Folgen der Lockdowns Kopfweh, Übelkeit, Bauchschmerzen: Kinder und Jugendliche mit Angst vor Schule

Schulschließungen, geteilte Klassen, Fernunterricht daheim. In den beiden bisherigen Pandemiejahren wurde Kindern und Jugendlichen viel abverlangt. Nun sind die Schulen wieder im Regelbetrieb. Aber nicht allen Heranwachsenden gelingt der Schritt zurück in die Normalität. Sie plagen Leistungs- und Versagensängste.

Ein Ranzen und Schuhe liegen auf einer Türschwelle.
Nach dem Pandemiemodus gelingt es nicht allen Kindern, problemlos in den normalen Schullalltag zurückzufinden. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Wenn bei Kerstin* auf der Arbeit das Telefon klingelt, denkt sie zuerst an die Schule ihres zwölfjährigen Jungen. "Ich wurde schon mehrmals von der Schule angerufen, weil das Kind im Sekretariat steht und über Unwohlsein klagt", erzählt die Dresdnerin. Die Mutter ist ratlos. Nichts deutet auf eine körperliche Erkrankung hin und die Symptome zeigen sich stets im Zusammenhang mit dem Schulbesuch.

Es sei schwer, in so einer Situation zu sagen, dass das Kind dableiben soll. "Es ist mir einmal gelungen, mit meinem Sohn am Telefon zu sprechen und ihn zu überreden. Aber ganz oft sage ich: 'Gut, dann gehst Du nach Hause, ruhst Dich noch mal aus.'" Auch vor Schulbeginn kommt es vor, dass der Zwölfjährige zum Beispiel über Bauchschmerzen klagt und zu Hause bleiben will. "Häufig habe ich den Kampf, ihn doch in die Schule zu bekommen, dann aufgegeben", sagt Kerstin.

Häufig habe ich den Kampf, ihn doch in die Schule zu bekommen, dann aufgegeben.

Kerstin Mutter aus Dresden

Lasub: Coronabedingt psychologische Probleme

Die Schilderung der Dresdnerin ist kein Einzelfall. Das geht aus Gesprächen mit Schulleitungen und Schulspsychologen in Sachsen hervor, bestätigt Roman Schulz, Sprecher vom Landesamt für Schule und Bildung (Lasub). Es gebe durchaus coronabedingt psychologische Probleme an den Schulen. "Wir brauchen bei manchen Kindern eine Art Reintegration in die Gemeinschaft aus dieser langen Vereinsamungsphase heraus", so der Lasub-Sprecher.

Denn nach den harten Lockdowns, den Teilschließungen, Quarantäne- und Krankheitsausfällen durch Corona tun sich etliche Kinder und Jugendliche schwer, wieder in den normalen Alltag zurückzukehren. Die Heranwachsenden sorgten sich zum Beispiel, die Klassenziele zu schaffen, auch gebe es Unsicherheiten im Umgang mit dem strukturierten Schulalltag, wie Schulz berichtet.

Wir brauchen bei manchen Kindern eine Art Reintegration in die Gemeinschaft aus dieser langen Vereinsamungsphase heraus.

Roman Schulz Sprecher des Landesamtes für Schule und Bildung

Fachärztin: Angstsymptome sind real

Dass unter den Kindern und Jugendlichen mehr Fälle von Schulangst und Schulvermeidung auftreten, beobachtet auch Eva Seeger. Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und leitet in diesem Bereich die Ambulanz am Dresdner Uniklinikum. Vor allem Jugendliche machten sich große Sorgen über ihre weitere schulische Laufbahn und zeigten dann Symptome wie Bauchschmerzen, Kopfweh, Übelkeit oder Panikattacken.

Eine Erklärung dieser Problems: Während der Schulzeit zu Hause hatten sich die Kinder selbst strukturiert. Danach sei in den Schulen in relativ schnellem Tempo wieder angezogen worden, meint die Ärztin. Diesen nahtlosen Übergang in den Leistungsanspruch hinzubekommen, falle manchen schwer. Dabei sind die Symptome wie Bauchschmerzen oder Kopfweh laut Seeger nicht vorgeschoben oder eingebildet, sondern eine echte körperliche Reaktionen auf die angsteinflößende Situation.

