei MDR SACHSEN vor einem Rückschritt sowie vor Abtreibungstourismus.

Teilnehmerinnen der Demonstration «Marsch für das Leben» gegen Abtreibungen vom 'Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, sexuelle Vielfalt und bunte Lebensentwürfe' bilden auf dem Pariser Platz mit Transparenten den Schriftzug '§218 legal'.
Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland strafbar, nur unter bestimmten Voraussetzungen wird von einer Strafverfolgung abgesehen. Dagegen wehren sich immer wieder Aktivistinnen und Aktivisten. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Evelyn Miksch kann sich noch genau an den Tag vor 13 Jahren erinnern. Das Ergebnis des Tests traf sie wie ein Schlag: Schwanger! "Ich war 24 Jahre, mitten im Studium, hatte wahnsinnig Angst, diese Nachricht meinen Eltern zu vermitteln", erklärt die heute 37-Jährige im Gespräch mit "Dienstags direkt". "Wir waren erst drei Monate zusammen. Ich wusste gar nichts, mit jedem Tag fühlte ich mich schlechter und bekam eine Art Depression." Nach anstrengenden Wochen entschließt sich die damalige Studentin, ihre Schwangerschaft abzubrechen. "Das war nicht einfach für mich, mein damaliger Partner und heutiger Mann ist gläubig", erklärt Evelyn. "Doch ich habe es nie bereut."

MDR next-Pitchday
Evelyn Miksch arbeitet heute als Social-Media-Redakteurin und findet es wichtig, über Abtreibungen offen zu reden. Bildrechte: Sebastian Weise/MDRnext

82 von 10.000 Frauen in Sachsen treiben jährlich ab

Ähnlich wie Evelyn ergeht es in Sachsen jedes Jahr Tausenden Frauen. Insgesamt 5.084 haben im Jahr 2020 im Freistaat ihre Schwangerschaft abbrechen lassen. Darüber informiert das Statistische Landesamt auf Anfrage von "Dienstags direkt". Das entspreche etwa 82 von 10.000 Frauen im gebärfähigen Alter von 15 bis 45 Jahren. Der Wert bewegt sich seit dem Jahr 1998 grob auf dem gleichen Niveau.

Prof. Dr. Ulrike Busch ist Professorin für Familienplanung und Mitglied beim Bundesverband „pro familia“
Prof. Dr. Ulrike Busch ist Professorin für Familienplanung und Mitglied beim Bundesverband Pro Familia. Bildrechte: MDR/Judith Heinze

Jede vierte bis fünfte Frau hat in ihrem Leben einmal einen Schwangerschaftsabbruch.

Ulrike Busch Professorin für Familienplanung am Institut für Angewandte Sexualwissenschaft der Hochschule Merseburg

Die Professorin für Familienplanung an der Hochschule Merseburg, Ulrike Busch, erklärt, das bedeute nicht, dass Frauen in Massen abtreiben, sondern: "Im Laufe von 30 bis 35 fruchtbaren Jahren kann es einmal passieren, dass eine Frau ungewollt schwanger wird und diese Schwangerschaft abbricht." In dieser Situation brauche sie "ein kompetentes und respektvolles Gegenüber".

Zugang zur Verhütung ist ausbaufähig

Busch warnt allerdings davor, sich in der Debatte über Abtreibungen zu stark an Zahlen zu orientieren. "Häufig wird gesagt, niedrige Zahlen stünden für guten Lebensschutz und hohe Zahlen seien bedenklich", erklärt sie. "Das ist infrage zu stellen. Die Bedingungen sind reglementiert. Viele Frauen haben Stigmatisierungen so verinnerlicht, dass sie sich nicht für eine Abtreibung entscheiden." Besonders beim Zugang zur Verhütung gebe es in Deutschland Nachholbedarf. "Noch nicht einmal sozial benachteiligte Frauen – geschweige denn alle Frauen – werden bei der Übernahme der Kosten unterstützt."