Ein Mädchen sitzt am Tisch und hält sich die Hände vor ihr Gesicht
Jüngere Kinder zeigen ihre Ängste deutlicher als ältere. Bildrechte: dpa

Während kleine Kinder den Eltern ihre Gefühle deutlicher zeigten, durch klagen, schlechtes Schlafen oder weinen, unterdrückten Jugendliche diese eher. Bei den Älteren äußere sich Schul- und Leistungsangst oftmals dann in den Schulen kurz vor Tests oder Klausuren mit Panikattacken, Herzrasen, Ohnmacht, Übelkeit oder einem Blackout. Manche Jugendliche versuchten auch ihre Furcht vor Klausuren oder schlechten Noten mit übermäßigem Lernen zu kompensieren, ohne sich wichtige Erholungszeiten zu nehmen.

Tipp: Weiter in die Schule gehen, Fehlzeiten vermeiden

"Angst ist eine ganz starke Emotion. Ich muss als Erwachsener hier in die Verantwortung gehen, weil das Kind dann nicht mehr gut entscheiden kann", erklärt Seeger. Es Zuhause zu lassen, sei der falsche Weg, weil sich dadurch die Symptomatik verschärfe. Solange das Kind im normalen Alltag alles machen kann - sich bewegen, Zähne putzen - und keine Infektanzeichen hat, empfiehlt die Ärztin, den Sohn oder die Tochter auch mit Kopf- oder Bauchschmerzen in die Schule zu schicken.

"Wir alle haben immer irgendwelche körperliche Beschwerden. Und wenn ich Angst habe, ich eine Situation habe, vor der ich aufgeregt bin, dann habe ich Bauchschmerzen, dann ist mir übel, habe ich Kopfschmerzen, bin angespannt", so Seeger. "Wenn ein Kind Angstsymptome zeigt, schätze ich als Erwachsener ein, ob die Situation für das Kind gefährlich ist. Eine Klassenarbeit ist es nicht."

Dr. Eva Seeger, Oberärztin Ambulanz, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Uniklinikum Dresden
Dr. Eva Seeger ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und leitet in diesem Bereich die Ambulanz am Dresdner Uniklinikum. Bildrechte: Uniklinikum Dresden

Ganz wichtig sei, dass Kind zu motivieren, nach wie vor in die Schule zu gehen und Fehlzeiten zu vermeiden, kann Seeger immer wieder nur betonen. Auch sollten Eltern der Schule signalisieren, das Kind nicht zu schnell nach Hause zu schicken. Sonst könne die Angst sich zu einem Vermeidungsverhalten ausbilden und in einer echten Schulphobie enden.

Pädagogin: Kind braucht Sicherungsanker

Das sieht Martina Meixner genauso. Die Heil- und Hochbegabtenpädagogin coacht unter anderem Familien in derartigen Lebenslagen. Außerdem hält sie Seminare für Lehrkräfte zum Umgang mit Motivationsverlust, Angst und auffälligem Verhalten bei Schülerinnen und Schülern. Der falsche Weg ist laut ihr, das Kind aus der Schule zu nehmen. "Dann kann aus einer Angst ganz schnell eine Angststörung werden. Ich muss - im Gegenteil das Kind erleben lassen, dass es mit diesem Gefühl umgehen kann", so Meixner.

Wichtig sei ein Sicherungsanker – das können die Eltern sein, ein guter Schulfreund, der auf dem Schulweg für Ablenkung sorgt oder auch bestimmte Entspannungs- und Atemtechniken. Bei den Kleineren könnten Eltern kreativ werden und zum Beispiel ein Anti-Angst-Bonbon oder ein Mutmach-Spray ins Spiel bringen. "So hat das Kind etwas an der Hand, was sofort etwas mit der Angst macht."

Ich muss das Kind erleben lassen, dass es mit diesem Gefühl umgehen kann.

Martina Meixner Pädagogin und Supervisorin

Hat ein Schüler oder eine Schülerin Ängste, sollten Eltern professionelle Hilfe suchen, sagt Schulz vom Lasub. Das könne der Schulpsychologe sein, aber auch das Gespräch mit der Fachlehrerin oder dem Klassenleiter. "Die erste Station sind die Lehrer, damit sie wissen, mit dem Kind muss ich sensibler umgehen."

Es sei nicht besonders klug, das Kind weiter unter Druck zu setzen, bestätigt Meixner. Das erlebe sie aber leider auch: "Dass eine Sozialpädagogin ein Kind coacht, dass es die Angst so weit bekämpft und in die Schule gehen kann. Das Kind kommt am ersten Tag in die Schule und die Lehrerin sagt im Originalton: 'Schön, dass Du wieder da bist, dann können wir ja gleich die beiden Arbeiten, die liegen geblieben sind, nachschreiben.'" Solche Dinge führten eher zur Entwicklung einer Angststörung.

Heilpädagogin Martina Meixner
Die Pädagogin und Supervisorin Martina Meixner coacht Kinder und Jugendliche bei Ängsten und Motivationsverlust. Bildrechte: Meixner

Terminstau und lange Wartezeiten

Die schulpsychologischen Beratungsstellen sind laut Lasub zwar ein guter Anlaufpunkt, aber ausgelastet. Es gibt Terminstau und Wartezeiten. So sehe es sachsenweit auf dem gesamten kinder- und jugendpsychiatrischen und psychotherapeutischen Gebiet aus. Es fehle an Behandlungsplätzen, sagt Seeger. "Wenn Patienten aufgrund von Leistungs- und Versagensängsten über Wochen und Monate nicht mehr in die Schule gegangen sind und wir sehen, wir bekommen das ambulant nicht hin, dann haben sie drei bis sechs Monate auf einen stationären Platz warten müssen." Das sei schon vor Corona so gewesen und habe sich nun verschärft.

Manchmal ist ein Schulwechsel die Lösung, damit das Kind wieder Erfolgserlebnisse hat.

Eva Seeger Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie

Auch Eltern, die in der Ambulanz anrufen, könne Seeger im Augenblick ein erstes Beratungsgespräch erst im Herbst anbieten, "was gerade bei dieser Symptomatik dramatisch ist". Dennoch rät die Ärztin den betroffenen Familien nichts unversucht zu lassen, alle psychotherapeutischen Praxen abzutelefonieren und mit der Schule eine individuelle Lösung zu finden.

Hier komme es darauf an, inwiefern die einzelnen Schulen bereits Erfahrungen haben, wie sie personell aufgestellt sind und bereit sind, rechtliche Grauzonen auszuloten. Ganz wichtig ist für Eltern die Frage, ob die Schulart für das Kind die richtige ist. "Wir haben immer wieder Kinder, die aufs Gymnasium gehen, aber massiv überfordert sind. Dann ist ein Schulwechsel die Lösung, damit das Kind wieder Erfolgserlebnisse hat", so Seeger.

Eine Grundschülerin sitzt neben ihrem Ranzen auf einer Treppe
Ein Kind mit Schulangst sollte nicht zu Hause bleiben, dadurch verstärkt sich die Symptomatik. Bildrechte: imago/Westend61

Prinzipiell ist Schulangst laut Seeger gut therapierbar. Das Kind müsse aber in seinem Alltag bleiben. Es zeitweise aus der Schule zu nehmen, sei pures Gift. "Wenn Kinder gar nicht mehr in die Schule gehen, dann braucht es intensive Therapie, die meist lange dauert und stationäre Zeiten beinhaltet", sagt die Fachärztin.

Das Lasub sieht in dem bis ins nächste Jahr reichenden Corona-Aufholprogramm eine Chance, um psychische Probleme in den Griff zu bekommen. Hier können sich Schulen zusätzliches Knowhow gerade im sozial-emotionalen Bereich auf Honorarbasis einkaufen - zum Beispiel Zusatzangebote, die auf gemeinsame, emotionale Erlebnisse im Klassenverband abzielen.

*Name von der Redaktion geändert

MDR (ma)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 05. Mai 2022 | 16:00 Uhr

9 Kommentare

Reuter4774 vor 28 Wochen

Gohlis
"Dank" der Rentnergesellschaft. Lesen Sie die abwertend Kommentare der obigen 65+ Leute . Sind gut zu erkennen wie immer wenn sie nicht mehr in den Mittelpunkt gestellt werden wie sie es 2 Jahre kannten. Das geht in Zukunft wirtschaftlich und finanziell aber nicht mehr.

Reuter4774 vor 28 Wochen

Annimmt
Haben Sie DIESEN Artikel gelesen/ verstanden? Oder einfach nur mal jüngere Generationen abwertend kommentieren? Es steht gut beschrieben drin worum es wirklich geht, bitte mal lesen!

Reuter4774 vor 28 Wochen

Wagner
Das ist leider typisch in Deutschland Kinder haben keine Lobby. Da müssen sofort alle alten Kinderlosen aufschreien. Der Reflex funktioniert. Die Kinder wurden monatelang zu Hause gelassen, ABER due Tagesstätten für Senioren waren offen, morgens haben die Fahrdienste sie munter alle abgeholt. Wir haben 3 in der direkten Umgebung. Weil es Erwachsenen ( Alten die ausschließlich von Anderen ihren Schutz fordern) nicht zugemutet werden kann. Dann aber noch den Kindern/ Jugendlichen dumme Reden halten. Leider ist die Generation 60+ offenbar der Ansicht das es keinem besser gehen darf als Ihnen damals ( angeblich). Traurig.

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