Ursula Seubert, Geschäftsführerin des Pro Familia Landesverbandes Sachsen
Bildrechte: Ursula Seubert

In Sachsen gibt es überhaupt keine Möglichkeit für eine finanzielle Unterstützung ab einem Alter von 22 Jahren.

Ursula Seubert Geschäftsführerin des Pro Familia Landesverbandes Sachsen

Gegenstand heftiger Debatten

Busch kritisiert die Verankerung im Strafgesetzbuch. "Immer wieder ist das Thema Gegenstand heftiger Debatten. Das Recht der Frauen auf sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung ist massiv eingeschränkt und auch Ärztinnen und Ärzte bewegen sich im strafrechtlichen Kontext. Das alles hat Folgen." Diese reichten so weit, dass die Ausbildung der Mediziner zur Durchführung von Abbrüchen immer weiter zurückgefahren werde.

Eine Teilnehmerin einer Demonstration gegen die Paragrafen 218 und 219a, die Schwangerschaftsabbrüche und das Werbeverbot dafür regeln, hält ein Schild mit der Aufschrift "Mein Uterus, meine Entscheidung" hoch. 131 min
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Schwangerschaftsabbrüche galten besonders in Ostdeutschland als selbstverständlich, in der DDR waren sie legal. Seit einigen Jahren streiten Frauen, Kirchenvertreter und Abtreibungsgegner wieder heftiger.

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Di 29.06.2021 20:00Uhr 131:18 min

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Bedürfnis nach besserer Versorgung

"Frauen in Deutschland haben das Bedürfnis nach einer besseren Versorgung abseits von Sanktionierungen und schwierigen Hürdenläufen", erklärt Busch. Allein 1.250 Frauen seien 2018 zu einem Schwangerschaftsabbruch in die Niederlande gefahren. Dies könne an der Grenznähe liegen, aber auch zeigen, "dass Frauen respektvoll und ohne Stigmatisierung ihre Schwangerschaft abbrechen lassen wollen". Bei der gemeinnützigen Plattform "Women on web", die Abtreibungen telemedizinisch betreut, seien über 1.000 Anfragen aus Deutschland eingegangen. Dies bedeute jedoch nicht, dass diese Abtreibungen auch durchgeführt worden sind, schränkt Busch ein.

Pro Familia: Schwangerschaftsabbruch raus aus Strafgesetzbuch

Seubert von Pro Familia fordert: "Seit 150 Jahren steht der Paragraph 218 zum Schwangerschaftsabbruch im Strafgesetzbuch zwischen Mord (§211), Totschlag (§212) und fahrlässiger Tötung (§222). Damit greift der Staat in das Menschenrecht der Selbstbestimmung ein und nimmt sich das Kontrollrecht über die Autonomie der Frau. Der Schwangerschaftsabbruch muss endlich raus aus dem Strafgesetzbuch."

Gesetzesblatt zum Schwangerschaftsabbruch, 1972
Die Volkskammer der DDR verabschiedete das "Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft" am 9. März 1972. Das Gesetz stellte weltweit ein Novum dar.  Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv

Schwangerschaftsabbrüche in der DDR legal

In der DDR waren Schwangerschaftsabbrüche bis zur zwölften Schwangerschaftswoche legal. "Schon die DDR verfügte im Übrigen über ein modernes Recht zum Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft", erklärt Busch. Doch auch andere Länder wie Frankreich, Belgien, Irland, Neuseeland zeigten, dass es anders geht.

Abtreibungen im Jahresvergleich
Jahr Schwangerschaftsabbrüche Schwangerschaftsabbrüche je 10.000 Frauen
2020 5084 82,3
2019 5.160 83,6
2018 5.250 85,5
1993 9.559 104,6
1992 12.570 137,2
1991 14.719 159,2
1983 27.337 255,1
1982 27.879 258,7
1981 27.677 255,9

Quelle: MDR/kt/Statistisches Landesamt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 29. Juni 2021 | 20:00 Uhr

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